Finanzmärkte zwischen Hoffen und Bangen

Politchaos in Italien, drohender Finanzkollaps in den USA und Dauerbaustelle Europa: Wohin Investoren blicken, Risiken und Gefahrenherde werden einfach nicht weniger. Es bleibt die Furcht vor einem Rückfall in den Krisenalltag.

Frankfurt/Main (dpa) – Regierungskrise in Italien, neue Hilfspakete für Portugal und Griechenland, zähe Koalitionsverhandlungen in Deutschland und ein Verfassungsurteil zur Euro-Rettung. Der Eurozone droht einmal mehr ein heißer Herbst. Zudem macht der andauernde Budgetstreit in den USA Anleger nervös. Werden die Finanzmärkte in den Krisenmodus zurückgeworfen? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

 

Welche Risiken bewegen die Finanzmärkte?

In den USA eskaliert der Streit über die Staatsfinanzen. Ohne eine Einigung müssen Hunderttausende Staatsbedienstete in Zwangsurlaub gehen. In wenigen Wochen könnte der Supermacht das Geld dann komplett ausgehen. Wenn die Schuldenobergrenze nicht rechtzeitig erhöht wird, können die USA ihre Anleihen nicht bedienen. Bislang blieben die Finanzmärkte relativ gelassen, da noch immer eine Einigung in letzter Minute erzielt wurde. Dank des ultrabilligen Geldes der großen Notenbanken war der deutsche Leitindex Dax zuletzt sogar noch auf Rekordjagd. Doch nun macht sich Nervosität breit. «Vorsichtige Anleger ziehen den Stecker», sagt Stratege Eugen Keller vom Bankhaus Metzler. Zumal auch Europas Krisenherde wieder aufflammen.

 

Kehrt also der Krisenalltag in der Eurozone zurück?

Fest steht: Die politischen Risiken steigen wieder. In Italien wackelt die Regierung heftig. «Dringend notwendige Reformen könnten dadurch ad acta gelegt werden», warnt Experte Keller. Auch andere Länder kommen nicht aus der Krise. So dürften Portugal und Griechenland schon bald neue Hilfspakete benötigen. Darüber hinaus droht die Bankenunion auf halbem Weg zum Stillstand zu kommen. Bis jetzt hat man sich lediglich auf eine gemeinsame Aufsicht geeinigt.

 

Warum blieben die Finanzmärkte bislang so gelassen?

Das Versprechen der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls unbegrenzt Staatsschulden in Form von Anleihen der Krisenländer aufzukaufen, hat die Investoren beruhigt. Commerzbank-Experte Ulrich Leuchtmann sieht die Rettungsstrategie jedoch kritisch. Das «Zukleistern» der Krisenherde mit EZB-Liquidität lindere den Druck, etwas an der Ursache der Probleme zu ändern. «Die Widersprüche des Euroraumes sind nicht überwunden.» Und das Sicherheitsnetz, das die Notenbank aufgespannt hat, könnte bald beschnitten werden.

 

Kassieren die Karlsruher Verfassungsrichter dieses EZB-Versprechen?

Das EZB-Anleihekaufprogramm ist höchst umstritten, in Deutschland gibt es Verfassungsklagen dagegen. Kritiker fürchten eine verbotene Finanzierung der Schulden von Krisenländern durch die Notenpresse. Im Herbst wollen die Verfassungsrichter entscheiden, inwieweit diese Krisenpolitik der EZB mit deutschem Recht vereinbar ist. Der bange Blick der Anleger geht deshalb auch wieder nach Karlsruhe. «Sollte das Verfassungsgericht die Anleihekäufe beschränken, könnte der Zauber für die Finanzmärkte rasch verloren gehen», warnt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding.

Erstmal muss nach dem Wahltriumph von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) aber ohnehin eine neue deutsche Regierung aufgestellt werden. Auch das ist ein Unsicherheitsfaktor für Investoren, denn die Verhandlungen dürften sich schwierig gestalten.

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