«Tanzen ist wie eine Therapie»

Im Gespräch mit Christian Siegmund

Ein deutscher Tanzlehrer in Chile: Christian Siegmund
Christian Siegmund gibt Tanzunterricht im Deutsch-Chilenischen Bund.

Der studierte Jurist Christian Siegmund hat die meiste Zeit seines Lebens in Köln als Rechtsanwalt gearbeitet, bis er diesen Beruf vor viereinhalb Jahren an den Nagel hängt, um mit seiner chilenischen Frau nach Chile zu gehen. Das konnte er sich erlauben, da er über eine Vielzahl an Berufsmöglichkeiten verfügt: «Ich habe in meinem Leben viel gelernt.» So entschied er sich, als Tanzlehrer sein Geld zu verdienen. Im DCB leitet er einen Kursus. Mit ihm sprach Cóndor-Redakteur Walter Krumbach.

 

Cóndor: Was waren deine Berufsperspektiven, als Du in das fremde Land Chile kamst?

Christian Siegmund: Ich hatte mich in Deutschland in Tanzschulen jeden Tag herumgetrieben, hatte in Kursen assistiert. Da ich kein Spanisch sprach, sagte ich mir, die Sprache der Musik ist international, Tanz ist überall interessant – wo es Menschen gibt, gibt es zwischenmenschliche Beziehungen und dabei ist Tanzen das Schönste, was wir uns vorstellen können. Also versuchst du, den Menschen dort die deutsche Tanzidee ein bisschen näherzubringen.  

 

Warum ist Tanzen das Schönste, was wir uns vorstellen können?

Als Menschen beschäftigen wir uns in erster Linie mit unseresgleichen, in sekundärer Linie mit dem, was uns Menschen umgibt. Es gibt eine gewisse Hierarchie der Dinge, die jeder in sich trägt. Und jeder wird mit Sicherheit in den ersten drei Punkten den eigenen Partner und die Familie nennen. Das sind auch wiederum Menschen. Es gibt nicht viel, wo wir Menschen untereinander in einen so engen, gleichberechtigten Kontakt treten können, wie beim Gesellschaftstanz.

Dabei haben wir immer einen Partner, man ist nicht alleine. Mit diesem Partner etwas zu erleben, sich mit ihm zu beschäftigen, ihn kennenzulernen, ein Abenteuer zu machen, und wenn es nur drei Minuten sind, gemeinsam die Tanzfläche zu erforschen, gemeinsam einander zu vertrauen, den Anderen zu führen, zu folgen – das sind Dinge, die das Beste aus dem Menschen fordern und fördern.

 

Was ist das Entscheidende beim Tanz: die Musik, das gesellschaftliche, der Kontakt oder die Erotik?

Tanz gibt es in so vielen verschiedenen Formen auf dieser Welt, dass man diese Frage eigentlich nicht so pauschal beantworten kann. Selbst die Sprache der Bienen ist ein Tanz. Der Tanz, den ich in Chile unterrichte, ist Gesellschaftstanz. Dieser legt, wie der Name schon sagt, Wert auf gesellschaftliche Interaktion, das heißt, wir machen keine Show, keine Choreographie. Wir möchten, dass die Menschen miteinander tanzen können, miteinander in einen Kontakt kommen und frei sind in ihrer Bewegung, in ihren Emotionen, dass sie der Musik folgen.

Die Musik ist auf jeden Fall wichtig, aber wir tragen auch die Musik in unserem Körper, unser Herz schlägt in einem Rhythmus, unsere Gedanken kreisen in einem Rhythmus. Wenn wir die Bewegungsmuster unseres Umherlaufens erforschten, würden wir einen Rhythmus erkennen. Leben ist einfach Rhythmus und in einem gewissen Maße auch Musik. Jede Musik hat ihre eigenen Höhepunkte. Mit Sicherheit gehört auch Erotik dazu. Ohne Erotik würden die Menschen aussterben.

 

Heute hört man selten, dass jemand zur Tanzstunde geht, im Gegensatz zu früher, als es selbstverständlich war. Woran liegt das?

Früher war es in der Tat so, dass die Tanzstunde und das Tanzen auf einem Ball gesellschaftlich Usus waren. Das ist hier in Chile ein wenig verlorengegangen. In Deutschland ist es etwas zurückgegangen. Heute gehen dort etwa 80 Prozent der Kinder, die später die Universität besuchen, in die Tanzschule. Ich möchte diesen Baustein wieder auf einen richtigen Platz stellen, dass man in jeder Altersschicht sich an dieses gesellschaftliche Tanzen erinnert. Es ist keine Pflicht, dass man gesellschaftlich tanzt. Ich gebe nur eine Anregung. Es ist nicht falsch, wenn man anders tanzt. Ich gebe nur eine Idee, wie man es machen kann, und zumindest eine Idee zu haben, ist doch manchmal gar nicht so schlecht.

 

Ist die Freude am Tanzen für den Menschen so etwas wie die tägliche Nahrung?

Der Mensch ist mehr als nur eine biologische Masse, die vor sich hinvegetiert. Das reine Menschsein und das menschlich sein sind zwei verschiedene Dinge. Wenn ich jetzt den Menschen auf seine geistige Ebene heben will, sehen wir in seiner Entwicklung immer Tanz und Bewegung als religiöse Sachen. Wir wissen zum Beispiel aus der Bibel, dass dem Herrn zum Lobpreisen gesungen und getanzt wurde. Der Tanz drückt verschiedene Stimmungen, Emotionen und Absichten aus. Überall auf der Welt wird getanzt. Die Menschen haben zu jeder Zeit, in jeder Kultur eine Form des Tanzes, der Bewegung gefunden. Tanzen ist einfach wichtig, egal wie. Was ich zeigen möchte, ist gesellschaftlich zusammenkommen, dass die Menschen sich friedlich, Hand in Hand, für drei Minuten begegnen.

 

Kann Tanz unter Umständen als Therapie wirksam sein?

Tanz ist in sehr, sehr vielen Dingen eine Therapie. Wir haben dabei die Möglichkeit, dass wir unser Gehirn, welches aus verschiedenen Sphären besteht, zusammen arbeiten lassen. Das Demenzthema ist sehr interessant. Es gibt eine amerikanische Studie, die sich mit dem Vergessen im Alter beschäftigt hat, welche besagt, dass der Gesellschaftstanz, wie wir ihn unterrichten, zu 80 Prozent vorbeugend gegenüber dem Risiko wirkt, an Demenz zu erkranken. Man hat das mit anderen Tanzarten wie Salsa und Tango Argentino verglichen und kam dort zu einer Vorbeugung von nur fünf bis acht Prozent.

Das Besondere an dem Gesellschaftstanz ist, dass wir eine gute Mischung von im Grundkurs neun verschiedenen Tänzen haben, und später können es locker 12 bis 15 verschiedene Tänze werden, die wir erlernen. Dadurch wird ständig die Kreativität, die Aufmerksamkeit und das Erlernen von neuen Gedanken im Gehirn trainiert. Das Gehirn wird also, während man es eigentlich gar nicht merkt, sondern gemütlich auf der Tanzfläche schwoft, gefordert: das Abrufen des Erlernten, die Aufmerksamkeit, was kann ich gerade tun, und gleichzeitig das Abgleichen mit der Musik, welchen Rhythmus habe ich, was ist mit von der Musik her möglich.

Diese stetige Aufmerksamkeit, dieses Zusammenspiel von linker und rechter Hirnhälfte, das ist eine ganz besondere Beschäftigung für unseren Geist. Es ist mehr als eine Therapie, es hält fit und gesund. Ärzte sagen, dass es kaum eine Sportart gibt, die so gleichmäßig wie das Tanzen Körpermuskulatur stärkt, Knochen aufbaut und Gelenke schont.

 

Seit einigen Monaten gibst Du im DCB einen Tanzkurs. Wie kam es dazu?

Ich bin im DCB so liebevoll und offen empfangen worden, dass ich nicht in der Lage bin, es mit genügend würdigen Worten auszudrücken. Ich habe absolute Hochachtung vor den Menschen, die mir dieses Vertrauen entgegenbringen und mich auch hier fördern. Ich bin in einen Glückssegen hineingelaufen. Ich denke, dass es davon kommt, dass Heidi Rathke ihre entsprechenden Erfahrungen in Deutschland gesammelt hat. Sie wusste genau, worüber ich redete, ebenso Christian Kroneberg, der die deutsche Kultur – und dazu zähle ich den Gesellschaftstanz – sehr gut kennt.

Ich habe hier leider bislang zu wenig Resonanz. Mit den Teilnehmern, die ich habe, bilden wir zusammen eine wunderbare Gruppe. Man trifft sich auch nach dem Tanz. Hier werden Menschen zu Mitmenschen verbunden.

 

Wie stellst Du Dir Deine berufliche Zukunft in Chile vor?

Ich würde gerne mehr Schulgruppen gewinnen, um Kurse anzubieten, besonders für einen Abi-Ball, weil man da etwas anderes machen kann als Reggaeton. Tanzen ist auch für Führungskräfte wichtig. Qualifiziertes Management setzt mehr voraus als einfach nur Kommandieren. Meine Zukunft in Chile ist genau diese Mission, und ich hoffe, sie gelingt mir.

 

Dabei wünschen wir Dir viel Erfolg! Herzlichen Dank für das Gespräch.

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