Der ökologische Bauernhof der Familie Lischka Prenzlau am Llanquihue-See

Grünkohl und Fenchel aus Bio-Anbau

Cornelia und Matthias kennen sich schon aus der Schule. Das Paar betreibt einen Bauernhof am Llanquihue-See.
Cornelia und Matthias kennen sich schon aus der Schule. Das Paar betreibt einen Bauernhof am Llanquihue-See.

 

Chiles Bio-Bauern haben zu kämpfen – für ihre Vision, um politische Akzeptanz und Absatzmöglichkeiten. Der «Cóndor» hat die ökologische Farm der Familie Lischka Prenzlau am Llanquihue-See besucht.

 

Von Stefanie Hornung

Ein neues Bio-Siegel, im November 2017 vom Dienst für Landwirtschaft und Viehzucht (Servicio Agricola y Ganadero, SAG) der Öffentlichkeit vorgestellt, soll chilenische Produkte aus ökologischem Anbau attraktiver für den europäischen Markt machen. Mit dem Emblem wird garantiert, dass keine chemischen Unkrautvernichtungsmittel oder chemischer Dünger verwendet und natürliche Anbau- und Biozyklen berücksichtigt wurden – in der EU ein wichtiges Verkaufsargument.

Bislang klebt auf den saftigen Fenchelknollen der Familie Lischka Prenzlau kein Gütesiegel. Obst und Gemüse aus dem weitläufigen Bauerngarten des landwirtschaftlichen Betriebs zwischen Frutillar und Puerto Octay kommen ohne aus. «Die Zertifizierung ist langwierig und teuer. Außerdem gehen unsere Produkte nicht in den Export. Bei uns gilt sowieso: es kommt nur auf den Markt und auf den Tisch, was ökologisch und nachhaltig produziert wurde», sagt Cornelia Prenzlau, Eigentümerin der Farm und des dazugehörigen Restaurants «Espantapajaro» (Vogelscheuche).

 

Typisch deutsche Sorten

Auf zwei Hektar baut sie neben dem hierzulande eher unbekannten Fenchel klassische Obst- und Gemüsesorten an. Und krausen Grünkohl, eines der «typisch deutschen Gemüse», der anders als der bekannte glatte Grünkohl (Kale) im Restaurant eben auch auf typisch deutsche Art angeboten wird: deftig gedünstet mit Zwiebeln und Speck.

Auch im Gewächshaus des Bauerngartens wird das Gemüse durch eine Tabakpflanze vor gefräßigen Insekten geschützt. Diese bleiben an den klebrigen Blättern hängen.
Auch im Gewächshaus des Bauerngartens wird das Gemüse durch eine Tabakpflanze vor gefräßigen Insekten geschützt. Diese bleiben an den klebrigen Blättern hängen.

Das edle Grün findet in der Region rund um den Llanquihue-See ideale Wachstumsbedingungen. «Wir haben hier oft kalte bis frostige Nächte. Das braucht der Grünkohl vor der Ernte, sonst schmeckt er bitter», sagt Cornelia Prenzlau. Dessen Zubereitung hat die Mittvierzigerin von ihrer Mutter gelernt, die das Restaurant mit aufbaute.

Nach ihrem Schulabschluss an der Deutschen Schule in Osorno absolvierte Cornelia ein Studium der Hotellerie und des Restaurantwesens in Santiago. Trotz vieler Jobangebote in der Hauptstadt zog es sie aber wieder in den Süden, wo ihre aus Ostpreußen stammende Familie seit den 1950er Jahren ansässig ist.

Zunächst lebte die Familie in Puerto Varas. Dort arbeitete Cornelias Vater zunächst als Drogist und Maurer, bevor er die Parzellen zwischen Frutillar und Puerto Octay kaufte und dort neben der Landwirtschaft das Restaurant aufbaute.

 

Ökologische Landwirtschaft im Selbststudium

War ihr Vater noch den traditionellen Anbaumethoden verbunden, so setzt ihr Ehemann Matthias Lischka auf ökologische Landwirtschaft. Der studierte Tiermediziner, 1967 in Deutschland geboren und in den frühen 1980er Jahren mit seinen Eltern – beide waren Lehrer an der Deutschen Schule – nach Osorno gekommen, erarbeitete sich sein Agrar-Wissen selbst.

«Wir haben hier in der Gegend aufgrund der Vulkansedimente einen relativ sauren und nährstoffarmen Boden. Daher bringen wir ausgeklügelte Düngemischungen auf den Feldern aus», erklärt Matthias. Statt herkömmlicher und chemisch behandelter Phosphatdünger setzt er lieber auf puren gemahlenen Phosporstein ohne Vorbehandlung und versetzt mit Kalk, um den pH-Wert des Bodens zu mindern.

«Anders als in Deutschland, wo Biobauern durch die Europäische Union umfangreiche finanzielle Förderung erhalten, gibt es in Chile nur Unterstützung für den Einkauf von Dünger», benennt er den wesentlichen Unterschied.

Pestizide kommen auf den rund 12 Hektar Weizen- und Roggenfeldern ohnehin nicht zum Einsatz. Das hat seinen wirtschaftlichen Preis: der durchschnittliche Ertrag pro Hektar bei biologisch angebautem Getreide liegt rund ein Viertel unter dem aus konventioneller Landwirtschaft.

Das ficht Matthias nicht an: «Wir leben im Einklang mit der Natur und da ist es auch normal, dass es mal schlechtere und bessere Ernten gibt.» Auch im Gewächshaus des Bauerngartens wird das Gemüse durch eine Tabakpflanze vor gefräßigen Insekten geschützt, die an den Blättern kleben bleiben.

In der Schaf- und Rinderzucht geht das Biobauern-Paar ebenfalls ökologisch vor. Die Tiere werden ganzjährig auf der Weide gehalten. An Medikamenten wird nur das Nötigste verabreicht. Daran hat auch die älteste Tochter Katharina ihren Anteil: die 20-Jährige packt bei der Grundimpfung kräftig mit an.

Derzeit bereitete sie sich intensiv auf das Studium der Agrarwissenschaften in Deutschland vor: «Ich habe schon ein sechsmonatiges Praktikum auf einem Bio-Hof in Sachsen gemacht und möchte gern in Kassel studieren.»

Einsatz bei den Schafen: Katharina Lischka Prenzlau
Einsatz bei den Schafen: Katharina Lischka Prenzlau

 

Kampf um Verständnis und Vertriebsmöglichkeiten

Doch wie sieht die aktuelle Situation der ökologischen Landwirtschaft in Chile aus? «Es ist ein täglicher Kampf», sagt Matías Doggenweiler, Präsident der Vereinigung der Öko-Landwirte der Region Los Lagos (Cooperativa Los Lagos Orgánico y de Chiloé Orgánico). «Unsere Lobby in der Federación Nacional ist noch nicht stark genug. In anderen Staaten wie zum Beispiel Peru werden regionale, traditionell von der indigenen Bevölkerung angebaute Produkte als nationales Erbe gesehen und damit gleichgesetzt mit der organischen Landwirtschaft. Das hilft bei der Sensibilisierung für das Thema ganz erheblich.»

Er wünscht sich, dass die verantwortlichen Politiker verstärkt gegen die Verseuchung des Bodens mit künstlichem Dünger vorgehen. Sonst bleibe der vom Ministerium für Agrarwirtschaft ODEPA ausgebrachte Slogan «Chile Potencia Agroalimentaria y Forestal» auf ewig ohne Basis.

 

Neue Wege: Lieferung direkt vor die Haustür

Die mittlerweile rund 100 Mitglieder der 2006 gegründeten Vereinigung vernetzen sich neben der politischen Lobbyarbeit und für Weiterbildungen auch zur Stärkung der regionalen und nationalen Einkaufs- und Vertriebsnetze. Denn: in den Supermärkten des Landes finden sich Bio-Produkte wie die der Familie Prenzlau äußerst selten.

«Die Supermärkte benötigen große Mengen von standardisierten Produkten, was Biogemüse und -obst nicht sind. Außerdem sind die Gewinnmargen für die Produzenten sehr gering, das lohnt sich kaum», erklärt Matías Doggenweiler.

Bleibt nur der Direktvertrieb auf den Märkten der Region, in der Eco Tienda Chilota in Puerto Montt oder als Saisonware auf der Eco Feria La Reina in der Metropolregion Santiago. Cornelia Prenzlau hat noch einen weiteren Vertrieb für ihre Frischware gefunden: «Wir verkaufen auch an den Onlineshop BuenCampo. Sie liefern Kisten mit frischem Bio-Obst und -Gemüse direkt in Haushalte in Santiago und der umliegenden Gemeinden.»

Außerdem gibt es für die Familie ja noch das Restaurant als Abnehmer. Seit 2003 wird im «Espantapajaro» konsequent biologisch gekocht. Cornelia hofft, dass nicht nur das für mehr touristische Gäste sorgen wird: «Noch führt der beliebte Fahrradweg nicht ganz um den See. Wir hoffen aber, dass diese wunderschöne Strecke noch ausgebaut wird.»

Und vielleicht kaufen dann mehr Touristen und Radler im kleinen Bio-Shop Honig, Marmelade oder warme Wollkleidung ein. Oder genießen bei Kaffee und Kuchen einfach nur den Blick auf See und Vulkan.

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