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sábado, 8. mayo 2021
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Erinnern mit Leonor

Exilkind, Briefe und Erinnerungen aus Chile und Deutschland, Leonor Quinteros Ochoa, Schiler & Mücke

Von Verena Horlacher

Im Oktober dieses Jahres ist «Exilkind» erschienen, die deutsche Übersetzung von «Un exilio para mí» unserer Ex-Schülerin Leonor Quinteros. Sie kam 1986 an unsere Sankt Thomas Morus Schule, nachdem sie nach Jahren des Exils in Deutschland nach Chile zurückkehrte. 

Leonor Quinteros Ochoa

Die Autorin ist gerade in Münster und schreibt ihre Doktorarbeit, die an «Exilkind» anknüpft. Ist «Exilkind» eine Sammlung von Briefen, Erinnerungen und Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit nach der Verhaftung ihres Vaters und während ihres Exils zuerst in Belgien und dann in Tübingen, erforscht sie in ihrem derzeitigen Projekt die Geschichten und Erfahrungen anderer Exilkinder und den Einfluss auf deren Biografien.

Im ersten Semester haben die siebten Klassen im Rahmen des Projekts «Erinnern für die Gegenwart» Leonors Buch gelesen und dazu Infografiken erarbeitet (www.dsmorus.cl). Nun hatten sie am 23. Oktober die Gelegenheit, die Autorin in einer Online-Konferenz kennen zu lernen und folgende Fragen direkt an sie zu richten:

Wie groß ist der Einfluss des Exils auf Ihr Leben?

Das sei nicht zu unterschätzen, meint Leonor. Sie könne bis heute nicht behaupten, die Zeit des Exils hinter sich gelassen zu haben. So fühle sie sich bis heute in keinem der Länder, in denen sie gelebt hat, wirklich heimisch, weder in Deutschland noch in Chile; momentan, in Deutschland lebend, vermisse sie Chile und umgekehrt. Sie habe sich zwar ihre «eigene Welt» geschaffen, was sie heute als Erwachsene akzeptieren könne, aber als Heranwachsende sei dies für sie schwierig gewesen. Inzwischen gibt es für diese Problematik auch einen Namen, erklärt sie uns, und zwar spricht man vom Ulysses-Syndrom. Abgeleitet von der Irrfahrt des Odysseus, der von Insel zu Insel reist und nicht zurück kann, kennzeichnet dieses Phänomen Erfahrungen von Flüchtlingen. Folgen können dabei schwere psychische Belastungen sein oder die Schwierigkeit, eine eigene Identität auszubilden. 

Was hat Ihnen geholfen, mit diesen Erfahrungen umzugehen?

Ganz wichtig sei dabei ihre Familie gewesen, so Leonor. Hätten Freunde, Bekannte oder Orte gewechselt und musste man immer darauf eingestellt sein, plötzlich wieder Menschen zurückzulassen, habe die Familie als Konstante gewirkt. Sie schildert uns ihr Ankommen als 15-Jährige in Chile, wo niemand sie kannte und niemand wusste, «wer» sie bisher war, was ihre «Identität» ist. Auch deshalb habe sie bis heute eine innige Beziehung zu ihrer Familie – und vermisse sie umso mehr, wenn sie nicht bei ihr ist. Kontakte mit Freunden zu halten, falle ihr hingegen bis heute schwer, weil sie gelernt habe, jederzeit Beziehungen abzubrechen. Zudem gebe es immer wieder Momente, in denen sie sich einsam fühle oder sie eine Traurigkeit überkomme, ihrer Meinung nach ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie, diese Zeit nicht überwunden hat. 

Wie war der Schreibprozess des Buches?

Sie habe sich viel Zeit gelassen für das Buch, erzählt Leonor. Irgendwann habe sich die Frage gestellt, was man mit all den alten Briefen und Dokumenten der Familie aus der Zeit des Exils machen solle: wegwerfen, verbrennen, aufbewahren – und dabei habe sie für sich entschieden, sich damit zu beschäftigen. Diese Arbeit mit konkreten Dokumenten sei für sie hilfreich gewesen und habe ihr den Prozess des Schreibens enorm erleichtert. Die Auseinandersetzung mit Briefen oder Tagebuchaufzeichnungen markierten eine wichtige Erfahrung für sie. Es war «eine Rückkehr in die Kindheit», eine Erinnerung daran, wie sie als Elf- oder Zwölfjährige gedacht hat. Das sei zunächst schwer gewesen und die Erinnerungen haben sie bisweilen so belastet, dass der Schreibprozess immer wieder pausierte. Aber nach circa 20 Jahren war das Buch fertig und sein Entstehungsprozess ist für sie heute vor allem aus zwei Gründen von enormer Bedeutung. «Das Schreiben hat mir geholfen, mich selber besser zu verstehen und das Heute zu verstehen.» An dieser Stelle betont sie den Reiz, Tagebuch zu führen, eine Gewohnheit, die sie bis heute pflegt. Vor allem in unserer digitalisierten Gesellschaft habe das Schreiben von Hand für sie große Bedeutung, daran können sie beispielsweise ihre eigene Stimmung erkennen. Eine Kostprobe ihres aktuellen Tagebuches, das sie in die Kamera hält, beeindruckt uns alle: Dabei handelt es sich um ein kleines Kunstwerk, da sie es nicht beim Schreiben belässt, sondern Bilder hinzufügt, Fotos, Collagen oder eigene Zeichnungen.

Als zweiten wichtigen Aspekt ihres Buches beschreibt sie den Versuch, mit ihren Erfahrungen auch Erfahrungen anderer Exilkinder zu repräsentieren. Auch wenn diese im Einzelnen natürlich individuell seien, wiesen sie doch gewisse Gemeinsamkeiten auf. Sie wolle einen Zusammenhang herstellen zwischen den damals «in alle Welt, in alle fünf Kontinente verstreuten Kindern», die jedes für sich in einer Diaspora gelebt haben und die es für sie gilt zu verbinden. 

Wie schätzen Sie die Bedeutung der sozialen Bewegung und der Volksabstimmung ein?

Sie betont die Bedeutung, die für sie Demokratie und Erinnerung haben, und verweist auf ihre Sozialisation in Deutschland, wo sie erlebt habe, dass an beiden Themen konstant gearbeitet werde. In diesem Zusammenhang wünscht sie sich mehr Partizipationsmöglichkeiten in Chile, mehr Demokratie und eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

In der Volksabstimmung sieht sie in erster Linie eine wichtige Instanz zur Debatte unter Staatsbürgern und dieses Miteinander-ins-Gespräch-Kommen stellt für sie die Basis für Veränderungen dar. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sie sich eine neue Verfassung wünscht. «Verfassungen sollten von der Bevölkerung erarbeitet werden», so Leonor, und appelliert an die Verantwortung der heutigen Jugendlichen, sich für eine «bessere und gerechtere Welt» zu engagieren und nicht zu vergessen, dass auch heute noch viele Kinder im Exil leben müssen und keine Perspektiven für ihre Zukunft haben.

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