Der Bau des ikonischen Gebäudes des Teatro del Lago dauerte zwölf Jahre (1998-2010). Inzwischen hat sich das Theater zu einem Motor der Entwicklung für Frutillar und die gesamte Region entwickelt. Seine hervorragende Akustik, die Hauptbühne, Espacio Tronador, der über 1.178 Sitzplätze verfügt, wird von den Künstlern und Tausenden von Besuchern jedes Jahr gleichermaßen geschätzt. Am 7. und 8. November feierte das Teatro del Lago sein 15-jähriges Bestehen mit dem Festival Patagonien und einer hochkarätigen Koproduktion, der Premiere des Bildungsprogrammes «Puedes Bailar», und einem Tango-Konzert mit dem Quartett von Pablo Ziegler, dem Pianisten, der viele Jahre lang von Astor Piazzolla ausgewählt wurde, um Teil der Nuevo-Tango-Bewegung in Argentinien und weltweit zu sein.

Der Musiker und Regisseur João Carvalho Aboim, geboren in Lissabon, begann bereits mit fünf Jahren Klavier zu spielen und trat mit zehn erstmals als Solist auf. Nach seinem Studium am Royal College of Music in London wandte er sich dem Theater und der Oper zu. 2016 schloss er ein Magisterstudium in Opernregie an der Verona Opera Academy ab und arbeitete seither an renommierten Häusern wie dem Teatro di San Carlo di Napoli, der Arena di Verona und dem Teatro de la Maestranza in Sevilla – unter anderem mit Lorin Maazel und Zubin Mehta. Seit 2021 lebt Aboim in Chile, wo er zuvor die Escuela de las Artes in Frutillar leitete. Seit 2022 ist er Künstlerischer Direktor der Fundación Teatro del Lago, die er mit seiner internationalen Erfahrung und kreativen Vision prägt.
Der künstlerische Leiter des Teatro del Lago, João Carvalho Aboim, im Cóndor-Interview
Wie hat sich die künstlerische Vision in den 15 Jahren entwickelt?
Die künstlerische Vision ist derselbe geblieben, die das Theater seit jeher getragen haben – insbesondere der Wunsch, neue Publikums-schichten zu erreichen und auf die demografischen Veränderungen in der Region zu reagieren. In diesem Prozess war eine stärker diversifizierte Programmgestaltung entscheidend, die nun auch Kunstformen und Stilrichtungen einbezieht, die früher nicht berücksichtigt wurden – ohne dabei den hohen Qualitätsanspruch und die künstlerische Relevanz aufzugeben.

Wie werden junge Talente gefördert?
Das Theater hat stets einen Bildungsauftrag als zentralen Teil seiner Mission. Einige der jungen Menschen, die hier begonnen haben, studieren heute an renommierten nationalen und internationalen Institutionen oder sind Teil professioneller Produktionen im ganzen Land. Für unser Programm ist dieser Aspekt grundlegend – wir versuchen immer, in unseren Produktionen sowohl junge als auch lokale Talente einzubinden.
Wie wird das junge Publikum geworben?
Die Programmgestaltung des Teatro del Lago war immer stark auf junge Menschen und Familien ausgerichtet. Oft wird es mit klassischer Musik assoziiert, weshalb dieses breite künstlerische Profil nicht immer sofort sichtbar ist. Doch gerade klassische Musik enthält viele Elemente, die junge Menschen faszinieren – ebenso der Tanz. Wir arbeiten daher gezielt mit Jugendlichen in Bildungsprogrammen, Eigenproduktionen, Orchesterakademien und Kammermusikkursen. Die Öffnung hin zu neuen Musikrichtungen in den letzten Jahren hat ebenfalls dazu beigetragen.
Welche Bedeutung hat das Teatro del Lago für die Region?
Die Bedeutung des Theaters geht über die Region hinaus und zeigt sich zugleich in ihr. Das Projekt ist von größter Bedeutung für das Land, da es eine internationale kulturelle Produktion aus einer Region fördert, die weit entfernt vom Zentrum liegt – in einem Land, das in vielerlei Hinsicht von Santiago abhängig ist. Diese Region ist wirtschaftlich, touristisch und sozial von besonderer Bedeutung, und Kultur spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie vereint das Gebiet um ein gemeinsames Projekt, bei dem Kultur als Spiegel der Gesellschaft fungiert. Nichts zeigt besser eine reelle, sichere und gefestigte Gesellschaft als die Fähigkeit, Kunst und Kultur als festen Bestandteil des Alltags zu genießen. Das Theater ist das Herz dieses Gedankens – es bündelt alle Kräfte, um der Region kulturell zu dienen, ausgehend von einem einzigartigen Ort.
Welche Rolle spielt die deutsche Kultur?

In der Gemeinschaft dieser südlichen Region gibt es eine starke deutsche Tradition, und das Publikum reagiert sehr positiv auf diese Verbindung. Unser Programm hat viele direkte oder indirekte Bezüge zu Deutschland, insbesondere in der Musik. Viele unserer Gäste sind Deutsche oder leben in Deutschland, haben für Deutsche Grammophon aufgenommen oder dort studiert beziehungsweise unterrichtet. Beim Rückblick auf die letzten Jahre denke ich besonders an Sarah Willis, Juliane Banse, Alfredo Perl, Hartmut Rohde, Xenia Jankovic, Silke Avenhaus, Barbara Doll, Helmuth Reichel, Raphael Feuillatre, Alexander Krichel und andere. Auch das klassische Repertoire, das wir aufführen, steht regelmäßig in Verbindung mit Deutschland und Österreich – mit Bach, Beethoven, Schubert und Mozart als herausragenden Komponisten.
Sind Kooperationen geplant?
In den letzten Monaten haben wir eine Zusammenarbeit mit der Escuela Superior Reina Sofía in Madrid entwickelt. Sie wird im kommenden Jahr ein wichtiger Partner bei der Gründung einer Academia Latinoamericana de Música Avanzada sein. Ziel ist es, Frutillar zu einem Treffpunkt für Musiker aus ganz Lateinamerika zu machen und den Zugang zu hochwertiger Ausbildung zu erleichtern, wie sie die spanische Institution bietet. So entsteht eine Brücke zwischen lateinamerikanischem Talent und musikalischer Spitzenbildung in Europa. Dieses Projekt begeistert mich sehr, weil es großes Zukunftspotenzial hat.
Wird es weiterhin Weltstars im Programm geben?
Wir präsentieren jedes Jahr große internationale Künstler. Vielleicht ist es eine kleinere Zahl – was weniger eine politische oder programmatische Entscheidung ist, sondern vielmehr damit zusammenhängt, dass solche Engagements sehr kostspielig sind und es auch dringendere kulturelle Bedürfnisse gibt. Dennoch suchen wir stets nach künstlerischer Exzellenz – sowohl bei Künstlern, die uns international vertreten, als auch bei jenen, die auf unserer Bühne auftreten. Wann immer es die Umstände erlauben, holen wir große Stars der weltweiten Bühnen zu uns. In den letzten zwei Jahren waren das etwa Sarah Willis, François López Ferrer, Alexander Krichel, João Barradas, Ricardo Castro, Canadian Brass, Leticia Moreno, Goran Filipc, Alfredo Perl, die Limón Dance Company, Raphael Feuillatre, Yuri Revich und viele mehr – einige am Beginn ihrer Karriere, andere bereits etabliert.
Fotos: Fundación Teatro del Lago



