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sábado, 10. abril 2021
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Unruhige Zeiten – Die chilenische Unabhängigkeit (Teil 7)

Von Erwin Ramdohr

Die erste chilenische Flotte: Die Schiffe «San Martín», «Lautaro», «Chacabuco» und «Arauco», Gemälde von Thomas Sommerscales

Der Krieg gegen die Spanier schien gewonnen zu sein, aber das Land fand keine Ruhe. Einige Tage nach der Schlacht von Maipú kam aus Mendoza die Nachricht, dass die Brüder Juan José und Luis Carrera verurteilt und erschossen worden waren. Sobald die Oberschicht dies erfuhr, beschuldigte man die Loge Lautaro. Niemand war an den tatsächlichen Gründen interessiert. Daher wurde  einige Zeit später der «Carrerino» Manuel Rodríguez von seinen Aufsehern in Tiltil getötet. Dazu kam die Enthüllung einer Verschwörung, laut der José Miguel und seine Anhänger in Argentinien den Tod von O’Higgins und San Martín planten. 

Im Süden wiederum bedrohten etliche Deserteure des spanischen Heeres die Bevölkerung. Überall wurde gemeutert und das chilenische Heer konnte die Meuterer nicht bezwingen. Die bewaffneten Banden vermischten sich mit den indianischen Mapuche, um ihre Gräueltaten zu vollbringen. Der spanische General Mariano Osorio hatte sich in Talcahuano einquartiert und blieb dort für längere Zeit stationiert, bis er endlich nach Lima zurückging.

Die Regierung wollte so schnell wie möglich die Entwicklung des Landes vorantreiben. Bildung und Kultur waren stets wichtige Ziele der Liberalen gewesen. Doch es ging alles nur langsam voran. O’Higgins wollte in Chile die Lancaster-Schulen einführen, was jedoch der Kirche nicht gefiel. Und es gab noch weitere Reformen, die das Gemüt der Papstanhänger und der Kirche empörten: Zum Beispiel die Gründung eines säkularen Friedhofs, die Abschaffung der Adelstitel und der Wappenschilder, die Wiedereinführung des freien Handels von Büchern, die Wiedereröffnung der Staatsbibliothek und andere mehr. Dies führte zu einer dauerhaften Konfrontation zwischen der Loge und der katholischen Kirche und deren wichtigstem Repräsentanten, Bischof José Santiago Rodríguez Zorrilla, den O’Higgins letztendlich ins Exil nach Mendoza schickte.

Die erste chilenische Flotte

O’Higgins musste sein Versprechen gegenüber der Loge Lautaro und der Behörde der Freimaurer in Buenos Aires einhalten. Mit den wenigen Mitteln, die im Land aufzutreiben waren, wurde die erste chilenische Flotte zusammengestellt. Der junge Freimaurer Manuel Blanco Encalada wurde zum ersten Kommandanten der Marine ernannt. Nur über vier Schiffe verfügten die Seeleute: Die Fregatte «Lautaro», die Korvette «Chacabuco», die Brigg «Arauco» und das kleinere Schiff «San Martín».

Mit dieser kleinen Flotte segelte die Armee nach Süden, um der Seemacht der Spanier entgegenzutreten. In der Bucht von Talcahuano überraschten Blanco und der Major Guillermo Miller die Spanier und konnten die Fregatte «Reina María Isabel» entern und einnehmen. Voller Stolz brachten sie das Schiff nach Valparaíso. Es war der erste Sieg der Chilenen auf See und es sollte nicht der letzte gegen die spanische Flotte sein.

Im November desselben Jahres 1818 traf der berühmte englische Admiral Thomas Cochrane ein. Der Freimaurer Cochrane war von O’Higgins engagiert worden, um die chilenischen Seestreitkräfte zu organisieren. Das war keine einfache Aufgabe, denn es gab in Chile keine erfahrenen Seemänner. Die meisten Kapitäne der chilenischen Schiffe waren aus diesem Grund über eine lange Zeit hinweg nur Engländer wie unter anderen Crosby, Wilkinson, Guise, Forster, Carter, Spry und Edmonds.

Feldzug gegen die Spanier in Lima

San Martín organisierte das Feldheer und Cochrane führte mit Blanco Encalada die Seeflotte an, um sie nach Peru zu geleiten. Die Versorgung für diesen Feldzug bedeutete einen enormen Einsatz an Mitteln und Arbeitsaufwand. Erst am 20. August 1820 konnte die Flotte endlich aus dem Hafen von Valparaíso auslaufen. Nunmehr sieben bewaffnete Schiffe, 16 Transportschiffe und ein Dutzend Artillerieboote segelten langsam aus der Bucht. 4.500 Soldaten und eine Schiffsbesatzung von 2.500 Mann waren an Bord. O’Higgins und seine engsten Vertrauten in der Regierung verabschiedeten die Flotte feierlich. Sie hatten ein wichtiges Ziel erreicht. Doch dies war nur der Anfang eines langen Krieges, der im großen entfernten Peru stattfinden würde und der nach etlichen Gefechten erst am 9. Dezember 1824 mit der Schlacht von Ayacucho enden würde.

Nicht alle verstanden die Wichtigkeit dieses Planes. Die «Realistas» träumten noch immer von der Wiedereingliederung Chiles in das spanische Reich. Die Kirche und ihre Anhänger bedauerten die Verweltlichung der Gesellschaft, die die Revolution mit sich gebracht hatte. Sie dachten nur daran, die Freimaurer aus der Regierung zu verdrängen und würden so lange nicht ruhen, bis dieser Plan umgesetzt sein würde.

Auflösung der Loge Lautaro und Ende der Unabhängigkeitsbewegung 

Der grundlegende Zweck der Loge Lautaro war erreicht. Sowohl die Unabhängigkeit als auch die freiheitlichen Reformen waren nicht mehr rückgängig zu machen. So beschlossen die Brüder, die Loge zu schließen. Doch kurz darauf wurde eine neue, symbolische Loge gegründet: Die Loge «Aurora de Chile», deren erster ehrwürdiger Meister Camilo Henríquez war. In diese Loge traten die meisten «Lautarinos» ein, unter ihnen und sogleich in den erstrangigen Funktionen die Freimaurer José Miguel Infante, Ramón Errázuriz und Francisco Antonio Pinto, die weiterhin eine wichtige Rolle in der Politik spielen sollten.

Auch wenn der Krieg in Peru noch nicht beendet war, ging die letzte Etappe der Unabhängigkeitsbewegung langsam zu Ende. Das Land war sehr verarmt, das Heer und die Flotte hatten alle Mittel aufgebraucht. Die Situation war so desolat, dass O’Higgins in England einen Kredit aufnehmen musste. Die schwierige Lage verursachte große Konflikte zwischen der Regierung in Santiago und der Gemeinschaft in Concepción, die nicht die nötige wirtschaftliche Unterstützung erhielt. Es kam dort sogar zu einer Hungersnot. Außerdem musste sich die lokale Bevölkerung weiterhin gegen die Meuterer und die Eingeborenen verteidigen, weshalb sie mit der Führung O’Higgins’ unzufrieden waren. 

Die immer aufrührerischer werdende katholische Aristokratie setzte gemeinsam mit den «Carrerinos» den dortigen Heeresführer Ramón Freire – Logenbruder und Freund von O’Higgins  –  unter Druck. Aus seiner Not heraus bedrohte er mit seinem Heer die zentrale Regierung. Die Oppositionsgruppen in Santiago schlossen sich ihnen an und unternahmen alles Mögliche, um die Regierung des «Huacho Riquelme» zu stürzen.

O’Higgins war kein eigenwilliger Diktator. Die Macht war für ihn nicht wichtig, doch ihn bekümmerte der Gedanke, dass die Opposition die Regierung übernehmen könnte. Denn er war sicher, dass diese den größten Teil der bis dahin erreichten Reformen in der Gesellschaft rückgängig machen würde. Im Falle seines freiwilligen Rücktritts musste er sicher sein, dass ein Bruder seines geheimen Bundes die Freiheitsrevolution weiterhin fortsetzen würde, und dies konnte unter den gegebenen Umständen nur sein Logenbruder Freire sein.

Bis zuletzt hatte O’Higgins das große Werk der Freimaurer und Liberalen schützen wollen. Erst als ihn seine Logenbrüder überzeugen konnten, dass die Papstanhänger nicht an die Macht kommen würden, entschloss er sich abzudanken. Seine aufrührerischen Gegner waren während des Bürgerrats im großen Saal nicht ruhig zu halten. Die letzten Worte O’Higgins gegenüber der Gemeinschaft von Santiago waren: «Weder das aufständische Gebrülle noch die Bedrohungen erschrecken mich. Ich verachte den Tod, so wie ich ihn immer auf dem Schlachtfeld verachtet habe.» Im September 1823 setzte sich Ramón Freire als Nachfolger O´Higgins und Staatschef Chiles durch.

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