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domingo, 19. mayo 2024
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Der Deutsche und Chilene Sebastian Watzek über seine Adoption

«Ein Wanderer zwischen den Welten»

Sebastian Watzek ist alt-katholischer Pfarrer in Nürnberg und Würzburg. Als Säugling ist er in Santiago ausgesetzt worden und nach zweieinviertel Jahren in der Casa Nacional del Niño wurde er von einer deutschen Familie adoptiert. Sebastian Watzek erzählt im Cóndor-Interview über sein besonderes Schicksal der Adoption und seine Verbindung zu beiden Ländern, Chile und Deutschland (siehe auch Seite 15).

Was wissen Sie über Ihr Leben vor der Adoption?

Ich bin im Dezember des Jahres 1978 als Neugeborenes von ein paar Tagen vor einer Schule in der Straße Warren Smith neben der Avenida Apoquindo in Las Condes aufgefunden worden. Von dort wurde ich zur Casa Nacional del Niño vom Sename, Servicio Nacional de Menores, gebracht, in dessen Obhut ich bis zum Alter von zweieinviertel Jahren gewesen bin. 

Was sind Ihre ersten Erinnerungen?

An die Zeit im Waisenhaus beziehungsweise wohl zunächst in der Säuglingsstation und dann bei einer Tagesmutter, weiß ich nicht mehr viel, beziehungsweise geht es da eher über negative Gefühle, Körperempfindungen und Bilder. 

Wann kamen Sie zu Ihrer Familie nach Deutschland? Wo sind Sie aufgewachsen?

Mit zweieinviertel Jahren wurde ich von meiner Adoptivfamilie in Coburg, im bayrischen Oberfranken, adoptiert. Dort bin ich aufgewachsen und auf die Schule gegangen. Einige Familien in Coburg haben auch schon vor oder nach mir chilenische Waisenkinder adoptiert. Aufgrund meiner Geschichte – ich kam mit gerade mal drei Worten Spanisch nach Deutschland – konnte ich mich schnell in Deutschland eingewöhnen und an Land, Leute, mein neues Umfeld und Kultur anpassen. 

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu Ihrer Adoptivfamilie?

Das Verhältnis ist gut und relativ stabil. Mit Höhen und Tiefen wie bei anderen Familien auch. Wichtig ist bei dem Thema Adoption, dass ein traumatisiertes Kind mit seinen Verletzungen und auch mit seiner biologischen Familie adoptiert wird. Diese ist immer irgendwie mit dabei! Nach meiner Erfahrung und vieler anderer Adoptierter, die ich kenne, stimmt es nicht, dass mit der Adoption alles gut und vorbei ist. Das geht komplett an der Realität vorbei.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, Priester zu werden?

Ich bin in der 11. Klasse auf die Jesuiten, Gesellschaft Jesu, aufmerksam gemacht worden. Das hat mich einfach fasziniert und damals angesprochen.

Wie verlief Ihr Berufsweg?

Nach der Schule war ich zwei Jahre im Priesterseminar Bamberg und bin dann im Jahr 2000 in das Noviziat in die Gesellschaft Jesu eingetreten. Ich habe die ordensübliche Ausbildung durchlaufen, mit Stationen in Nürnberg (Noviziat), München (Philosophiestudium), Chile (Hogar de Cristo), Berlin (Schulseelsorge am Canisiuskolleg), Rom (Theologiestudium) und  Göttingen (Kaplans-zeit). Dann kam eine Auszeit, an deren Ende ich mich entschlossen habe, der alt-katholischen Kirche beizutreten. Ein Grund ist, dass in dieser kleinen, liberalen katholischen Kirche, schon vieles verwirklicht ist, worüber in der römisch-katholischen Kirche noch diskutiert und verhandelt wird. Da war ich dann als Vikar in Berlin und später dann Pfarrer in Kempten und nun in Nürnberg und Würzburg.

Sie haben über zwei Jahre in Chile gearbeitet. Wie war diese Zeit für Sie? Was hat sie für Sie bedeutet? 

Für mich war es im Vorfeld schon wichtig, dass ich die doppelte Staatsbürgerschaft erworben habe – die chilenische durch die Geburt, die deutsche durch die Adoption. In Chile war ich beim Hogar de Cristo in Concepción und in Santiago in der Área de las Hospederías, den Obdachlosenunterkünften, beschäftigt. Da war es meine Aufgabe in der Equipo de la Pastoral, im Pastoralteam, mit den Menschen dort in Kontakt zu kommen und die Teams dort pastoral zu begleiten. Diese Erfahrungen im Hogar de Cristo und natürlich meine Heimat kennenzulernen, haben mich entscheidend geprägt. Seitdem fühle ich mich «vollständiger». 

Sie haben beide Staatsbürgerschaften. Identifizieren Sie sich mit beiden Nationalitäten gleich?

Ich bin Chilene und ich bin Deutscher und irgendwie auch nicht. In dem einen Land fällt mein deutscher Akzent auf, in dem anderen Land mein Aussehen. Vom chilenischen und indigenen Anteil her habe ich meine Lebensfreude, die Lust an Wortspielen, etwas Melancholisches, die Liebe zum Meer. Von meiner deutschen Prägung und Erziehung her, habe ich mir einige deutsche «Tugenden» angeeignet. Ein Wanderer zwischen den Welten eben. Und ein Brückenbauer. Wenn es geht und mir möglich ist, versuche ich Chile und Deutschland miteinander zu verbinden. Und wenn es nur die Gelegenheit ist, deutsche Freunde zu den Fiestas Patrias mitzunehmen, wie in Berlin, wo ich gelebt habe und Chilenen dies dort traditionell gefeiert haben.

Was hat Sie besonders geprägt? 

Geprägt hat mich besonders meine Zeit in der Casa Nacional del Niño. Also die ersten beiden Lebensjahre. 

Was bedeutet das Thema Adoption für Sie und dass Sie chilenische Eltern haben, die Sie aber nie kennengelernt haben, und in Deutschland aufgewachsen sind?

Wichtig ist mir bei dem Thema Adoption, dass im Mittelpunkt das Kind und nicht die Adoptivfamilie steht beziehungsweise nicht die Adoptiveltern stehen. Mir war es im Gegensatz zu anderen Adoptierten, denen man die Wahrheit verschwiegen hat, klar, dass ich adoptiert bin. Wichtig ist generell, dass es dem adoptierten Kind so bald wie möglich gesagt wird und dass es die Möglichkeit hat, auf Wurzelsuche zu gehen und Kontakt zu seiner leiblichen Familie zu bekommen, wenn es dies möchte. Wenn dies alles nicht gegeben ist, sollte man auf eine Adoption besser verzichten. .

Die Fragen stellte Silvia Kählert.

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