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sábado, 10. abril 2021
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Ein Wiedersehen zwei jüdischer Freundinnen aus Berlin nach 82 Jahren

Ana María Wahrenberg in Chile und Betty Grebenschikoff in den USA

Von Silvia Kählert

Ilse Kohn (links) als Achtjährige heißt heute Betty Grebenschikoff und ist 91 Jahre. Annemarie Wahrenberg, die heute Ana María Wahrenberg heißt, bei ihrer Einschulung als Sechsjährige in Berlin. 

Diese unglaubliche Geschichte geht um die Welt: Zwei jüdische Mädchen und beste Freundinnen wurden durch die Flucht ihrer Familien aus Nazi-Deutschland nach dem Novemberpogrom («Kristallnacht») 1938 auseinandergerissen, haben nie wieder voneinander gehört – und fast genau 82 Jahr später kam durch einen Vortrag in Santiago ein Wiedersehen zustande.

Ana María Wahrenberg, die in Vitacura wohnt, erlebt gerade eine Presselawine: Ob die Bildzeitung aus Deutschland, kanadische Zeitungen, die Washington-Post oder NBC in den USA – die 91-Jährige ist plötzlich berühmt. Doch sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Anliegen sei immer gewesen: «Das Menschliche ist das Entscheidende.» Fast alle ihre Verwandten, die in Deutschland blieben, sind von den Nazis umgebracht worden. Genauso ist es der Familie ihrer Kindheitsfreundin Ilse Kohn ergangen, die heute Betty Grebenschikoff heißt und ebenfalls 91 Jahre alt ist.

Ein folgenreicher Vortrag

Beiden war es daher schon seit vielen Jahren wichtig, ihre Geschichte vor allem Kindern und Jugendlichen in Schulen weiter zu erzählen. Die eine in Santiago in Chile, die andere in St. Petersburg in Florida in den USA – ohne voneinander zu wissen und immer wieder erwähnend, dass sie ihre beste Freundin aus Berlin sehr vermissten. Seit rund zehn Jahren wird Ana María Wahrenberg durch das Museo Interactivo Judío (MIJ) in Santiago bei ihren Vorträgen als Zeitzeugin unterstützt. Diese Tätigkeit und die Pandemie haben schließlich zu dem sensationellen Zusammenfinden der Freundinnen geführt.

Das MIJ in Santiago gründete mit den Holocaust Museen in Curitiba (Brasilien) und in Buenos Aires im vergangenen Jahr das Red LAES (Red Latinoamericana para la Enseñanza de la Shoá) mit 13 jüdischen Museen aus elf lateinamerikanischen Ländern. Auf diese Art und Weise konnten mehr Menschen an den Vorträgen teilnehmen. 

Genauso war es auch bei der Zoom-Veranstaltung anlässlich des Jahrestags des Novemberpogroms am 5. November 2020, bei der Ana María vom Leiter des jüdischen Museums in Buenos Aires Jonathan Karszenbaum interviewt wurde. Unter den Zuhörern befand sich Ita Gordon, die für die von Steven Spielberg gegründete USC Shoah Foundation arbeitet. Sie forschte später nach, ob sich Ana Marías Bericht auch schon unter den 55.000 Zeitzeugenaussagen der Stiftung befände. Dabei stellte sie fest, dass ihr Name als Kind «Annemarie Wahrenberg» bei der Zeitzeugenaussage von Betty Grebenschikoff vorkam. 

Das Treffen nach 82 Jahren

Die Organisationen wandten sich zunächst an die Kinder der beiden 91-jährigen Damen. Ana María erzählt: «Als mein Sohn am Telefon meinte, es könne sein, dass man Ilse gefunden hat, war ich sehr skeptisch.» 

Doch am 20. November war es dann so weit: Nach über acht Jahrzehnten sahen sich die beiden Frauen zum ersten Mal bei einem Zoom-Treffen wieder. «Es war wunderschön – einfach wahnsinnig, würden wir in Berlin sagen», strahlt Ana María immer noch ungläubig. «Ein echtes Wunder», haben beide immer wiederholt.

«Nach diesen 82 Jahren haben wir uns sofort wieder verstanden: Es ist eigenartig, unsere Lieblingsfarbe ist immer noch grün. Wir haben viel gelacht – während hinter uns alle gerührt weinten», meint sie und habe von ihrer Freundin wissen wollen: «Hast du immer noch die Sommersprossen?» Ja, habe diese in den USA geantwortet, aber die Haare seien nicht mehr rot, sondern weiß. 

Seitdem treffen sich die beiden Frauen jeden Sonntag. Am Geburtstag von Betty am 23. Dezember habe sie die Freundin mit einem Tablett mit Kaffee und Geburtstagskuchen am Bildschirm empfangen: «Das konnte sie zwar nur sehen, aber sie freute sich trotzdem.» Ana María ist der Meinung: «Wahre Freundschaft siegt. Es ist ein großes Geschenk für uns beide!»

Pogromnacht, Abschied und Flucht

Diese enge Verbundenheit sei sicherlich auch durch die gemeinsamen Jahre entstanden, als beide jüdische Mädchen in der Nazi-Zeit nicht auf einen Spielplatz oder in ein Schwimmbad gehen durften: «Wir spielten viel in unserem Haus in der Klopstockstraße 52.» Dieses war nur zwei Häuser von ihrer Grundschule, der privaten Volksschule der jüdischen Gemeinde im Berliner Bezirk Tiergarten, entfernt. Dort hatten sie sich in der ersten Klasse im Jahr 1936 kennengelernt, saßen nebeneinander in einer Bank.

Die Lage spitzte sich zu, als es am 9. November 1938 abends an der Tür der Familie Wahrenberg klingelte. Die Achtjährige öffnete und sah mehrere uniformierte Männer mit schwarzen Stiefeln vor sich, die wissen wollten: «Wo ist dein Vater?» Sie habe sich wahnsinnig erschrocken. Noch schlimmer wurde es, als die SS-Männer ihren Vater in dieser Nacht verhafteten. «Dieses Erlebnis hat mich sehr belastet, es war einschneidend für mich als Kind», sagt Ana María im Rückblick. Vier Wochen war ihr Vater im Konzentrationslager Sachsenhausen:« Ich weiß bis heute nicht, wie meine Mutter es schaffte, dass er entlassen wurde.» 

Im Mai 1939 erhielt auch der Vater von Ilse eine Vorladung der Gestapo. Ihre Eltern entschieden sich vorher zu fliehen. Sie schafften es an Tickets für ein japanisches Schiff zu kommen, das die Familie Kohn über Neapel nach Shanghai brachte.

Ana María erinnert sich noch an den Abschied unter einem Baum auf dem Schulhof: «Wir umarmten uns ganz fest. Bis unsere Väter meinten, dass wir uns trennen müssten. Es war sehr, sehr traurig.»

Fünf Wochen nach der Flucht der  Kohns konnten sich auch die Wahrenbergs ins Ausland retten. Zunächst ging es über Genua nach Panama, wo ihre Großmutter mit einer ausgewanderten Schulfreundin von Ana Marías Mutter für ein Chile-Visum gesorgt hatte. Die Familie kam schließlich an Bord des Schiffes Copiapó in Valparaíso an und Ana María betont: «Ich werde Chile immer für unsere Rettung dankbar sein.»

Der große Traum der beiden Frauen sei nun, dass sie sich auch in Wirklichkeit wiedersehen. Sie planen ein gemeinsames Treffen im September zum Rosch Haschana-Fest in Miami und einen Besuch der Synagoge.

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