Von Deutschland zum Reich der Mitte

Dr. Fernando Alvarado, Direktor für Internationale Beziehungen an der Universidad Católica

Dr. Fernando Alvarado, Direktor für Internationale Beziehungen an der Universidad Católica
Dr. Fernando Alvarado, Direktor für Internationale Beziehungen an der Universidad Católica

 

Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass die wissenschaftliche Kooperation der westlichen Welt mit China etwas ganz Normales werden würde? Die Arbeit von Fernando Alvarado spiegelt diese Tendenz wider: Er ist Direktor für Internationale Beziehungen und gleichzeitig Leiter des Konfuzius-Projekts der Pontificia Universidad Católica.

 

Von Petra Wilken

Dabei hat den 46-jährigen Chilenen eine deutsche Ausbildung geprägt. Der Vater von Fernando Alvarado, der Hochschullehrer für Volkswirtschaft und Soziologie an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso war, wurde 1976 für drei Jahre als Gastdozent an die Universität Münster gerufen. So kam es, dass Fernando in Deutschland eingeschult wurde. Nach der Rückkehr nach Chile absolvierte er seine gesamte Schulzeit an deutschen Schulen, die meiste Zeit in Viña del Mar.

Nachdem er an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso Geschichte und Politikwissenschaften studiert hatte, ging er mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung an die Universität Heidelberg. Dort machte er von 1996 bis 2001 einen Magister in Politikwissenschaften, bekam anschließend Arbeit als wissenschaftlicher Assistent an der Uni und begann mit seiner Promotion. Er wechselte jedoch an die Freie Universität Berlin, wo er die Doktorarbeit 2010 abschloss.    

Mit dieser Ausbildung brachte er die besten Voraussetzungen mit, um an der international am besten bewerteten chilenischen Universität angestellt zu werden – der Pontificia Universidad Católica de Santiago. Von den rund 1.600 festangestellten Lehrkräften haben 97 Prozent promoviert, viele von ihnen im Ausland. Die meisten promovieren in den USA, doch Deutschland gehört neben England, Frankreich und Spanien zu den fünf wichtigsten Ländern, in denen die Dozenten der katholischen Hochschule ihre Doktorarbeit absolvieren.

Als Direktor für Internationale Beziehungen ist Fernando Alvarado dafür zuständig, den Austausch von Studenten und Lehrkräften sowie Forschungsprojekte mit ausländischen Hochschulen und Instituten voranzutreiben. Hintergrund dabei ist es auch, die Qualität von Lehre und Forschung der Católica permanent zu verbessern.

Im jüngsten QS World University Rankings 2018, bei dem 950 Unis aus 80 Ländern verglichen wurden, belegte sie Platz 137, dahinter kam die Universidad de Chile auf Platz 201. Zum Vergleich: Eine Reihe US-amerikanischer Universitäten belegt traditionell die ersten Plätze. Die am besten benotete deutsche Universität war die Technische Universität München auf Patz 64.

 

Cóndor: Was sagt das Ranking aus?

Fernando Alvarado: Viele sagen, dass die Rankings nicht wichtig seien. Aber im Moment der Uni-Wahl gucken doch alle auf das Ranking. Das chilenische Hochschulsystem ist in Lateinamerika sehr gut angesehen. Die Católica ist nun auf Platz 137 weltweit und kann es schaffen, bald unter den Top 100 zu liegen. Da es hier in Chile sehr wenig Forschung gibt, die die Industrie unterstützt, ist der Beitrag der Universitäten für die technologische Entwicklung des gesamten Landes von großer Bedeutung.

 

Welchen Stellenwert hat die wissenschaftliche Kooperation mit Deutschland?

Deutschland ist einer der wichtigsten Partner für Forschung und Innovation für die Universidad Católica. Wir haben Abkommen mit 20 deutschen Universitäten, die sehr gut funktionieren. Es gibt akademischen Austausch, Forschungsprojekte und gemeinsame Magister- und Promotionsstudiengänge, die zu einem Double-Degree führen. Mit der Universität Heidelberg haben wir gemeinsame Magisterabschlüsse in Medizin und Physik und Promotionen in Geografie und Psychotherapie. Im Bereich der Ingenieurswissenschaften arbeiten wir immer stärker mit der Universität Stuttgart, dem Karlsruher Institut für Technologie und der TU München zusammen. Zudem kooperieren wir auch im europäischen Erasmus-Programm mit deutschen Unis.

 

Welche Bereiche können Sie hervorheben?

Die Zusammenarbeit in technologischer Innovation. Es sind Fragestellungen wie «Wie kann man den Herausforderungen des Klimawandels, der Erzeugung erneuerbarer Energie, des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit gerecht werden». Dazu gibt es auch eine Kooperation mit Fraunhofer Chile in unserem Innovationszentrum in San Joaquín. Extrem wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Deutschland in der Astronomie. Das sind reale Win-win-Kooperationen für beide Länder.

 

Sie sind gleichzeitig Direktor des Konfuzius-Instituts an der Católica. Worin besteht seine Arbeit?

China ist der wichtigste Handelspartner Chiles und sehr stark in wirtschaftlicher und akademischer Kooperation. Der Präsident der Humboldt-Stiftung sagte kürzlich bei seinem Besuch in Chile, dass China sich in der Zahl der Patente an Deutschland angleicht. Die Católica kooperiert bereits seit acht Jahren mit dem Institut Konfuzius. Es ist eine Einrichtung der chinesischen Regierung zur Förderung der Sprache und Kultur in der Welt. Es gibt über vierhundert Institute in mehr als einhundert Ländern. Wir haben hier jedes Jahr 600 Studenten, die Chinesisch lernen. Dazu kommen chinesische Lehrer zu uns. Wussten Sie, dass es 16 staatliche Schulen in Chile gibt, die Chinesisch unterrichten?

 

Welche weiteren Projekte gibt es mit China?

Als Beispiel: In Kürze wird die Leiterin der Abteilung für Öffentliche Gesundheit der Red de Salud UC nach China reisen, um die traditionelle chinesische Medizin nach Chile zu holen. In der Schmerzbehandlung von Krebspatienten hat sich Akkupunktur als wirksam erwiesen. Wir wissen noch nicht konkret, wie wir es umsetzen werden. Es kann sein, dass hiesige Lehrkräfte einen Master in China machen werden. Aber es ist klar, dass es große Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitswesen in Chile haben wird.

 

Ihre sechsjährige Tochter geht auf die Deutsche Schule Santiago. Werden Sie ihr bald raten, Chinesisch zu lernen?

Neben meiner akademischen Verbindung mit Deutschland gibt es auch eine familiäre: Meine Frau, Carolina Mancini Loch, hat einen deutschen Großvater. An den deutschen Schulen gefällt mir, dass sie den Kindern die globale Welt zeigen. Mit den Sprachen Deutsch und Englisch haben sie viele Möglichkeiten. Ich werde Sofía nicht sagen, dass sie Chinesisch lernen soll, aber vielleicht wird sie es selber wollen. Wir haben im Februar das chinesische Neue Jahr mit Freunden bei uns zuhause gefeiert. Man braucht Zeit, um die Chinesen kennenzulernen, aber wenn man sie kennt, sind sie sehr gute Freunde. Für die Generation meiner Tochter wird es normal sein, Umgang mit Chinesen zu haben.

 

Herr Alvarado, wir bedanken uns für das Gespräch.

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