Schöpferin der Stadt der Zukunft

Andrea Palma, Stadtentwicklungsplanerin

Andrea Palma arbeitet als lokale Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Providencia im Kooperationsprojekt «Cities Fit for Climate Change»
Andrea Palma arbeitet als lokale Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Providencia im Kooperationsprojekt «Cities Fit for Climate Change»

 

Andrea Palma hat eine Vision: Sie lebt in einem Viertel, in dem im Frühling blühende Bäume Schatten geben, auf den Straßen ist Platz für ein friedliches Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und Autos; es gibt Plätze und viel Grün. Es ist ein Ort, dem wir das Prädikat Lebensqualität verleihen würden. Klimawandelresistent ist der Begriff, den die Stadtentwicklungsplanerin verwendet.

 

Von Petra Wilken

Die Chilenin arbeitet als lokale Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Providencia im Kooperationsprojekt «Cities Fit for Climate Change» («Städte stellen sich auf den Klimawandel ein») und wirkt an dem wohl bedeutendsten Stadtentwicklungsprojekt des Landes mit – dem Vorhaben Nueva Alameda Providencia.

Die knapp zwölf Kilometer lange Strecke der Avenida Bernardo O´Higgins und der Straße Nueva Providencia zwischen Pajaritos und Tobalaba gilt als Herzschlagader der Metropolregion Santiago. Ein Drittel der Bevölkerung sind hier wochentags unterwegs. Das sind rund 2,5 Millionen Menschen, die täglich Staus, Abgase und Lärm, eine aus den Nähten platzende Metro und sich jagende Busse ertragen.

Herzinfarkt könnten wir meinen, wenn wir bei der Metapher der Herzschlagader bleiben, denn 200 Jahre nach ihrem Bau schafft es die Alameda nicht mehr, dem Verkehrsaufkommen standzuhalten. Jetzt soll sie zukunftsfähig gemacht und ihrem Namen wieder gerecht werden. Es soll wieder eine Allee entstehen mit einer Busspur in der Mitte, den Autos rechts und links davon, einer Fahrradspur und ausgiebig Platz für die Fußgänger und Bäumen am äußeren Fahrbahnrand. Der große Umbau soll Ende 2017 beginnen und wird sich über Jahre hinziehen.  

Das Projekt sieht nicht nur die Neugestaltung der Fahrbahn vor, sondern den kompletten Umbau des anliegenden öffentlichen Raums und der gesamten Verkehrsinfrastruktur – eine gigantische Planungsarbeit, die unter der Federführung der Regionalregierung Metropolitana steht und an denen drei Ministerien, die vier Gemeindeverwaltungen Lo Prado, Estación Central, Sanitago und Providencia plus Intendencia, Metro und die Bahn EFE beteiligt sind. 

Die Rolle der deutschen Kooperation dabei ist es, die Akteure an einen Tisch zu bekommen und bei allen Details den Blickwinkel des Klimaschutzes einzubringen. «Das Faszinierende am Klimaschutz ist, dass er einen Paradigmenwechsel mit sich bringt. Er zwingt die Institutionen zur Koordination», sagt Andrea Palma. Sie glaubt daran, dass der politische Wille dazu da ist, in Santiago ein Modell zu schaffen, das umweltfreundlich und nachhaltig ist. «Bei Konflikten vermitteln wir. Die Akteure bitten uns von sich aus, interinstitutionelle Treffen zu organisieren und zu moderieren».

Nach dem Architekturstudium an der Universidad von Valparaíso hat Andrea Palma ihre berufliche Karriere mit einem Freiwilligeneinsatz begonnen: Sie hörte davon, dass Fischer in der Region von Coquimbo Land besetzt hatten und machte sich auf den Weg, um mit ihnen gemeinsam einen Masterplan für ihre zukünftigen Stadtviertel zu erarbeiten. «Ich war Idealistin», sagt die 46-Jährige fast entschuldigend.

Die Unterstützung der Fischer führte dazu, dass sie neun Jahre lang in der Region Coquimbo blieb und dort 25 neue Schulen für den chilenischen Staat baute. 2008 gewann sie eine Ausschreibung zum Bicentenario und war verantwortlich für die Umwandlung des früheren Gefängnisses von Valparaíso in den Kulturpark «Ex Cárcel».

Als das Projekt abgeschlossen war, wollte sie eine berufliche Pause machen. Sie ging auf eigene Faust nach China in die Fünf-Millionen-Stadt Kunming, die im Nordosten an der Seidenstraße weit entfernt von den großen Wirtschaftszentren des Landes liegt. Viele Ausländer gab es dort 2011 noch nicht. Kaum war sie angekommen, suchte die chinesische Regierung einen Stadtentwickler mit internationaler Erfahrung. Aus der Pause wurde nichts.

Sie arbeitete am Entwurf einer seniorengerechten Stadt für 250.000 Familien mit, also rund eine Million Menschen. «Die Chinesen gehen in die wirtschaftlichen Ballungsgebiete im Osten, um dort zu arbeiten. Wenn sie etwa 30 sind, bekommen sie ein Kind. Das Kind wird von den Großeltern großgezogen, die mit etwa 55 nicht mehr arbeiten brauchen. Für sie werden die seniorengerechten Städte gebaut», erklärt Andrea Palma. Nach diesem Projekt zog sie in die Kreisstadt Shangri-La, die im Nordosten auf dem Weg nach Tibet liegt, um Chinesisch zu lernen. Dort gründete sie zusammen mit einer Engländerin eine NGO, die den Kindern Englischunterricht anbot.

Nach zwei Jahren in China führte sie ihr Weg nach London, wo sie einen Master in Internationalen Beziehungen machte. «Während meiner Zeit in China ist mir klargeworden, wie wichtig die internationalen Beziehungen sind. Es war 2013 und es zeichnete sich ab, dass sich die Beziehungen zwischen China und Europa festigen würden. Deutschland war gleichzeitig das führende Land in Europa. So beschloss ich, nach Deutschland zu gehen, um Deutsch zu lernen. In England konnten sie nicht verstehen, warum ich meinte, Deutsch zu brauchen, wenn ich doch Englisch konnte», erzählt sie.

2015 kam sie inmitten der großen Einwanderungswelle in Darmstadt an und nahm an einem Integrationskurs für Migranten teil. «Ich bin baptistische Christin und habe mich der Freikirche in Darmstadt angeschlossen. Ich war sehr beeindruckt davon, wie die Gemeinde dort beschlossen hat, den Migranten zu helfen und wie die Hilfe praktisch umgesetzt wurde. Wie viele Wohnungen brauchen wir? Wie viele Betten, wieviel Kleidung? Okay, check, fertig», erzählt sie. «Wir folgen als Baptisten unserem Dogma, aber es war kein Thema, dass die anderen Muslime waren.»

In Deutschland gelangte sie an den Punkt, an dem sie sich fragte: Was will ich die nächsten 20 Jahre machen? Sie war noch in Darmstadt, als sie von der Ausschreibung des Projektes Nueva Alameda Providencia erfuhr. Sie war begeistert. Ein integrales, interdisziplinäres Stadtentwicklungsprogramm mit ganzheitlichem Ansatz, Bürgerbeteiligung und Kriterien des Klimaschutzes. Sie beschloss nach Providencia zurückzukehren, dorthin, wo sie geboren worden war, und sich als Anwohnerin daran zu beteiligen.

Doch die Stelle, an der sie ihre Erfahrungen einbringen konnte, wartete schon auf sie. Das Projekt «Cities Fit for Climate Change» wird mit Mitteln aus der Internationalen Klimaschutzinitiatve (IKI) betrieben, die vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit finanziert wird. Weltweit wurden drei Städte ausgesucht, die dabei unterstützt werden, sich auf den Klimawandel einzustellen: Durban in Südafrika, Channai in Indien und Santiago de Chile. Neben dem Projekt Nueva Alameda Providenca wird zudem die «Ciudad Parque Bicentenario» in Cerillos begleitet, wo auf dem früheren Flughafengelände ein neues Stadtviertel mit 16.800 Wohnungen entstehen soll.

Mit dem Ziel des Know-how-Transfers reist sie ab und zu mit Gruppen von Chilenen nach Deutschland. Dabei lernte sie letztens eine Stadtplanerin in Bonn kennen, die sich 20 Jahre lang dafür engagiert hat, das Viertel Nordstadt in ein Modell für Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu verwandeln. «Schöpferin der Kirschblüte» hat sie der Bonner General-Anzeiger genannt. Jetzt weiß Andrea Palma wofür sie sich in den nächsten 20 Jahren engagieren wird. «In Providencia gibt es Orte, wo das möglich ist», ist sie überzeugt.

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