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sábado, 28. noviembre 2020
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Buchrezension: «Das Licht, das erlosch» von Ivan Krastev und Stephen Holmes

Das Unbehagen in der Welt

Das Gefühl, übervorteilt und zu kurz gekommen zu sein: Pro-Brexit-Protest 2016 in England

Von Arne Dettmann

Die anfängliche Begeisterung für den Liberalismus nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes ist verflogen. Es macht sich Ressentiment breit. Eigentlich hätte der Berliner Mauerfall 1989 das Ende der Geschichte einläuten sollen. So sah es jedenfalls damals der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der 1992 in einem Artikel und einem Buch die These vertrat, mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Auflösung des Ostblocks würden sich Demokratie und Marktwirtschaft überall und endgültig durchsetzen. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes sei auch der Kampf gegensätzlicher Ideologien vorbei, der Liberalismus trage – anders als von Karl Marx prophezeit – den globalen Sieg davon. Ende gut, alles gut.

Proteste weltweit

Drei Jahrzehnte später scheint es allerdings, dass der Film über die Menschheitsgeschichte nicht beim vorausgesagten Happy End aufhört, sondern mit einem sehr irritierenden Nachspann weiterläuft. Proteste in Hongkong, der Türkei und im Iran; Unruhen in Chile, Bolivien und Venezuela; im Nahen Osten hat sich ein islamischer Fundamentalismus breit gemacht, in Mittel- und Osteuropa poltern nationalkonservative Figuren wie Viktor Orbán in Ungarn und Jaroslaw Kaczyński in Polen, während auf der anderen Seite des Atlantiks Donald Trump permanent Turbulenzen auslöst. In Europa scheren nicht nur die Engländer per Brexit aus, sondern auch die Ostdeutschen, die sich lieber der populistischen «Alternative für Deutschland» (AfD) anschließen, anstatt sich für die Segnungen der Wiedervereinigung zu bedanken. Hat da jemand die Lektion vom «Ende der Geschichte» nicht verstanden?

«Abwertung des Westens»

«Das Licht, das erlosch» von Ivan Krastev und Stephen Holmes, 368 Seiten, Ullstein-Verlag, 2019, ISBN-13: 9783550050695  

Wenn aus einer sicher geglaubten Zukunft nunmehr Dekadenzphänomene geworden sind, muss etwas gehörig schiefgelaufen sein. Der US-amerikanische Jura-Professor Stephen Holmes und der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev gehen in ihrer Analyse «Das Licht, das erlosch» noch einmal zurück in die Zeit der Umbruchsjahre, als der Kommunismus abgewirtschaftet hatte und sich der ehemalige Ostblock euphorisch anschickte, möglichst schnell Kapitalismus und die liberale Gesinnung vom Westen zu übernehmen. In diesem Nachahmungseifer schlummerte aber auch schon der Keim für Frust und Enttäuschung. Stets fühlen sich die Oststaaten als unvollkommene Nachzügler, die es trotz harter Reformen nie schafften zum Westen aufzuschließen, von dem sie sich obendrein noch geschulmeistert sahen. Aus Neid und dem Gefühl, ständig zu den Zurückgebliebenen zu gehören, hätten sich schließlich Groll, Ablehnung und Hass entwickelt gegen das unerreichbare Original, laut Krastev und Holmes eine wesentliche Begleiterscheinung von Nachahmung. Das angehimmelte Vorbild wurde nun verstoßen. «Diese Abwertung des Westens scheint Nietzsches These zu bestätigen, dass „Ressentiment“ sich durch „imaginäre Rache“ ausdrücken kann.»

Antiliberalismus

Die Abwehrhaltung gegenüber dem Westen habe durchaus reale Hintergründe. Die Länder Mittel- und Osteuropas leiden unter einer «demografischen Ausblutung». Zwischen 1989 und 2017 verlor Lettland 27 Prozent seiner Bevölkerung, Litauen 22,5 Prozent, Bulgarien fast 21 Prozent. Aus der ehemaligen DDR zogen zwei Millionen Ostdeutsche in die westlichen Bundesländer. Seit Rumänien 2007 in die EU aufgenommen wurde, verließen dort 3,4 Millionen Menschen ihre Heimat, die Mehrheit von ihnen unter 40 Jahre alt. Eine alternde Bevölkerung, niedrige Geburtenraten sowie ein nicht versiegender Abwanderungsstrom würden diese Länder als unerträgliche Bedrohung wahrnehmen. Die diffuse Angst vor der eigenen Auslöschung wissen Populisten für sich zu nutzen. Dem westlich-liberalen Modell mit Multikulturalismus, Verweltlichung der Gesellschaft und Homo-Ehe setzen sie eine Anti-Einwanderungspolitik sowie die Betonung auf einer angeblich heilen und authentischen Vergangenheit entgegen – die es so wahrscheinlich niemals gegeben hat. Auf die empfundene Kränkung der nationalen Würde antworten sie mit Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit. Die einstigen Nachahmer des Westens preisen sich nun als die wirklichen Bewahrer von Europa, Vaterland und Familie an.

Diese verblüffende Kehrtwende hin zum Antiliberalismus habe allerdings auch beim Nachgeahmten selbst stattgefunden. Betrachteten sich die USA während des Kalten Krieges als das «Leuchtfeuer» des Westens, verweigert sich Donald Trump dieser Vorbildfunktion mit dem Anspruch des «American Exceptionalism». Der US-Präsident lehnt es ab, die allgemeingültigen Werte von Aufklärung und Liberalismus wie in einer historischen Mission in alle Teile der Welt zu tragen. Nachahmer wie Deutschland und Japan werden längst als ökonomische Bedrohung und Trittbrettfahrer wahrgenommen. Trumps Slogan «America first» sucht daher im Protektionismus und aggressiver Machtpolitik das nationale Heil.

Ressentiments und Ohnmacht

Das Syndrom des Ressentiments, die Furcht vor Entwertung und Prekariat, hat somit auch den Westen erreicht und stellt gegenwärtig eine enorme Triebkraft dar. Gegen die liberale Alternativlosigkeit und Enttäuschung reagieren die Menschen allerorts mit Rebellion. Krastev und Holmes liefern mit ihrem Ansatz, aus der politischen Psychologie heraus das derzeitige Unbehagen in der Welt zu erklären, überraschende Einblicke in die internationalen Beziehungen. Russische Soldaten auf der Krim und Putins unverhohlene Lüge, es handle sich nicht um eine Annexion, hätten nur ein Ziel, nämlich dem empörten Westen dessen eigene Ohnmacht zu verdeutlichen und ihn schmerzhaft daran zu erinnern, wie oft man selbst in der Vergangenheit belogen wurde. Mit diesem Schachzug würde Russland allerdings weder einen strategischen Vorteil erzielen noch stecke dahinter eine alternative Ideologie. Putin greife vielmehr die internationale liberale Weltordnung aus pädagogischen Gründen an, um dem Westen eine Lektion zu erteilen sowie dessen Heuchelei und Verwundbarkeit aufzudecken. Auch Putins Intervention in Syrien soll demnach nur zeigen, dass Russland alles das tun kann, was Amerika auch tut. Und zwar ebenso prinzipienlos wie zynisch.

Separatismus, aber Hoffnung

Das Fazit der beiden Autoren ist denn auch wenig euphorisch. Die Globalisierung der Kommunikation, des Verkehrs und des Handels hätten nach dem Ende des Kalten Krieges eigentlich zur Vorstellung einer gemeinsamen Menschheit mit gemeinsamen Zielen führen können. Doch der Liberalismus der Aufklärung, der weltliche und postethnische Verpflichtungen betont, habe einen herben Rückschlag erhalten. Trumps Unterstützer in den USA gleichen den Anhängern der Populisten in Europa: Angst vor Arbeitsplatz- und Statusverlust, Paranoia vor im Ausland geplanten Verschwörungen, Hass auf die «Establishment-Eliten», Furcht vor Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten, die wie Horden in das eigene Land einfallen und die dortige Kultur und Zivilisation aus dem Buch der Geschichte ausradieren. Als Folge erlebe die Welt derzeit einen trotzigen Rückzug der Völker in verbarrikadierte nationale Gemeinschaften und provinziellen Separatismus.

«Das Licht, das erlosch» bietet am Ende aber doch noch einen Hoffnungsschimmer. Mit dem Aufstieg Chinas sei zwar klar geworden, dass sich liberal-demokratische Institutionen und Normen westlicher Prägung nicht überall wie naturgegeben durchgesetzt hätten. Das bedeute aber nicht, dass reaktionärer Autoritarismus und Nativismus die Erde übernehmen werden. Anstatt der unglückseligen globalen Konfrontation zweier missionarischer Nationen trete nun vielleicht wieder der «Normalfall» der Weltgeschichte ein: kulturelle, institutionelle und ideologische Diversität.

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