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sábado, 26. septiembre 2020
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Zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Der Großmeister des Idealismus, der Logik und der Freiheit

Von Peter Downes

Hegel mit Studenten, als er an der Universität von Berlin unterrichtete (Lithographie F. Kugler, 1828)

Hegel kann als der Großmeister der neuzeitlichen Philosophie gelten. Neben Immanuel Kant ist er der berühmteste moderne Philosoph. Vernunft und Freiheit sind das Fundament, auf dem er seine philosophische Weltbetrachtung errichtet hat. Als ein «politicus», ein sich an politischen Fragen öffentlich positionierender Mensch, stellte die Französische Revolution für Hegel den Ausgangspunkt seines Denkens dar.  

Geboren in einer Zeitenwende

Georg Wilhelm Friedrich Hegel kommt am 27. August 1770 in Stuttgart zur Welt, in einer Zeit, in der die Wissenschaften erblühen und man danach strebt, das Weltganze zu erschließen und die Immanenz des Wissens zu erfassen, in der dem bloßen Glauben die Vernunft, die Logik und eine wissenschaftliche Dia-lektik gegenübergestellt wird. Das Ende des 18. und der Beginn des 19. Jahrhunderts stellen eine Epochenwende dar. Die Welt wird vermessen und alles scheint nun nützlich für ein besseres Verständnis der Welt und des Menschen. James Cook bereist die südlichen Meere und Alexander Humboldt vermisst die Neue Welt. Technische Erfindungen steigern die Mobilität, etwa die Dampfmaschine, die James Watt verbessert und weiterentwickelt hat. In der Chemie kommt es zu großen Durchbrüchen, die künstliche Herstellung von Soda, Entdeckung der elektrochemischen Elemente, dann 1803 die Begründung der chemischen Atomtheorie durch John Dalton. Überall scheint eine Evolution und Revolution im Gange, die dann im 19. Jahrhundert weiter fortschreitet. 

Kennzeichnend für dieses neue Zeitalter ist nicht die «Creatio ex nihilo», sondern die Weiterentwicklung des Bestehenden oder des bereits Erdachten. Es handelt sich also streng genommen nicht um «große Erfindungen» und Neuschöpfungen, sondern um evolutionäre Experimente mit dem Bekannten, die aber dadurch tiefer erkannt wurden und zu Theoriebildungen führen. «Das Ende des 18. Jahrhunderts erscheint als eine Zeit der sich wechselseitig stimulierenden Neuerungen» (Kaube, Hegels Welt, S. 9). Hegel wird also in eine Welt hineingeboren, die im Gefühl ständiger Verbesserungen lebt. 

Die Amerikanische und Französische Revolution hatten schon stattgefunden, so dass zu den Anfängen der wissenschaftlichen, technischen und industriellen auch die politischen Revolutionen hinzutraten.

In Deutschland fand eine Bildungsrevolution statt. Hier waren auch die Philosophen Mitwirkende und maßgeblich für Reformen im Schulwesen verantwortlich. Sie publizierten ihre Gedanken zur Bildung, Schule und Universität und trugen somit zu den Veränderungen im Bildungswesen bei. Einer der einflussreichsten Reformschriften verfasste 1808 Friedrich Immanuel Niethammer, der in seinen Tübinger Studientagen mit Schelling, Hölderlin und Hegel im Austausch stand. Sein Werk «Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts unserer Zeit» erlangte großen Einfluss.

Der Aufbau des öffentlichen Schulsystems hängt auch mit dem Idealismus zusammen. Schon Lessing und Herder betonten im 18. Jahrhundert die Notwendigkeit, die Bildung der Menschheit zu fördern. Man erwartete von intellektuellen Lehrern und einer Revolution von Denkweisen entscheidende Impulse für die Modernisierung der Gesellschaft. Über den Stellenwert des «Selbstdenkens» – heute würden wir von aktivem Lernen sprechen – wurde nun diskutiert und auch über die Anteile des berufsbildenden und des theoretischen Unterrichts für die Ausbildung. Themen die auch heute wieder gestellt werden, wenn der Einklang von Theorie und Praxis gefordert wird. 

Der Unterricht verlagerte sich in der Zeit Hegels immer mehr von den Privathäusern auf die Schulen und Universitäten. Es begannen sich die Fronten zwischen Ausbildung und Standeszugehörigkeit aufzulösen und auf dem Lehr- und Lernmarkt entwickelte sich eine Vielfalt von Erziehungseinrichtungen, von der Privaterziehung hin zu den Lateinschulen. Der Staat ergriff nun auch in der Bildung Initiativen. Es ging dabei nicht nur um eine bessere Ausbildung der Untertanen, sondern auch um eine gewisse Kontrolle der Bildung, letztlich auch um politischen Veränderungen zu begegnen. 

Alle Revolutionen, seien sie politisch, industriell, pädagogisch oder wissenschaftlich, streben nach der Loslösung der Gesellschaft aus den «natürlichen» Vorgaben. Hegel wird der Gesellschaft Vernunft zuschreiben, die einen Fortschritt in der Weltgeschichte ermöglicht. Sein Idealismus strebt  ein Bewusstsein des Könnens an. Alles sollte nun aus einer bisher unbekannten Perspektive neu betrachtet werden und am Ende das Ganze erfassen, indem die einzelnen Teile in einem sinnvollen Zusammenhang gestellt werden und um damit dann zu deren Erkenntnis zu gelangen. Man muss die Dinge aus einer bestimmten Entfernung (einer Objektivität) betrachten, um sie richtig zu verstehen. Die Welt Hegels brachte alles in Bewegung, alles wurde hinterfragt und man strebte nach dem tieferen Verständnis der Dinge.

In Hegels Bibliothek standen unter anderem philosophische Schriften Ciceros und anderer römischer Autoren.

Ein Leben für die Bildung

Hegel entstammte einer pietistischen Familie. Väterlicherseits gab es eine lange Tradition von Honoratioren, wie Pfarrer, Advokaten, Schullehrer und Verwaltungsleute, und sein Vater Georg Ludwig war zunächst Rentkammersekretär und stieg später zum Rentkammer-Expeditionsrat auf, war somit ein Finanzbeamter. Seine Mutter Maria Magdalena stammte aus einer wohlhabenden Stuttgarter Familie. Von den insgesamt sechs Geschwistern überlebten lediglich zwei das Kindesalter: seine Schwester Christiane Luise und sein Bruder Georg Ludwig, der aber 1812 im Russlandfeldzug Napoleons fiel – Württemberg hatte sich verpflichtet Frankreich bei Bedarf Soldaten zu stellen. 

Mit sechs Jahren besuchte Wilhelm – wie Hegel in der Familie genannt wurde – das «Gymnasium Illustre» in Stuttgart. Dort lernte er die altklassischen Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch sowie Geschichte, die dort verpflichtende Fächer waren und auf eine kirchliche Laufbahn hinführen sollten. Dabei übte seine Mutter mit ihm die Deklinationen und fragte ihn die Vokabeln ab. Außerdem lernte er noch Französisch und nach der Schule bekam er  Privatunterricht in Geometrie, Messkunst, Astronomie, Physik und Mathematik. Er zählte immer zu den besten Schülern. Geschichte und Mathematik waren seine Lieblingsfächer. 

Zweimal erkrankte er lebensgefährlich. Mit acht Jahren litt er an Windpocken, die ihn über Tage hinweg erblinden ließen und der Arzt wollte ihn schon aufgeben. Als er 13 Jahre alt war, hatte die gesamte Familie «Gallenfieber» (vermutlich Typhus). Auch dies überlebte er, seine Mutter jedoch erlag am 20. September 1783 dem Fieber. Den Tod der Mutter machte er sich zu einem Gedenktag, so schrieb er 1825 seiner Schwester: «Heute ist der Jahrestag des Todes unserer Mutter, den ich immer im Gedächtnis behalte.» Viel ist ansonsten nicht über seine Kindheit und Jugend bekannt. 

Lediglich anhand seiner Aufzeichnungen, seiner Tagebucheinträge, erfahren wir etwas über seine Lektüren, Gedankennotizen, moralischen Erwägungen, Kommentare zum tugendhaften Verhalten, zum Thema des Strebens nach Glück wie auch über den Tod. 

Hegel war ein Bücherwurm. Er las viel und sehr unterschiedliche Literatur. Mit 15 erwarb er aus dem Nachlass eines verstorbenen Lehrers philosophische Schriften Ciceros, die «Nikomachische Ethik» von Aristoteles, Reden von Demosthenes und Isokrates, die «Attischen Nächte» des Aulus Gellius und noch andere Werke weiterer zwölf römischer Schriftsteller. Vor allem genoss er die Diskussionen, die er bei Spaziergängen mit seinem Lehrer führen konnte. Dieser legte Wert darauf, dass die Schüler ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Gelesenen verglichen und hinterfragten. 

Es kam hier schon eine moderne Pädagogik zum Vorschein, die nicht mehr auf das bloße Auswendiglernen, sondern auf das Erkennen und Verknüpfen von Gedanken setzte, wo Gelesenes sich in den eigenen Erfahrungen und Erlebnissen widerspiegelte beziehungsweise auseinandersetzte. Hier sind sicherlich die Inspirationen für Hegels dialektische Philosophie entstanden. Er selbst sollte später als Rektor des «Egidiengymnasiums Nürnberg» (1808-1816), wo er auch Philosophie, Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik unterrichtete, seine Schüler zu Zwischenfragen bewegen. Zu deren Erklärung berücksichtigte er genügend Zeit bei seiner Unterrichtsplanung. Bildung sollte zum selbständigen Denken anleiten.

Nach einem erfolgreichen Sprachexamen konnte Hegel 1788 ins Tübinger Stift einziehen und begann im Wintersemester 1788/89 das Studium der Evangelischen Theologie an der Eberhard-Karls- Universität, wie man es in seiner Familie von ihm erwartete. 1790 erlangte Hegel den Magistertitel in Philosophie und konnte drei Jahre später das Theologiestudium abschließen. Doch Pastor wollte er nicht werden, er wollte weiter forschen und sich ganz der Bildung widmen.

Sein ganzes Leben sollte von Bildung bestimmt sein. Erst als Schüler in Stuttgart (bis 1776), dann als Student in Tübingen (1788-1793), als Privatlehrer in Bern (1794-1796) und Frankfurt a. Main (1796-1799), Universitätsdozent in Jena (1801-1806), Journalist in Bamberg (1806-1808), Gymnasiallehrer und Schulrektor in Nürnberg (1808-1816) und schließlich Professor in Heidelberg (1816-1818) und Berlin (1818-1829), wo er dann Universitätsrektor wurde (1829-1831).

Die Französische Revolution, Napoleon und die Freiheit

Wie viele Dichter und Denker des 18. Jahrhunderts war auch Hegel zunächst von den Ideen der Französischen Revolution begeistert. Gleichheit, Freiheit und der Sieg der Vernunft galten als Postulate der Moderne. Erst mit dem «Terreur» der Jakobiner und vor allem der Schreckensherrschaft unter Robespierre wechselte er seine Sympathien hin zu den «Girondisten», den Vertretern der gebildeten Bürgerlichen. Mit seinen Studienfreunden und Zimmergenossen Friedrich Wilhelm  Joseph Schelling und Friedrich Hölderlin verbanden ihn viele republikanische Ideen. Mit Schelling veröffentlichte er in Jena gemeinsam Artikel in der von ihnen herausgegebenen Zeitschrift «Kritische Journal der Philosophie» (1802-1803). Hier setzte sich Hegel auch in seinem bedeutenden Artikel «Glauben und Wissen» (Juli 1802) mit Immanuel Kant und Friedrich Heinrich Jacobi auseinander. Glaube und Vernunft waren auch Themen der Revolution und daher waren sie für Hegel von philosophischem Interesse. Das Christentum prägte auch seine frühen Überlegungen stark, wohl auch nach dem Theologiestudium. Seine Lektüre erweiterte sich auf die englischen und französischen Philosophen und Staatsdenker, so dass er sich um Begrifflichkeiten im Rechtswesen, in der Soziologie und schließlich nahezu in allen wissenschaftlichen Bereichen von Religion, Kunst, Staat, Politik und Recht bemühte. Hegel geht es um Erkenntnis. In seiner «Phänomenologie des Geistes» schreibt er 1807: «Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.» Erkenntnis erlangen heißt nach Hegel also über das reine Vertrautsein mit etwas hinauszugehen. Man darf sich nicht damit begnügen, etwas als gegeben zu betrachten – dessen Existenz lediglich als bekannt anzuerkennen -, da eine Vertrautheit geradezu ein Hindernis der Erkenntnis darstellt. Hier geht es um subjektive Wahrnehmung und objektive Erkenntnis: Um etwas erkennen zu wollen, darf man nicht persönlich zu dicht dran sein, da man ansonsten das Vertrautsein mit dem Erkannthaben verwechselt. Hegel geht den Dingen auf den Grund. Er will sie dialektisch hinterfragen, um dann ihr Wesen zu erkennen.

Die «Weltseele zu Pferde» nannte Hegel in einem Brief begeistert Napoleon, als dieser an ihm vorbei durch Jena ritt.

Er ist kein leicht verständlicher Philosoph und man begibt sich leicht auf eine Odyssee oder gar in ein Labyrinth, folgt man seinen Gedanken. Manche sind faszinierend, andere führen anscheinend in Sackgassen, das heißt ohne letztendlich deutliche Erklärungen. 

Auch sein Leben gleicht einer Odyssee. Er wurde öfters vom Geheimdienst wegen seiner Kontakte zu Revolutionären und Republikanern beobachtet. So stand er nicht selten in Gefahr, als Landesverräter verdächtigt zu werden.

Als Napoleon 1806 durch Jena ritt, war Hegel von ihm begeistert und schrieb seinem Freund Immanuel Niethammer nach Würzburg, dass er die «Weltseele zu Pferde» beziehungsweise den «Weltgeist» gesehen habe. Der «Weltgeist» wurde für ihn zu einem Zentralbegriff seiner spekulativen Philosophie. Doch nach dem Scheitern Napoleons 1815 nahm auch Hegel eine dis-tanzierte Stellung zu ihm ein. Fortan pflegte Hegel das Image eines Bürgerlichen und vermied zunehmend mögliche Identifizierungen mit dem Liberalismus und Republikanismus. 

Sein Tod 1831 kam überraschend. Vermutet wurde lange, dass er Opfer der damaligen Cholera-Epidemie wurde; er soll aber auch an einem chronischen Magenleiden gelitten haben. Sein Denken inspirierte zahlreiche Generationen von Philosophen und Soziologen. Anhänger und Kritiker bereichern bis heute die philosophischen Diskussionen.

Das inspirierende des hegelianischen Denkens 

Man muss kein Hegelianer sein, wenn man sich seinen Gedanken nähert und sie als Inspiration auch für unsere Gegenwart neu beleuchtet. In den Details seiner philosophischen Sicht und Schlussfolgerungen kann man unterschiedler Meinung sein. Was aber uns heute inspiriert, ist die grundlegende dialektische Sicht der Dinge, sich in die Situation eines anderen zu begeben und dessen Realität zugleich als die eigene Wirklichkeit zu betrachten und so zu einer Lösung unserer Probleme zu gelangen. Es gilt bei Hegel auch nicht an dem Vertrauten und Bekannten zu klammern, sondern auf ihre Gegensätze hin zu untersuchen. So kommen wir zur wahren Erkenntnis, die uns dann mit Vernunft  – mit subjektiven und objektiven Argumenten gleichermaßen  – zum Wesen der Probleme führt. Statt an Altem und Vertrautem festzuhalten, sollte man sich laut Hegel auf den Weg zur Entdeckung, zum Experimentieren und Erkennen aufmachen, um neue Wirklichkeiten zu schaffen, die einen wirklichen Fortschritt bringen.

Für die Politik bedeutet es auch, mehr dialektisch zu denken und nicht statisch auf Bekanntem zu beharren, sondern sich mit der Vernunft und einer Weit- und Umsicht neue Möglichkeiten und damit eine wirkliche Freiheit zu schaffen, um Besseres zu erreichen.

Chile und die Welt befinden sich in einer ähnlichen Epochenwende, wie sie Hegel seinerseits selbst erlebte, die Herausforderungen unserer Zeit sind enorm. In allen Bereichen des Lebens sind neue Lösungen erforderlich, daher ist eine geschichtliche Betrachtung, die Förderung des freiheitlichen Denkens – gegen eine Tendenz der Vereinheitlichung – und die Dominanz der Logik, der Vernunft mit ihren subjektiven, aber vor allem auch objektiven Komponenten entscheidend. Hier sollten wir alle hegelianisch denken und auf eine bessere, gerechtere und freiheitliche Gesellschaft und Weltgemeinschaft hinarbeiten. .

Leseempfehlungen:  

Jürgen Kaube, Hegels Welt, Berlin: Rowoht/Berlin Verlag 2020.

Klaus Vieweg, Hegel. Der Philosoph der Freiheit, München: Beck 2019

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