Und ewig locken die Farben

An ihren Bildern kann man, wer sie erwirbt, mitgestalten: Er entscheidet, wo oben, unten, rechts und links ist und hängt sie demnach auf. Deshalb signiert sie ihre Gemälde mit kleinen, fast unscheinbaren Schriftzügen, die man meist erst nach genauem Hinsehen entdeckt, weil sie nicht, wie gewohnt, rechts unten unterzeichnet, sondern an einer Stelle, die ihr für dieses Vorhaben besonders harmonisch erscheint.

Ingrid Kocksch: Drei Bilder auf einen Streich

Ingrid Kocksch malt abstrakt, aber nie langweilig. Kräftige Farben kontrastieren mit sanften Tönungen, rundliche Formen sind ebenso vertreten wie kantige. Im Ganzen gesehen sind ihre Werke voller Dynamik und pulsierendem Leben.

Von der Ausbildung her kommt sie aus einem anderen Bereich: Ingrid Kocksch ließ sich an der Universidad de Chile als Kindergärtnerin ausbilden. Sie übte diesen Beruf insgesamt 20 Jahre an der Deutschen Schule Osorno aus. Dazwischen kamen ein zweijähriger Deutschlandaufenthalt und die Erziehung ihrer beiden Kinder.

Sie war noch an der Schule tätig, als sie mit dem Malerei-Studium begann. Damals meldete sie sich bei der Werkstatt von Graciela Miranda an. Andere Kurse folgten. In der Corporación Cultural de Las Condes absolvierte sie einen Zeichenkurs mit Carmen Silva. Im Centro Cultural La Huella erlernte sie mit Victoria Valjalo die abstrakte Malerei. Dieser Lehrgang war prägend, er trug wesentlich dazu bei, dass sie sich für diese Stilrichtung entschied.

Dazu kamen Farben-Kurse: «Hier lernt man, wie man Farben anwendet, welche zusammenpassen und was für Effekte die verschiedenen Tönungen geben können». Die Formen sowie Farbkombinationen und -effekte auf ihren Gemälden sind typisch und somit ein Merkmal, dass sie sich mit der Zeit einen Stil angeeignet hat.

 

Ihr eigener Stil

War es schwer, zu diesem Stil zu gelangen? «Nein», versichert sie, «es ist witzig, ich habe versucht, verschiedene Stilarten auszuprobieren. Aber man kommt immer wieder auf eine bestimmte Art zurück!» Einmal fragte sie Victoria Valjalo, welche Bewandtnis es hiermit habe.

Die Lehrerin antwortete: «Wahrscheinlich hast du das in deinen Genen und es kommt dann spontan heraus». Man hat sie verschiedentlich gefragt, wie sie auf diesen Stil gekommen sei. Ihre Antwort lautete dann immer: «Ich kann das nicht erklären – es ist, als ob mir jemand einen Schalter betätigt hätte und ich musste dann malen und malen und malen».

Ingrid Kocksch wurde in Frutillar geboren. Sie erinnert sich kaum noch an die Zeit, die sie in ihrer Heimatstadt verbrachte, da sie fünf Jahre alt war, als ihre Familie nach Santiago zog. Daher empfindet sie auch keine Nostalgie nach dem idyllischen Ort am Llanquihuesee: «Ich weiß nicht, ob man das sagen darf», lacht sie, wo doch der Durchschnittschilene in der Regel ins Träumen gerät, wenn es um seinen schönen Süden geht.

Sie ist von Herzen eine Santiaguinerin geworden, «ich bin hier zur Schule gegangen, weshalb meine sämtlichen Freunde aus Santiago sind, und das Wetter macht unheimlich viel aus. Die Beleuchtung ist ganz anders, hier haben wir viel mehr Sonnenlicht. Im Süden sind manchmal zehn Monate im Jahr trübe».

 

Bloß nicht alles in grau!

Ihre Ehe führte sie zwanzig Jahre nach Osorno: «Damals habe ich das gar nicht bemerkt, aber später, als die Kinder bereits flügge geworden waren, schaute ich zum Fenster hinaus und stellte fest, dass die Leute sich blau, grau, braun oder schwarz kleideten. Da fehlten mir die Farben!»

So kam der Zeitpunkt, an dem sie begann, sich systematisch mit der Malerei zu befassen. Zunächst arbeitete sie mit dem Kohlestift, «genauso wie wenn man lesen und schreiben übt, um erst einmal zu lernen, wie man Raum, Schatten und Licht gibt». Später kamen die Farben dazu. Sie lernte, mit den verschiedenen Materialen umzugehen, Acryl, Mischtechnik und schließlich Öl.

Als sie nun «alles ausprobiert hatte, auch das schwerste, wie Menschen und Tiere», stellte sie unvermittelt fest, dass sie eigentlich «etwas anderes wollte». Sie begann abstrakt zu malen. In dieser Richtung fand sie ihre Erfüllung und daher blieb sie ihr bis heute treu.

Abstrakte Maler haben gewisse Vorteile. Sie brauchen keine Vorlagen. Sie müssen weder aufs Feld gehen, um sie ihre Motive abzugucken noch jemanden bitten, für sie Modell zu stehen: «Ich stelle mich vor die weiße Leinwand, konzentriere mich, lasse mich von den Farben anlocken und dann fange ich einfach an, ohne mir vorher etwas ausgedacht zu haben. Es kommt dann unwillkürlich».

Mit der Kleidung geschieht ihr etwas Ähnliches: «Wenn ich morgens vor dem Kleiderschrank stehe, sind es bestimmte Farben, die mich an dem Tag anlocken. Es ist mir schon oft im Atelier passiert, dass man mir sagte: `Ingrid, guck‘ dich mal an, du malst ja mit den gleichen Farben, mit denen du gekleidet bist! ´»

Nachdem sie verschiedene Farbenfelder auf die Leinwand getupft hat, gibt sie ihnen Formen, Tönungen, Schatten und Licht. Auch diese entstehen spontan.

Ölfarben trocknen nicht besonders schnell. So hat sich Ingrid Kocksch eine Arbeitsweise ausgedacht, bei der sie nicht warten muss: Sie arbeitet an zwei oder drei Bildern gleichzeitig. «Ich lasse eins trocknen und male derweil an den anderen weiter».

Und wie weiß sie, wann die Arbeit beendet ist? «Ich schaue mir die Bilder immer wieder aus der Weite an und plötzlich spüre ich, dass sie fertig sind.» Allerdings kommt es vor, «dass ich ein fertiges Bild irgendwo stehen lasse, und nach zwei Monaten sehe ich es wieder und stelle fest, dass noch etwas fehlt.»

 

«Kühe sind nicht blau»

Ingrid Kockschs Begabung liegt ihr im Blut. Der Vater malt und der Großvater war seinerzeit Zeichenlehrer an der DS Osorno. «Aber», wirft sie ein, «bei mir ist es eine eigenartige Geschichte. Als wir Kinder waren, malte meine Schwester Veronika wie die Götter und ich habe weder gut gezeichnet noch gemalt. Im Kindergarten mussten wir einmal einen Bauernhof anmalen. Da waren Kühe drauf und ich habe sie blau angemalt. Die Kindergärtnerin sagte mir, das ist doch nicht richtig, die Kühe sind nicht blau. Ich sagte, aber mir gefallen sie so.» Das Mädchen brach mit den Konventionen, es war damals schon kreativ.

Ingrid war überzeugt, dass sie nicht gut malen konnte, bis sie sich 1998 dazu entschloss, einen Kursus zu machen, um es zu lernen. Dabei erlebte sie eine Überraschung: «Man kann es lernen, muss sich aber dafür Zeit nehmen und sich Irrtümer erlauben und sich nicht frustrieren lassen, wenn es nicht auf Anhieb klappt, wie man gerne möchte.»

Der gemeinsame Nenner ihrer Werke scheint die Freiheit zu sein. Die gibt sie sich zunächst während des Malvorgangs und anschließend räumt sie sie auch ihren Betrachtern sowie Kunden ein. Diese sind, wie bereits erwähnt, aufgefordert die Bilder nach ihrem Geschmack aufzuhängen und sie zu betiteln: «Ich gebe ihnen nämlich keinen Namen. Wenn ich eins zum Beispiel ‚Das Meer‘ betiteln würde, dann muss der Zuschauer einen Zusammenhang mit diesem Thema finden. Wenn das Bild aber keinen Namen hat, dann entdeckt er Vögel oder Geister.

Einmal sagte ein Mann mir: `Señora, Ihre Bilder sind sehr sensualistisch, sie sind ja voller Kurven. ´ Da habe ich mir gedacht, wer weiß, was der im Kopf hat!», lacht sie. Bei ihren Ausstellungen pflegt sie die Besucher zu fragen, was sie auf den Bildern erkennen. Dabei kommen die verschiedensten Dinge heraus: «Jeder sieht etwas anderes!»

Ein Traum, den sie sich noch erfüllen möchte, ist eine Werkstatt für Kinder zu eröffnen. Auf diese Idee kam sie, seitdem sie ihre Enkel einlädt und die Gelegenheit zu Malnachmittagen nutzt. «Sie arbeiten mit Pinsel und Spachtel und haben einen Riesenspaß dabei», versichert sie voller Stolz. Mit so einer Werkstatt würde sie nicht nur ihrer künstlerischen Ader nachgehen, sondern auch zu ihren pädagogischen Wurzeln zurückkehren.

Am kommenden 5. August weiht der DCB in seinen Räumlichkeiten Ingrid Kockschs neue Gemäldeausstellung ein. Man darf gespannt sein.

 

Walter Krumbach

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