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Donnerstag, 2 April 2020
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Coco Chanels Erbinnen

Diese Santiaguinas machen Mode (Teil 1)


Gebürtig aus der Gegend um Frutillar, zog es Natalia Figueroa schon früh hinaus in die weite Welt.

Die großen Mode-Metropolen wie Mailand, Paris oder New York bestimmen die Trends der Zukunft. Aber auch in Chile gibt es ambitionierte und engagierte Designerinnen und Designer. Der Cóndor hat zwei in ihren Ateliers besucht.

Schneiderin der Träume

Wenn Frauen ihren Salon in Providencia betreten, fangen deren Augen sofort an zu glänzen. Muster von Braut- und Abendkleidern aus seidenen Stoffen, mit zarter Spitze und edlem Schnitt hängen auf Bügeln und Schneiderpuppen. Im Atelierlager steht ein riesiger Schrank voll mit exotischen Stoffen, Bändern und Musterstücken und im Präsentationsraum laufen Filme von Modeschauen auf dem großen Bildschirm, deren Haute Couture zwar wenig straßentauglich, aber dafür umso schicker ist. Ein Ambiente zum Träumen! An einem großen Holztisch sitzt die Urheberin dieser Sehnsüchte und rührt in ihrem Café americano: Natalia Figueroa Tassistro.

Die 48-Jährige lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Santiago und hat sich ihre Karriere aus verschiedenen Stücken quasi «zusammengenäht». Denn neben ihrer Tätigkeit als Schneiderin und Designerin hat sie noch weitere Arbeitsfelder. «Ich habe eigentlich drei Standbeine», erklärt sie. Das klassische Design ist nur eines, auf dem ihre Selbstständigkeit sicher stehen soll. Sie konzipiert und leitet Workshops mit interkulturellem Kontext und arbeitet als Stil- und Modecoach. Letzteres beschränkt sich aber nicht nur auf reine Typberatung, sondern ist als ganzheitliches Konzept angelegt: «Ich arbeite dann mit einer Psychologin zusammen. Oft kommen Menschen zu mir, deren Probleme mit dem Äußeren eigentlich ganz andere Ursachen haben. Wir versuchen dann, diese zu ergründen und den Menschen ganzheitlich zu beraten.»

Große Liebe: Deutsch

Dass der Weg sie einmal von einem kleinen Ort in der Nähe von Frutillar in die weite Welt führen würde, war für Natalia schon früh klar. Die Tochter eines Gutsverwalters war schon damals immer unterwegs: «Ich war ständig auf Achse, habe gesungen, getanzt und alles gezeichnet.» Der Vater erkannte, dass seine Tochter mehr gefordert und gefördert werden musste und schickte sie zuerst auf die Deutsche Schule in Frutillar, später dann auf die weiterführenden deutschen Colegios nach Puerto Varas und Manuel Montt. Dabei hat ihre Familie keinerlei deutsche Wurzeln; ihre Vorfahren stammen aus Andalusien, Italien und England. Natalia musste die Sprache also von Grund auf lernen. «Das hat mir aber nichts ausgemacht. Mir hat die deutsche Sprache immer sehr gefallen, die Lieder, die auf den Feldern von den Bauern rund um Frutillar gesungen wurden, deren Klang» sagt die quirlige 48-Jährige und erklärt, dass sie auch heute gern über das Internet deutsche Radiosender hört. Besonders Radio Dresden Digital hat es ihr angetan, denn in der schönen Residenzstadt an der Elbe – dem «Florenz Sachsens», wie die dortige Tourismusagentur gern wirbt – lebte Natalia im Jahr 2001 für einige Monate. Der Liebe wegen und weil sie sehr von der dortigen Kulturszene angetan war.

Süchtig nach Seide

Die eine Liebe von damals ist zwar vergangen, aber eine andere begleitet sie schon das ganze Leben: die Leidenschaft für Mode. Beinahe selbstverständlich, denn: «Das ist bestimmt genetisch bedingt», lacht Natalia. «Schon meine Uroma, Oma und Mama waren Schneiderinnen. Sie haben den Grundstein für meine Nähtechnik gelegt.» Dass sie dann tatsächlich Modedesign an der Universität in Valdivia studierte, war bei aller Liebe des Vaters zu seiner wilden Tochter keine ausgemachte Sache. Aber durchsetzen kann sich Natalia und nach einigen Diskussionen durfte sie sich schließlich an der Universität einschreiben. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie bei José Cardoch, dem «chilenischen Christian Dior» und als Lehrerin an einer Modeschule. Bei Cardoch hatte sie mit den edelsten Materialien zu tun. Ein Stoff wuchs ihr dabei besonders ans Herz: Seide in allen Formen und Farben! «Schau mal, hier, das ist eine ausgesprochen schöne Rohseide. Ich bin süchtig nach diesem Stoff», sagt sie, springt auf und holt eine Jacke mit extravagantem asymetrischen Kragen vom Bügel. Ihre Seiden und Stoffe bringt sie auch oft von Reisen mit, ebenso wie die Inspiration für neue Entwürfe.

Dieser upgecycelte Pullover ist handbemalt und mit verschiedenen Stoffen veredelt.

Upcycling – aus alt mach‘ Mode

Die Idee, gebrauchte Stoffe und alte Kleidung wiederzuverwerten oder daraus etwas ganz anderes zu kreieren, brachte sie zwar nicht von einer Reise mit, aber dieses sogenannte «Upcycling» ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil ihres kreativen Schaffens geworden. Natalia zer- und verschneidet, näht neu zusammen, fügt hinzu – und lässt sich sogar eine ganz neue Daseinsberechtigung für alte Krawatten einfallen. Der
Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. «Mir macht es Spaß, die Inspiration aus anderen Kulturen auch in diesem Bereich umzusetzen. Viele Länder haben eine lange Tradition des Upcyclings. Das ist nachhaltig und kreativ.» Davon profitiert auch ihr Mann, ein Deutscher aus Heidelberg. Dessen alte Krawatten wurden umgehend upgecycelt und durch etwas modischere ersetzt.

Weiterführende Links:
Natalia Figueroa Design
Museo de la Moda Santiago

Im zweiten Teil stellen wir Ihnen die Modedesignerin Irene Schumann vor.

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