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Monday, 2. February 2026
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Buddha und Christus – Die Frage nach dem Sinn

Von Richard Wagner, Pastor emeritus

Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysos, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon, bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gelbem Lachen in diese Worte ausbricht: »Elendes Eintagesgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.« (Friedrich Nietzsche: »Die Geburt der Tragödie«, Werke in drei Bänden, hrsg., Karl Schlecht a, 1. Band, Seite 29f.)

Das renovierte goldene Gipfelkreuz auf der Zugspitze: Ein Helikopter flog das fast 5 Meter große und 300 Kilogramm schwere Kreuz am 28. November per Helikopter auf den Berg im bayerischen Garmisch-Partenkirchen.

Dürfen wir das mit leichter Hand als späthellinistischen Pessimismus abtun? Sollten wir es nicht ernst nehmen und uns fragen: »Ist das vielleicht die Wahrheit?« Was meinen wir denn mit »Sinn«?

Eine Mutter verliert ihr Kind – sei es durch Unfall oder Krankheit – und fragt nun weinend: »Warum? Warum musste mein Kindchen sterben?« Wonach fragt die Mutter? Fragt sie nach den »Ursachen«, also nach innerweltlichen Faktoren, sodass man etwa mit dem Hinweis auf ein Auto oder einen Tumor antworten könnte? Nein! Das Wonach, nach dem sie fragt, entzieht sich völlig unserem Verstand, der – wie Kant gezeigt hat – ganz auf diese Welt unserer Sinne und Kategorien zugeschnitten ist. Wohl aber können wir sagen: »Die Warumklage der Mutter entspringt dem Sinn – Verlust« oder – anders gesagt: der verletzten Liebe, ihrem wunden Herzen. Folglich ist die Liebe der erlebte Sinn. Er ist aber bedroht, denn die Welt muss ihn nicht respektieren, wir sind, wie der Satyr Silenos richtig formuliert, »des Zufalls Kinder und der Mühsal«.

Oder sind wir es eben doch nicht? Liegt es aber nur an der Welt, dass wir so verletzlich sind und uns fragen müssen, ob Silenos nicht doch recht hat?

Buddha – nach der ältesten Überlieferung (Hinayana) – deckt den subjektiven Grund unseres Leidens überhaupt auf: In uns brennt »trishna«, der Lebenshunger, die prinzipiell unstillbare Daseinsgier, die sich an den Gegenständen, von denen sie sich Stillung verspricht (Lustobjekte, Macht, Geltung und so weiter), bloß immer wieder aufs Neue entflammt. Das Ergebnis kann nur immer wieder neue Gier, neue Enttäuschung und permanentes Leid im immer neuen Reinkarnationen sein, bis dank tiefer Einsicht (Bodhi), die Erleuchtung eintritt und »trishna« erlischt (»Nirvana«). Der Mut dieses tiefsten und größten Weisen Indiens, und nicht nur Indiens, macht ihn verehrungswürdig. Er lehrt dasselbe wie Silenos, aber er begründet es metaphysisch. Er ist der Riese, im Vergleich zu dem die Lehrer der »Seelenruhe«, der »Ataraxia«, im Osten (Yogis und so weiter) und Westen (Stoiker und andere) Zwerge sind. Nur sein Antipode kommt als relevantes Alternativ zu ihm infrage: Jesus von Nazareth, der Christus. »Und er ging abermals in die Synagoge. Und es war da ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand.

Und sie gaben acht, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn verklagen könnten. Und er sprach zu dem Menschen mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt in die Mitte! Und er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten? Sie aber schwiegen still. Er sah sie ringsum an mit Zorn, betrübt über ihr erstarrtes Herz, und sprach zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und seine Hand wurde wieder gesund. Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern des Herodes, dass sie ihn umbrächten« (Markus 3,1–6).

Gläubige beten vor einer Buddha-Statue im Blauen Tempel in Chiang Rai im Norden von Thailand.

Wer am Sabbat (Samstag) arbeitet, soll hingerichtet werden, gebot unzweideutig das Gesetz (vgl. Exodus 31, 12-17, u. a.). Nach diesem Gebot – von insgesamt 611 Geboten – richtet sich folgerichtig das Denken und Urteilen der Gegner Jesu. Bei Sonnenuntergang ist der Sabbat zu Ende, dann (!) kann Jesus laut ihnen den Kranken ja heilen, jetzt noch nicht! Jesus aber wird zornig und betrübt. Warum? Worüber? Haben sie falsch gedacht, das Gesetz irrig ausgelegt? Keineswegs! »Über ihr erstarrtes Herz«, über ihr kaltes, liebloses, unbarmherziges, unmenschliches Herz. Jesus aber handelt nach seinem liebenden Herzen und beansprucht, Gottes Liebe dabei zu vertreten. Worum geht es Gott nach Jesu Überzeugung? »Um den Kranken, den er mir, Jesus, hier und jetzt begegnen lässt und dem ich helfen kann und darum auch helfen muss und auch helfe. Alles andere ist zweitrangig.« Damit hat Jesus die Ethik revolutioniert. »Gott geht es um seinen Menschen« (Hans Küng)

und zwar, wie Miguel de Unamuno betont, um »den konkreten Menschen aus Fleisch und Blut«. Dieser Mensch steht in Beziehung zu Gott, besitzt daher unendlichen Wert und unantastbare, unverlierbare Würde, Sinn. Jesu Wirken bestand im Handeln aus Liebe zu diesem Menschen aus Fleisch und Blut. Das ist aber nicht alles. Über uns allen steht eine ewige Verheißung, denn Gottes Liebe ist wie er selbst, ja er ist Liebe, woraus sich ergibt: »Unsere Unsterblichkeit ist (!) Gottes Treue zu uns« (Helmut Thielieke). Er bleibt uns zugewandt in Zeit und Ewigkeit. Ein unendliches Sein ohne die Liebe wäre die Hölle des Absurden, eben »trishna«, ohne Ende. Die selbstlose Liebe ist der Sinn des Lebens und fordert in diesem Leben den Preis des Leidens, wie Jesu Christi Geschick es gezeigt hat, seinen Weg zum Kreuz.

Zwei Wege bieten sich als Wege des Heils an: Erstens: Buddhas Weg der Einsicht, dass alles Dichten und Trachten des Menschenherzens scheitern muss und erlöschen sollte. Zweitens: Jesu Weg des liebenden, barmherzigen Herzens dessen, der in Jesus Gottes liebendem Herz begegnet ist, der das unabänderliche Leiden als Kreuz annimmt und seinem auferstandenen Herrn hoffnungsvoll entgegengeht.

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