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martes, 15. junio 2021
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Beate Wenker – Linguistin

Globetrotterin mit festen Wurzeln

Bei manchen Menschen kann sich eine früh getroffene Entscheidung wie ein roter Faden durch das Leben ziehen. So erging es Beate Wenker: Mit 19 Jahren ist die gebürtige Westfälin in Israel zum Judentum konvertiert. Ihre Arbeit in Yad Vashem sieht die Linguistin als einen der Höhepunkte ihrer beruflichen Laufbahn an.

«Nach dem Abitur in meiner Heimatstadt Hamm wollte ich auf keinen Fall gleich studieren. 1973 ging ich als Au-Pair-Mädchen nach Israel», erzählt die heute 66-Jährige. Kaum angekommen brach im Oktober völlig unerwartet der Jom-Kippur-Krieg aus: «Mein Gastvater meinte, dass in Israel die Kriege nicht lange dauerten – da irrte er sich. Er wurde bald eingezogen und meine Gastmutter war froh, dass ich ihr mit den kleinen Kindern in den nächsten drei Monaten beistand.»

Nach dem Krieg hatte sie sich so gut eingelebt, dass sie beschloss, sich an der Hebräischen Universität in Jerusalem für Englisch und Musikwissenschaften einzuschreiben. Als Jugendliche hatte sie Oboe und Klavier gespielt und mit dem Gedanken geliebäugelt, Musikerin zu werden. Inzwischen sprach die junge Frau schon recht gut Hebräisch und begann, sich Land und Leuten zugehörig zu fühlen. Daher stellte sie sich irgendwann einem Rabbiner mit ihrem Wunsch vor, zum Judentum zu konvertieren: «Warum ich denn bereit sei, die über 600 Gesetze der Juden einzuhalten, wo doch für einen guten Christen zehn Gebote ausreichen würden, wollte er wissen. Ich wurde immer wieder abgewiesen.» Schließlich aber während einer letzten Fragerunde schienen ihre guten Kenntnisse der jüdischen Religion und auch der hebräischen Sprache einen überzeugenden Eindruck hinterlassen zu haben. Sie wurde zur «Gijur», zum Übertritt, zugelassen, und Mitglied der jüdischen Gemeinde.

Während des Studiums lernte sie ihren späteren Mann kennen, einen jüdischen Chilenen und Chemiestudenten. Beide beschlossen 1975, ihr Studium an der Universität Göttingen fortzusetzen. Noch während des Studiums heiratete das Paar in Santiago: «Meine Eltern nahmen teil und natürlich die große chilenische Familie meines Mannes auch. Es war erstaunlich: Obwohl mein Vater im Zweiten Weltkrieg Unteroffizier der Luftwaffe gewesen war, haben sich alle gut verstanden.»

Ihre nächste Station war wieder Israel, wo ihr Mann einen Postdoc absolvierte. In Tel Aviv wurde Sohn Robert geboren. Da ihr Mann dann eine Stelle bei der Firma Hoechst annahm, ging es wieder nach Deutschland. Die Familie zog nach Hofheim am Taunus bei Frankfurt. Ihr zweiter Sohn Daniel erblickte hier das Licht der Welt. Eines Tages erhielt sie vormittags einen Anruf ihres Mannes und es war klar, dass sie eine ungewöhnliche Nachricht erwarten würde: Die Firma bot ihm an, für Hoechst in einem Ort bei São Paulo zu arbeiten. «Ich freute mich sehr darauf, die portugiesische Sprache zu lernen, die ich besonders liebe», erzählt Beate Wenker. Nicht gefallen hat der stets aktiven Frau, dass sie in Brasilien kein Arbeitsvisum erhielt: «Dennoch habe ich immer nebenbei vor allem Deutschunterricht erteilt.» Außerdem kam Tochter Hannah auf die Welt: «Meine Kinder sind alle in einem anderen Land geboren worden und erzählen gerne über ihre ausgefallenen Geburtsorte.» Denn nach fünf Jahren ging es nun für die Familie nach Santiago. «Wir entschieden uns für die jüdische Schule, Instituto Hebreo, in Las Condes.» Besonders stolz ist die dreifache Mutter auf ihren Sohn Daniel, der Rabbiner geworden ist.

Nach der Trennung von ihrem Mann begann sie, in Chile in verschiedenen Schulen und Universitäten als Lehrerin beziehungsweise Dozentin zu arbeiten: «Das liegt mir sehr: Ich habe ein gutes Gespür für die Schüler und weiß, wie man sie motivieren kann.» Einen Karriereschritt machte sie im Jahr 2005, als sie beim Instituto Chileno-Británico die wissenschaftliche Leitung übernahm.

Bereits drei Jahre später nahm ihr Leben wieder eine neue Wendung: Ihr zweiter Ehemann war aus familiären Gründen nach Israel gezogen und sie folgte ihm nach. «Meine Schwester brachte mich auf den Gedanken, mich bei der großen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem zu bewerben.» Auch aufgrund ihrer Sprachkenntnisse war sie dafür prädestiniert, denn «meine Aufgabe war zu entscheiden, welche Dokumente geeignet waren, nach der Digitalisierung veröffentlicht zu werden.»

Eines der grausamsten Dinge, die sie damals gelesen habe, war der Tagesbericht eines Mitgliedes der Einsatzgruppen der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs, die vor dem Bau der Konzentrationslager dafür zuständig waren, Juden, Sinti und Roma und Partisanen wie Sklaven arbeiten zu lassen und dann irgendwann zu erschießen. Der Schreiber des Briefes errichtete die sogenannte «Durchgangsstraße IV» in der
Ukraine und beschwerte sich sinngemäß: «Nun habe ich eine Gruppe von Juden bekommen, von denen der Älteste 93 Jahre und der Jüngste 17 und blind ist – die habe ich gleich erschießen lassen.»

Seit vier Jahren ist Beate Wenker zurück in Chile und arbeitet nun in dem Museo Interactivo Judío als Leiterin der Bildungsabteilung, die unter anderem Vorträge für Schulen organisiert. Bei der vom im vergangenen Jahr durch 13 jüdische Museen aus elf lateinamerikanischen Ländern gegründeten Red Latinoamericana para la Enseñanza de la Shoá ist sie bei Videoveranstaltungen immer wieder als Moderatorin oder Vortragende tätig. Außerdem kuratiert sie die neue Ausstellung zum Thema Holocaust, die nach der Pandemie eröffnet werden soll.

Doch auch ihrem Geburtsland und der Musik ist Beate Wenker treu geblieben: 2004 wurde sie Mitglied im Singkreis Arturo Junge, bei dem sie bis heute voll Begeisterung mitsingt.

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