Taekwondo im Garten der Residenz

Dr. Joachim Öppinger, österreichischer Botschafter in Chile

Joachim Öppinger, österreichischer Botschafter in Chile
Joachim Öppinger, österreichischer Botschafter in Chile

Joachim Öppinger hat das Setting für das Interview mit dem Cóndor sorgfältig vorbereitet. Er lädt zum Kaffee in die Botschaftsresidenz in Las Condes ein. Der Tisch auf der Terrasse ist mit feinem Geschirr aus der Porzellanmanufaktur Augarten gedeckt, es gibt Mohnkuchen, eigens vom Hausangestellten gebacken.

 

Von Petra Wilken

«Den Mohn lasse ich mir aus Österreich mitbringen», sagt der Botschafter und bietet Kaffee oder Tee an. Ich denke an Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre. Der Botschafter selbst trinkt grünen Tee. Mit seiner obligatorischen Fliege und dem tadellosen Sakko sieht er distinguiert aus. Doch als er in seinem Wiener Dialekt ins Erzählen kommt, vergisst man das. Der Botschafter zeigt sich offen und persönlich, vielseitig aktiv, und als jemand, der die gesellschaftlichen Entwicklungen, die er auf seinem diplomatischen Weg beobachtet hat, kritisch reflektiert.

Um die persönlichen Nuancen gleich deutlich zu machen, auch wenn er es erst ganz am Ende des Gespräches verrät: Als Jugendlicher hatte Joachim Öppinger eine eigene Band, hat 120 Lieder geschrieben und Shakespeare bis William Blake vertont, beziehungsweise verrockt. Der Stil: ein bisschen Beatles, aber auch in Richtung Bossa Nova. Heute, mit 57 in Chile, sagt er, dass ihm Violeta Parra gefällt.

Doch von Anfang an: «Ich bin ein Landbub gewesen. Ich bezeichne mich als Mühlviertler», betont er mit Nachdruck und räumt ein, dass die Herkunft aus diesem Teil von Oberösterreich in seiner Karriere nicht immer die beste Visitenkarte war. Sie hatten selbst keine Landwirtschaft, doch seine familiäre Herkunft sei sehr vom Land geprägt gewesen. «Öpping kommt angeblich von „Lichtung im Urwald“», erklärt er die etymologische Bedeutung seines Nachnamens. «Die Öppinger kamen also aus dem Licht», fügt er hinzu. Die poetische Auslegung gefällt ihm.

Der Landbub studierte Jura, ging dann an die Diplomatische Akademie in Wien und von dort aus in die Welt hinaus. Sein erster Einsatz war 1985/86 in Äthiopien. «Das war zur Zeit von Bob Geldofs „We are the World“», so Öppinger. Hungersnot und Bürgerkrieg, ein Hardship-Posten, wie er es ausdrückt. Sei aber Teil des Abschlusses seiner Diplomatenausbildung gewesen.

Danach das Kontrastprogramm – drei Jahre stellvertretender Leiter des Kulturinstituts in Paris. «Die Franzosen warten nicht unbedingt auf österreichische Kultur», meint er trocken. In der Hauptstadt habe er die Franzosen kaum locken können, doch in der Provinz sei das historische Wien schon interessant gewesen. Wittgenstein, Freud, Egon Schiele, zählt er auf. «Wir haben auch die Risse in unserer Gesellschaft dargestellt. Waldheim war gerade Bundespräsident. Da wurde auch die Nazi-Vergangenheit des heutigen Österreichs reflektiert».     

Inzwischen hatte er geheiratet. Seine Frau war ebenso wie er im Diplomatischen Dienst Österreichs tätig, insgesamt vielleicht ein wenig erfolgreicher als er, findet er. Er gönnte es ihr und ging begleitend mit, als sie stellvertretende Botschafterin in Südafrika wurde. Doch dann kam dort ihr zweiter Sohn zur Welt, und das Paar konnte sich den Posten teilen. Eineinhalb Jahre sie, eineinhalb Jahre er. «Das Außenministerium ist familienfreundlich».

Danach war die Familie sechs Jahre in Wien, und er ging wegen der Kinder eine Zeitlang in Karenz, wie es auf Österreichisch heißt. Dabei konnte er sich dem Thema widmen, das ihm neben der Kultur am meisten gefällt – der Entwicklungszusammenarbeit. Er war Mitbegründer eines Clubs von Diplomaten, die eigenständig Kleinprojekte organisierten. «Wenn der Staat schon nicht das Ziel der 0,7 Prozent für Entwicklungshilfe erfüllt, müssen wir selbst etwas tun, fanden wir».

Aus diesem Kontext ging es wieder heraus, als seine Frau von 1997 bis 2001 als stellvertretende Botschafterin nach London geschickt wurde. Er wurde stellvertretender Leiter des dortigen Kulturinstituts. Danach bekam seine Frau ihren ersten Posten als Botschafterin. Das war wieder in Äthiopien, wo er seinerseits Leiter des Kooperationsbüros wurde und für die Entwicklungshilfe zuständig war. Äthiopien tat dem Paar jedoch nicht gut – er kam 2006 getrennt nach Wien zurück.

Joachim Öppinger engagierte sich wieder in der internationalen Entwicklungspolitik und war viel in New York und Brüssel unterwegs. Danach war er in der Konsulatssektion tätig, wo er für die heikle Themenmischung Grenzverträge, Katastrophenschutz, Asyl- und Niederlassungsfragen zuständig war. «Seit Mitte der 90er Jahre hatten sich die Einwanderungsgesetze massiv verschärft. Im Grunde genommen waren sie gegen türkische Einwanderer gerichtet. Es wurde unter anderem verlangt, dass sie die Sprache können, das war jedoch eigentlich nicht rechtsgültig. Die Gesetze wurden so kompliziert, dass selbst ich als Jurist sie nicht mehr verstehen konnte».

Im Jahr 2012 war es dann soweit: Auch er bekam zum ersten Mal einen Posten als Botschafter. Es war wieder Afrika, diesmal in Nigeria, von wo aus er aber auch für die west- und zentralafrikanischen Staaten von Ghana bis Gabun und vom Tschad bis zur Südafrikanischen Republik zuständig war. «Das war sehr spannend, es gab einen Regierungswechsel, es war auf Messers Schneide, weil wir nicht wussten, ob es zum Bürgerkrieg kommt», erzählt er. «Im Nordosten Nigerias gab es eine Terrorbewegung, es kam zu Anschlägen. Ich bin nur im gepanzerten Wagen unterwegs gewesen».

Zwölf Jahre hat er insgesamt in Afrika gelebt. Nun ist er nach Chile versetzt worden. «Hier lebt man wie in Europa», sagt er. Und fügt hinzu: «Wie der König im Paradies», und deutet mit einer ausladenden Armbewegung auf den üppigen Garten der Residenz. Hier macht er seine Taekwondo-Übungen. Mit der koreanischen Kampfsportart hat er vor zehn Jahren zusammen mit seinen beiden Söhnen angefangen. Und zwar traditionelles Taekwondo. «Beim klassischen Taekwondo kämpfst du gegen einen anderen, beim traditionellen Taekwondo gegen dich selbst», erklärt er.

In den Jahren in Afrika war es nicht einfach, dieses Hobby aufrecht zu erhalten, da der Kampfsport dort einen schlechten Ruf hat. Aber Joachim Öppinger hat ihn nie aufgegeben und steht nun knapp vor dem Meister. Im Garten macht er seine Übungen ganz alleine, und es macht ihm auch nichts aus, dass ihn aus den anliegenden Hochhäusern jemand beobachten könnte. «Das mag vielleicht ein bisschen verrückt aussehen, aber das macht ja nichts».

Ich habe inzwischen das riesengroße Stück Mohnkuchen geschafft. Es war köstlich, lobe ich. Joachim Öppinger freut sich. Dabei braucht man in Chile den Mohn vielleicht gar nicht aus Österreich zu importieren, überlegt er laut. Den gibt es bestimmt auch hier.

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