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miércoles, 28. octubre 2020
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Grußwort an den Cóndor zum Tag der Deutschen Einheit 2020 von Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck (Foto: J. Denzel-S.Kugler)

Auch wenn dieses Jahr 2020 anders verläuft als vielleicht erhofft oder erwartet: Es gibt etwas zu feiern! Der Tag der Deutschen Einheit ist für Deutschland seit nunmehr 30 Jahren ein Datum der freudigen Erinnerungen und ein Anlass für dankbaren Rückblick auf mutige Menschen. Es waren Frauen und Männer an vielen Orten, die die Diktatur der DDR mit ihrem Freiheitswillen stürzten und  mit ihrem Ruf nach Einheit den Weg zur Vereinigung Deutschlands mit vorbereitet haben.

1990 gab es kein historisches Vorbild, an dem sich die Menschen auf den Straßen der DDR orientieren konnten. Und trotzdem haben Millionen die große nationale Aufgabe der Vereinigung angenommen und Deutschland zu einem Land gemacht, das mehr wurde als die Summe seiner Teile. Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt hat mit seinem Diktum Recht behalten: Es ist wieder zusammengewachsen, was zusammengehörte. 

Der Prozess der Vereinigung war dann natürlich deutlich schwieriger, als die meisten in der Euphorie vor 1989/90 glaubten. Die Erfahrungen und Prägungen einer Diktatur wirken lange nach, in Einstellungen, in Denkmustern und auch in Haltungen. Und bis heute hat der Osten das wirtschaftliche Niveau des Westens nicht erreicht. Für 16 Millionen Menschen änderte sich in kürzester Zeit fast alles. Die Angleichung der Lebensverhältnisse und Mentalitäten in Ost und West ist eine Aufgabe für Generationen.

Doch für mich steht die positive Bilanz der Deutschen Einheit außer Frage. Die große Mehrheit der Deutschen fühlt sich in diesem vereinten Land angekommen und zuhause. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind kleiner geworden, besonders in der jungen Generation. Deutschland hat in Freiheit zur Einheit gefunden. Neue Freiheit bietet neue Möglichkeiten, aber sie verlangt eben gleichzeitig die Übernahme neuer Verantwortung, auch für sich selbst. Besonders diese Veränderungsleistung der Ostdeutschen war enorm.

Weltweit erleben wir derzeit verstärkt Angriffe auf demokratische und freiheitliche Werte und die Idee einer pluralistischen Gesellschaft. Populisten und Autokraten suggerieren einfache Lösungen und spalten die Gesellschaft, um ihre Macht auszuweiten – auf Kosten der Freiheitsrechte. In Europa suchen wir schon seit einigen Jahren Antworten auf den Aufstieg populistischer Kräfte, die mit leeren Versprechungen und der Instrumentalisierung von Ängsten ihren politischen Einfluss vergrößern. 

Auch wenn die Demokratie nicht immer zu perfekten Ergebnissen kommt, so gibt es doch keine überzeugendere Regierungsform, denn sie verfügt über eine besondere Stärke: Die Beteiligung aller und ihre Fähigkeit zu Selbstkritik und -korrektur. Für eine stabile Demokratie ist das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in den Staat und seine Institutionen entscheidend, aber auch eine starke Zivilgesellschaft. Denn dort, wo die Menschen das Gemeinwesen mitgestalten, erreichen wir tragfähigere Lösungen und befördern den sozialen Frieden. 

Demokratien haben immer wieder mit Bedrohungen von inneren wie äußeren Feinden umgehen müssen. Die Freude über 30 Jahre Deutsche Einheit sollten wir uns also nicht trüben lassen. Wie in Ostdeutschland, wo ich aufgewachsen bin, ist es in Chile gelungen, eine autoritäre Herrschaft ohne Blutvergießen zu beenden. Das ist eine kaum zu überschätzende, historische Leistung. 

Als Bundespräsident besuchte ich die Republik Chile im Rahmen meines Staatsbesuchs 2016 zum ersten Mal. Viele Chilenen haben während der Militärdiktatur Zuflucht gesucht und Zuflucht gefunden in Ost- oder Westdeutschland. Die ehemalige Präsidentin Michelle Bachelet selbst lebte im Exil in der DDR. 

Ich bin überzeugt: Die freiheitliche Demokratie ist und bleibt die größte Hoffnung für Wohlstand und Gerechtigkeit – auch in einer Welt der Krisen und der Kriege. Demokratien müssen sich an der Achtung grundlegender Werte messen lassen – den unveräußerlichen Menschenrechten und der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung und der Volkssouveränität. Das Bekenntnis zur Demokratie und zu den Menschenrechten verbindet Chile und Deutschland. Lassen Sie uns diese Errungenschaften gemeinsam schützen und bewahren.

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