Kunst in höchster Vollendung
Su timbre de voz privilegiado y su capacidad de trabajo ilimitada, que le hacía estudiar todo lo posible de cada nota que debía cantar antes de salir al escenario, lo convirtieron en uno de los cantantes descollantes del siglo XX. Destacó por igual en la ópera como en las salas de concierto, y sus interpretaciones de lieder son consideradas como versiones de referencia.
Berlin, 30. Januar 1943. Ein junger Sänger – er ist keine 18 Jahre alt – betritt den Zehlendorfer Rathaussaal und beginnt, Franz Schuberts «Winterreise» vorzutragen. Plötzlich heulen die Sirenen. Der Sänger hält inne. Fliegeralarm! Alle Anwesenden eilen in den Keller und warten stundenlang, bis der Luftangriff vorbei ist. Danach kehrt die Gesellschaft zurück, und die Vorstellung geht weiter. Dietrich Fischer-Dieskau sollte dieses, sein erstes Konzert, nie vergessen: «Das hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben, wie wir da alle im Keller saßen, immerhin waren wir 200 Personen.»

Kurz darauf wird Fischer-Dieskau eingezogen und nach Italien abkommandiert. Er hat Glück im Unglück: Eine Granate explodiert in seiner Nähe, er fällt zu Boden und eine seiner Fußsehnen reißt dabei. Im Lazarett verbringt er die letzten und gefährlichsten Kriegswochen. Mit neun Schuss Munition in der Tasche wird er aus dem Krankenhaus entlassen, kommt in einem Bauernhaus unter, wo er von Amerikanern gefangengenommen wird. Im Lager stellt er sich eines Tages auf einen mit Sand gefüllten Karton und stimmt ohne Begleitung Lieder aus Franz Schuberts «Schwanengesang» an. Einige Soldaten beobachten neugierig das Geschehen. Der Auftritt spricht sich herum, Fischer-Dieskau wird mehrmals vom Offiziersclub zum Singen eingeladen, wofür er etwas zu essen und einen Schluck Alkohol bekommt, ein seltener Genuss, den er dankbar entgegennimmt.
Debüt in Berlin
1947 kehrt er in seine Heimatstadt Berlin zurück. In der fast vollkommen zerstörten Metropole lechzen die Menschen nach Kultur und Unterhaltung. Der junge, unbekannte Künstler bildet sich weiter und gibt Liederabende. Im Jahr darauf sucht Heinz Tietjen, Intendant der Städtischen Oper, einen lyrischen Bariton. Das erfährt Fischer-Dieskaus damaliger Manager und empfiehlt ihn. Er meldet sich zum Vorsingen, trägt Lieder und Opernarien vor, Tietjen erkennt sofort die Veranlagung seines Gegenübers und entscheidet: «In vier Wochen singen Sie bei mir den Posa in ,Don Carlos’!» Fischer-Dieskau hat keine Erfahrung in der Oper und muss außerdem die Rolle einstudieren. Tietjen hilft ihm mit Erstübungen und der Bass Joseph Greindl, der in der gleichen Produktion als Philipp II. vorgesehen ist, unterrichtet und umsorgt ihn väterlich: «Ich kann dich doch nicht an die Wand singen, das geht nicht.»
Mit dem Marquis von Posa in Giuseppe Verdis «Don Carlos» in Berlin hat Fischer-Dieskau seinen Einstand in der Oper und wird fortan ständig für das Musiktheater verpflichtet. Seine Karriere läuft parallel auf zwei Gleisen: Er ist abwechselnd als Liederinterpret und als Opernsänger unterwegs. Er arbeitet hart, eine Angewohnheit, die er lebenslänglich beibehalten sollte. Über jede Note, die er zu singen hat, holt er das maximal mögliche an Information ein, recherchiert jedes Detail der Werke, die er einstudiert. Dementsprechend überzeugend sind seine Interpretationen. Er wird international berühmt und anerkannte Musikerpersönlichkeiten werden auf ihn aufmerksam.
In London bietet ihm Thomas Beecham, Leiter der Covent Garden-Oper, den Hans Sachs in den «Meistersingern von Nürnberg» von Richard Wagner an. Fischer-Dieskau lehnt das Angebot ab. Mit 25 Jahren fühlt er sich noch nicht bereit für die anspruchsvolle Partie. Unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler singt er 1951 bei den Salzburger Festspielen die «Lieder eines fahrenden Gesellen» von Gustav Mahler. Im darauffolgenden Jahr, als Furtwängler in London Richard Wagners «Tristan und Isolde» für die Schallplatte aufnimmt, übernimmt Fischer-Dieskau den Kurwenal.
Mit 30 der Beste
Der herausragende englische Pianist Gerald Moore veröffentlicht in den 1950er Jahren seinen Memoirenband «Bin ich zu laut?», in dem er Fischer-Dieskau ein ganzes Kapitel einräumt und die Ansicht äußert, dass der Dreißigjährige bereits der beste Liederinterpret der Welt sei.
Die Kritiker sind längst auf ihn aufmerksam geworden, ihre Rezensionen fallen meist positiv aus, manche überschlagen sich im Lob. Fischer-Dieskau füllt die Konzertsäle und eignet sich ein riesenhaftes Repertoire an. Er studiert sämtliche Bachkantaten, in denen ein Basssolist vorkommt, sowie Opern von Georg Friedrich Händel bis Richard Strauss. Er singt alle Lieder Schuberts – es sind mehr als 600 – und natürlich auch das Liedschaffen von Johannes Brahms, Hugo Wolf und Robert Schumann. Damit nicht genug, wirkt er an zahlreichen Produktionen von zeitgenössischen Werken mit und ist an der Uraufführung von signifikanten Werken beteiligt, wie «Elegie für junge Liebende» von Hans Werner Henze (1961), dem «War Requiem» von Benjamin Britten (1962) und der Oper «Lear» von Aribert Reimann (1978).
Doch nicht alles gelingt dem großen Sänger und Darsteller wie gewünscht. 1965 nimmt Karl Böhm in Berlin Mozarts «Zauberflöte» auf. Fischer-Dieskau singt den Papageno. Der Naturbursche ist ihm jedoch fremd. Er imitiert zwar den Wiener Zungenschlag recht nett, hört sich aber artifiziell und manieriert an – ein Papageno aus der Retorte.
Bereits in jungen Jahren, als Publikumsbegeisterung und Kritik ihm eine Weltstarkarriere prophezeien, wendet er sich bewusst vom Medienrummel ab, verzichtet auf unnötig viele Reisen und konzentriert sich auf wenige Bühnen, denen er die Treue hält. Am häufigsten singt er an der Bayerischen Staatsoper, an der Wiener Staatsoper, an der Deutschen Oper Berlin, und bei den Salzburger Festspielen. An der Metropolitan Opera in New York ist er nie aufgetreten, obwohl er bereits in den 1950ern in den USA Liederabende gibt. Dort macht er die verblüffende Erfahrung, dass gellendes Pfeifen im Publikum nicht unbedingt Missbilligung, sondern ganz im Gegenteil, enthusiastische Zustimmung bedeuten kann.
Mit seiner Frau, der Cellistin Irmgard Poppen, und anderen Instrumentalsolisten bildet er ein Kammerensemble, das verschiedene beachtliche Schallplatten einspielt. Die vielversprechende Tätigkeit findet im Dezember 1963 ein abruptes Ende: Bei der Geburt ihres dritten Sohnes erleidet Irmgard Poppen eine Eklampsie und stirbt. Der Sänger und die drei kleinen Kinder sind nun jäh ihres Familienmittelpunkts beraubt. 1965 vermählt sich der junge Witwer mit der Schauspielerin Ruth Leuwerik. Die Ehe wird bereits nach zwei Jahren geschieden. 1968 heiratet er zum dritten Mal. Die Nordamerikanerin Kristina Pugell ist die Tochter eines Gesangspädagogen. Aber auch diese Ehe hält nicht lange. Fischer-Dieskau sollte sich noch ein viertes Mal trauen lassen. Doch davon später.
Lieblingskomponisten
Im Opernrepertoire kristallisieren sich zwei Lieblingskomponisten heraus, die zu Marksteinen in seinem Schaffen werden sollen: Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Fischer-Dieskau singt akzentfrei Italienisch, es gelingt ihm sogar, sich eine gewisse Italianità anzueignen und überzeugt in Rollen, die eigentlich nur für italienische Sänger prädestiniert erscheinen. An der Mailänder Scala etwa singt er den Rigoletto mit großem Erfolg. Gerührt erzählt er in seinen Memoiren von einem Passanten, der ihn am Tag nach einer Aufführung erkennt und ihn als «il più grande Rigoletto del mondo» (den größten Rigoletto der Welt) lobt.
In Bayreuth debütiert er 1954 als Wolfram von Eschenbach in Wagners «Tannhäuser». Der Part ist ihm wie auf den Leib geschrieben, 1960 nimmt er ihn unter der Leitung von Franz Konwitschny für die Schallplatte auf. Fischer-Dieskaus Beherrschung der Rolle des Minnesängers versetzt in Erstaunen. Mit dem Lied «Blick ich umher in diesem edlen Kreise» steigert er seine Darbietung zum einmaligen Höhepunkt, er zieht sämtliche Register seines Darstellungsvermögens, was Akzentuierung, Ausdruck und Deklamation anbetrifft, und dies mit einer stets ruhigen, entspannten und natürlichen Gesangslinie, die der Gefühlsbetonung dienlich ist. Alles gelingt ihm wie selbstverständlich – eine verblüffende Leistung.
In Bayreuth tritt er auch als Heerrufer im «Lohengrin», Kothner in den «Meistersingern» und Amfortas im «Parsifal» auf. Später kommen weitere Wagner-Figuren hinzu, auch auf Schallplatte: In Georg Soltis «Ring»-Zyklus singt er 1965 den Gunther, in Herbert von Karajans «Ring»-Zyklus (1967) den «Rheingold»-Wotan und in Eugen Jochums «Meistersinger»-Einspielung (1976) den Hans Sachs.
Vis comica
In jungen Jahren gilt er als ernst und melancholisch, was an den meist schwermütigen Liedertexten liegen mag, die er vorträgt. Zweifellos fällt es ihm nicht leicht, sich eine gewisse vis comica anzueignen, die für bestimmte Rollen erforderlich ist. Als ihm dies mit dem «Falstaff» von Giuseppe Verdi glückt, ist seine Fangemeinde begeistert. Man sehe sich die Filmaufnahmen einer dieser Produktionen an – Fischer-Dieskau ist in der Tat urkomisch.
Bei einer Probe von «Il tabarro» von Giacomo Puccini, lernt er in München die Sopranistin ungarischer Herkunft Julia Varady kennen. 1977 heiratet er sie. Es entsteht eine solide künstlerische Partnerschaft. Sie treten gemeinsam erfolgreich in Inszenierungen von «Arabella» (Richard Strauss), «Aida» (Giuseppe Verdi) und anderen Opern auf. 1978 spielen sie in München bei der Welturauffühung von Aribert Reimanns «Lear» die Hauptrollen. Sie produzieren Platten mit Opernausschnitten von Giuseppe Verdi und Richard Strauss. Julia singt, Dietrich dirigiert.
Parallel zu seiner Sängertätigkeit veröffentlicht er Abhandlungen über Robert Schumann, Franz Schubert, Johannes Brahms, Claude Debussy und Carl Friedrich Zelter. Er gibt Gesangsunterricht an der Berliner Hochschule der Künste und dirigiert gelegentlich Sinfonisches. 1987 erscheint sein Memoirenband «Nachklang». Am 31. Dezember 1992 steht er zum letzten Mal als Sänger auf der Bühne. Fortan widmet er sich weiterhin seinen pädagogischen Aufgaben, bestreitet Lesungen im Rundfunk und setzt seine Forschertätigkeit fort. Am 18. Mai 2012 stirbt Dietrich Fischer-Dieskau in Berg am Starnberger See.
Unter seinen Nachkommen befinden sich verschiedene Berufsmusiker. Sein Sohn Martin ist Dirigent, dessen Bruder Manuel Cellist. Elena, eine Enkelin, ist eine vielversprechende Pianistin und hat bereits eine CD mit Werken von Brahms und Schumann veröffentlicht.
Dietrich Fischer-Dieskau, der am 28. Mai seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, wird als eine der größten Musikerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts angesehen. Was macht das Einzigartige an seinen Darbietungen aus? Warum werden seine CDs wie wertvolle Sammelobjekte gehortet? Sein Vortrag ist ein harmonisches Zusammenwirken von Begabung, Stimmschönheit und der Kenntnis des zu behandelnden Gegenstands. Jeder Satz, jedes Wort nuanciert er mit einem naturgemäßen Tonfall, dem stets die genau richtige Emotion zugrunde liegt. Das ist Kunst in höchster Vollendung. In der Geschichte des Liedgesangs hat er damit eine Zäsur gesetzt: es gibt ein Vor und ein Nach ihm. Wer sich mit dem deutschen Lied befasst, kommt an Dietrich Fischer-Dieskau nicht vorbei.



