Junge Deutsche bringen Chilenen auf Touren

Das Recorrido-Team im Firmensitz in Providencia: Tilmann Heydgen, Simon Narli, Julian Deutschle und Lennart Ruff.
Das Recorrido-Team: Tilmann Heydgen, Simon Narli, Julian Deutschle und Lennart Ruff.

Not macht erfinderisch: Weil sie als Urlauber den Preisvergleich für Bustickets in Chile vermissten, gründeten vier junge Deutsche 2014 die Online-Plattform www.recorrido.cl. Zwei Jahre später ist das Start-up-Unternehmen weiterhin auf Erfolgskurs.

Von Arne Dettmann

An diesem verlängerten Wochenende will Lennart Ruff von Santiago aus nach Südchile auf die Insel Chiloé fahren. Für das Busticket muss er nicht extra zum Terminal pilgern, Preise und Abfahrtszeiten vergleichen, dann womöglich noch lange in einer Schlange anstehen, um das Ticket zu kaufen. Nein, er geht einfach auf die Internetseite www.recorrido.cl, lässt sich sein Angebot raussuchen, zahlt online mit Kreditkarte, Débito oder PayPal und braucht nicht einmal die Fahrkarte ausdrucken. Ein Vorzeigen auf dem Handybildschirm reicht fürs Einsteigen.

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Die Smartphone-App Recorrido.cl steht für die Betriebssysteme Android im Google-Store und das iPhone (iOS) im App Store bei iTunes zum kostenlosen Herunterladen bereit.

Zeit und Geld zu sparen scheint auch für viele andere ein schlagendes Argument zu sein. Mehr als 250.000 Tickets hat Recorrido.cl bisher an Kunden verkauft, 90 Prozent davon sind Chilenen, zehn Prozent Ausländer. Das Online-Portal offeriert Routen von Arica bis nach Punta Arenas, mittlerweile sind auch argentinische Städte im Angebot. Das System ruft dabei Daten von mehr als 25 Busunternehmern ab, Tendenz steigend. Denn auf dem chilenischen Markt tummeln sich alleine 100 Firmen und sie alle sollen möglichst zukünftig bei Recorrido.cl mitmachen.

Busunternehmer von den Vorzügen der Internetplattform zu überzeugen sei nicht immer leicht gewesen, berichtet Lennart Ruff (27). «Es handelt sich oft um ältere Inhaber, die uns jungen Ausländern skeptisch gegenüberstanden.» Und schwierig gestaltete sich zu Beginn auch die Suche nach einem Geldgeber, der die nötige Anschubfinanzierung bereitstellen würde. «Die Vergabe von Risikokapital zur Firmengründung steckt hier in Chile noch in den Kinderschuhen.»

Im Jahr 2013 waren Lennart Ruff und Simon Narli durch Ecuador, Peru, Bolivien und Chile getrampt. Stets per Fernbus. Und stets war die Situation in jedem Land die gleiche: Es fehlte eine zentrale Informationsvermittlung über Busrouten, Preise und Zeiten, wie sie es von Zuhause gewohnt waren.

Zurück in Deutschland beendeten sie ihr Wirtschaftsstudium und begannen zusammen mit den Freunden Julian Deutschle und Tilmann Heydgen in Frankfurt im Investment- und Bankenwesen zu arbeiten. «Wir haben uns allerdings schnell gelangweilt und gefragt, was wir neben der Arbeit sonst noch machen könnten», erzählt Lennart Ruff.

Die Idee für ein Busticket-Portal kam nicht von ungefähr. Technisch sei Chile im Vergleich zu anderen Ländern in Lateinamerika gut entwickelt, Internet und Smartphone weit verbreitet, die Online-Bezahlmethode über das System Webpay von Transbank zudem einfach und sicher. Und so arbeiteten die vier einen Business-Plan aus, den sie im Mai 2013 beim Gründerwettbewerb Startup-Chile präsentierten.

Sie wurden abgelehnt – aller Anfang ist eben schwer. Lennart: «Da saßen wir nun in Chile, hatten keinen Investor, keinen IT-Entwickler und konnten noch nicht einmal Spanisch.» Jung, dynamisch und erfolglos also? «Es waren kritische Monate. Wir hatten keine Erfahrung und haben wahrscheinlich nur durchgehalten, weil wir als Freunde zusammenhielten.»

Die Rettung kam von einem «Engel» aus Deutschland, einem sogenannten Business Angel, der Existenzgründer in der ersten Phase finanziell und mit Know-how unterstützte. Dank diesem Kontakt aus ihrer Frankfurter Zeit entwickelten sie nun den Prototyp der Online-Plattform – mit Erfolg. Beim zweiten Anlauf gewannen sie im Mai 2014 bei Startup-Chile.

Damals verbuchte Recorrido.cl mehr als 80.000 Nutzer pro Monat, wobei für die Jungunternehmer kein einziger Peso herübersprang, denn bis dahin war nur ein Preisvergleich möglich. Mit Einführung des Ticketverkaufs verdiente das Start-up jedoch von nun an eine Vermittlungsgebühr, während gleichzeitig die Nutzerzahl in 2015 auf 200.000 anstieg. Das Geschäft lief. «Wir waren stets sicher, dass dieses Model erfolgreich sein würde, denn Chile besitzt einen vergleichbaren Markt wie in Deutschland, wo das Online-Bahnticket ein bis zwei Jahre brauchte, um endgültig von der großen Masse der Kunden angenommen zu werden.»

Investoren dachten offenbar ähnlich positiv. Der internationale Company Builder Mountain Partners mit Sitz in Zürich beziehungsweise dessen lateinamerikanische Niederlassung Mountain Nazca sowie der Start-up-Förderer Wayra des spanischen Telefónica-Konzerns und das Familiy Office IGneous des deutsch-chilenischen Unternehmers Christoph Schiess stiegen bei Recorrido.cl ein. Aktuell konnten 600.000 US-Dollar aufgeboten werden, um den Wachstumskurs fortzusetzen: Nächstes Ziel der Expansion sind die Märkte in Argentinien, Peru und Kolumbien. Zudem soll den Kunden mit der Informationsvermittlung über Busverspätungen und Terminalansage ein weiterer Service angeboten werden.

Priorität genießt allerdings erst einmal die Konsolidierung auf dem chilenischen Markt, der eine verheißungsvolle Zukunft verspricht: Von den jährlich 70 Millionen verkauften Bustickets werden hierzulande erst zehn Prozent übers Internet geordert. Die vier jungen deutschen Existenzgründer sind zuversichtlich, dass sie die Chilenen mit Recorrido.cl ordentlich auf Touren bringen werden.

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