Junge Europäer versuchen ihr Glück in Deutschland

Die gute wirtschaftliche Lage lockt immer mehr Zuwanderer aus ärmeren Ländern nach Deutschland. Mehr als eine Million Menschen verlegten 2012 ihren Wohnsitz in die Bundesrepublik. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa bringt viele dazu, ihr Glück woanders zu versuchen.

Wiesbaden (dpa) – In ihrer Heimat Madrid haben Klimatechniker David Gonzalez und Krankenpfleger Ignacio Rodríguez Úbeda keinen Job gefunden. Die beiden Spanier entschieden sich angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent dafür, ihr Glück in Deutschland zu versuchen.

Zuwanderer aus den südeuropäischen Krisenländern bescherten Deutschland 2012 zusammen mit Osteuropäern das größte Zuwandererplus seit 17 Jahren. Rund 1,08 Millionen Menschen zogen im vergangenen Jahr zu. Im Vergleich zum Vorjahr betrug das Plus 13 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mitteilte. Etwa 966.000 Zuwanderer waren den vorläufigen Ergebnissen zufolge Ausländer.

Die meisten Menschen kamen wieder aus Polen (176.000). An zweiter Stelle der Herkunftsländer stand Rumänien (116.000), an dritter Bulgarien (59.000). Besonders starke Zuwächse gab es aus den südeuropäischen EU-Krisenstaaten wie Spanien (plus 45 Prozent), Griechenland und Portugal (je 43 Prozent mehr), aber auch Italien (40 Prozent).

Aus den osteuropäischen Ländern, die erst seit 2004 oder 2007 zur EU gehören, kamen ebenfalls mehr Menschen nach Deutschland als im Vorjahr. Besonders stark war der prozentuale Zuwachs aus Slowenien (62 Prozent).

Drei Viertel der Ausländer, die nach Deutschland kamen, zog es in fünf Bundesländer: Das Gros ging nach Bayern (192.000), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (186.000), Baden-Württemberg (171.000), Hessen (90.000) und Niedersachsen (89.000).

Die Zahlen sagen allerdings nichts darüber aus, wie lange die Zuwanderer bleiben. So kehrten im vergangenen Jahr auch rund 712.000 Menschen Deutschland den Rücken, das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr. 579.000 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Aus den Zu- und Fortzügen ergibt sich ein Einwohnergewinn von 369.000 Menschen. Auch dies ist der höchste Wert seit 1995 und entspricht damit einer Stadt der Größe von Bochum oder Wuppertal.

«Deutschland entwickelt sich zum Magneten für gut qualifizierte, junge Zuwanderer aus der EU», sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Christine Langenfeld. Dies sei angesichts des Fachkräftemangels ein Gewinn.

Über die berufliche Qualifikation der Menschen, die 2012 nach Deutschland kamen, gibt es jedoch noch keine Erhebungen. Die meisten seien eher zwischen 20 und 40 Jahre alt und «nah am Arbeitsmarkt», schätzt Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. «Viele gerade aus den Krisenländern suchen ja einen Job.» Wer deshalb nach Deutschland komme, gehöre meist zu den agileren und mutigeren Leuten. Erfahrungsgemäß seien mehr Männer als Frauen darunter, und der Familiennachzug spiele nicht so eine Rolle wie bei der Zuwanderung früherer Jahre.

«In der Mehrheit kommen gut qualifizierte Personen», sagt auch Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Das Bildungssystem in den Ländern Osteuropas sei gut. Unterm Strich seien die Ressourcen für den Arbeitsmarkt besser als bei den Zuwanderungswellen früherer Jahrzehnte. «Dennoch ist es sinnvoll, Zuwanderung zu steuern und sie nicht nur geschehen zu lassen.» Gerade angesichts des Lehrlingsmangels in vielen Branchen sei eine Art Anwerbung und Vorbereitung in den Herkunftsländern sinnvoll.

Unabhängig von der Ausbildung zieht es die meisten Zuwanderer in prosperierende Ballungsräume. «Die Zuwanderung mildert die Verwerfungen zwischen Stadt und Land nicht ab», sagt Kröhnert. Zugleich seien immer mehr Städte von Armutszuwanderung betroffen, ergänzt die Dortmunder Sozialdezernentin Birgit Zoerner, die beim Deutschen Städtetag eine Arbeitsgruppe zu dem Thema leitet. Mannheim, Offenbach, Kiel und Nürnberg nennt sie als Beispiele. Die deutsche Regierung müsse mehr Druck auf europäischer Ebene machen, dass sich die Situation der armen Menschen in ihren Herkunftsländern ändere.

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