Pfarrer Josef Bocktenk: Ein deutscher Pater mutig im Einsatz für die Ärmsten

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«Ich möchte etwas bewegen.» Das ist Pfarrer Josef Bocktenks Wunsch in seiner neuen Gemeinde Sagrada Familia in Quilicura. In seiner kirchlichen Laufbahn hat der 69-jährige immer die Herausforderung gesucht. Mit 22 Jahren entschied er, nicht die Bäckerei seines Vaters in Westfalen zu übernehmen. Er wollte Pfarrer in Lateinamerika werden, dort wo besonders Seelsorger gebraucht wurden.

Von Silvia Kählert

Wie kam es dazu? «Meine Familie war eigentlich normal religiös», erklärt der Münsterländer. Acht Geschwister waren sie zuhause in Bocholt und «da haben wir schon als Kinder mitarbeiten müssen». Das könnte seiner Meinung nach der Grund sein, dass er sich den Armen und Arbeitern verbunden fühlt.

Für seine Berufung musste er sich durchbeißen. Er verließ sein Elternhaus und besuchte das Clementinum für angehende Priester in Bad Driburg bei Paderborn. «Es gab damals kaum Schulen, die jungen Menschen erlaubte, das Abitur nachzumachen.» Nach drei Jahren war es soweit. Möglichst sofort wollte er nun in Lateinamerika studieren, um Land, Leute und Sprache verstehen zu lernen. «Eigentlich war es Zufall, dass ich dann nach Chile ging», erzählt der Pfarrer. Das Clementinum hatte Kontakt zur Mission der bayerischen Kapuziner in San José de la Mariquina bei Valdivia. Vier Jahre studierte er dort und anschließend zwei Jahre an der Universidad Católica in Santiago Katholische Theologie. Mit 28 Jahren wurde er 1975 zum Priester geweiht.

Im Jahr 1989 wartete eine neue Herausforderung auf ihn: Bei einem Treffen der deutschen Priester in Chile wurde dazu aufgerufen, nach Kuba zu gehen und dort sein Amt auszuüben. Padre José, wie ihn seine Gemeindemitglieder nennen, war der einzige, der sich meldete. Von den Jahren im Land in der Karibik spricht er voll Begeisterung: «Es war meine schönste, aber auch schwierigste Zeit.»

Auf 50.000 Kubaner kam ein Priester. Genau nach dem Geschmack von Josef Bocktenk: «Das war wunderbar! Wir waren in der Diözese Pinar del Rio im Westen der Insel Kuba insgesamt zwölf Priester. Wer da zu uns kam, war wirklich gläubig.» Er gibt aber auch zu: «Das Schöne war auch schwierig. Nach 30 Jahren Kommunismus, Umerziehung zum Atheismus und Angst vor Repressalien wussten viele Kubaner nicht mehr, wer Jesus Christus ist. Doch zum Glück sitzen die Kubaner vor ihren Häusern, wo man schnell ins Gespräch kommt.»

In einem Dorf gelang es dem charismatischen Mann nach knapp zwei Monaten rund 50 aufgeschlossene Eltern zu überzeugen, ihre Kinder zur Katechese in sein Haus zu schicken. Dann wurden die Kinder vom Lehrer ermahnt. «Nur noch ein Kind schaute vorsichtig bei mir durch das Fenster.»

«Die ersten Jahre waren geprägt von Unterdrückung der Menschen. Ich habe mich aber nicht unterkriegen lassen», erklärt Josef Bocktenk und fügt nachdenklich hinzu, dass das religionsfeindliche Klima in Kuba aber auch an ihm persönlich und seinem Glaubensleben nicht spurlos vorbeigegangen sei: «Erst musste ich mit mir selbst ins Reine kommen, um versöhnen zu können. Zweifel gehören zum Glauben dazu.»

Auf dem Land war die Situation besonders schwierig. In seinem Einsatzort Los Palacios lebten 15.000 und in der Umgebung 30.000 Kubaner. Es gab im Umkreis von 30 Kilometern nur zwei Kirchen. Im Laufe der Jahre konnte er in dieser Gegend mehr als 26 Gemeinschaften von fünf bis 30 Menschen organisieren. «Sie trafen sich in ihren Privathäusern. Das erforderte viel Mut, seinen Glauben zu leben.» Als er Los Palacios nach acht Jahren verließ, konnte er eine lebendige Gemeinde mit Taufen und Kommunionfeiern zurücklassen. Insgesamt verbrachte der Priester 22 Jahre in Kuba: «Ich wollte immer zurück nach Chile. Chile ist meine zweite Heimat, mein Lieblingsland.»

Auch ein deutsches Gastspiel gab es noch mal von 2012 bis 2014. Zu seiner deutschen Heimat hat er immer Kontakt gehalten: «Ich sehe jeden Tag die „Tagesschau“», betont er. Es handelte sich eigentlich um ein Jahr Vertretung als Vikar in Twistingen in Niedersachsen, eine katholische Enklave bei Bremen. Daraus wurden zwei Jahre.

Auch hier lag ihm daran, mit den am Rande der Gesellschaft Lebenden in Kontakt zu kommen. Er besuchte ein Zentrum für Arbeitslose und Alkoholiker. «Erst wollten sie von einem Priester nichts wissen. Am Schluss spielten wir regelmäßig Skat zusammen.» Auch die norddeutschen Gemeindemitglieder von St. Anna fanden ihn erst einmal «etwas anders als das, was sie bisher kannten. Bei der Abschiedsmesse war dann aber doch die Kirche proppenvoll.»

Es zog ihn zurück nach Chile, in seine Wahlheimat: «Denn hier ist meine Persönlichkeit gereift und geprägt worden.» Zudem wird er auch hier gebraucht. Die katholische Kirche in Chile musste schon immer rund die Hälfte der Priesterstellen mit Ausländern besetzen, heute vielfach Kolumbianer oder Mexikaner.

Dieses Jahr im März übernahm Josef Bocktenk die Gemeinde Sagrada Familia in Quilicura von Pfarrer Erich Hauck. Dieser hatte vor 22 Jahren begonnen, die Kirche in der 40.000 Katholiken zählenden Pfarrei aus dem Nichts aufzubauen. Nun feiert der gebürtige Franke sonntags mit der deutschen katholische Gemeinde Sankt Michael in Providencia die deutsche Messe. Er gehörte genauso wie Josef Bocktenk zu den 70 Deutschen, die ab den 60er Jahren der Priestermangel überzeugte nach Lateinamerika zu gehen. Inzwischen leben hier in Chile noch zwei in Santiago, einer in Villarrica und drei in Osorno. Bei den Lateinamerikatreffen der deutschen Priester kommen noch rund 25 zusammen.

Pfarrer Erich Hauck ist froh, dass sich sein Nachfolger engagiert für die Gemeinde in Quilicura einsetzt. Kriminalität und Drogenkonsum sind hier an der Tagesordnung: Nachts knallen hier nicht selten Pistolenschüsse, berichten die Priester.

Am Sonntagmorgen ist davon nichts zu merken. Vor der großen modernen Kirche herrscht reges Treiben. Viele Stände einer Feria sind aufgebaut. Die Kirchentür steht auch während der Messe offen. Pfarrer Bocktenk steht im Messgewand noch eine ganze Weile mit seinen zwei haitianischen Messdienern im Eingangsbereich. Es gibt noch einiges zu besprechen. Kräftige und rhythmische Gitarrenmusik begleiten ihn zum Altar.

Die Predigt hält der hochgewachsene Mann im Gang, nahe bei den Gläubigen in der Bank. Nach der Messe verabschiedet er die Kirchenbesucher und hält noch mit dem einen oder anderen ein Schwätzchen. Auch mit den Jugendlichen unterhält er sich, die vor der Kirche selbstgemachten Kuchen und Kaffee verkaufen. Zehn der Jugendliche unterrichten einmal in der Woche drei Gruppen von rund 100 Haitianern in Spanisch. Viele der nach Chile immigrierten Haitianer seien aber evangelisch oder evangelikal, berichtet der Padre.

Es freut ihn, dass er sechs Frauen gewinnen konnte, sich künftig für die noch Ärmeren einzusetzen. Die Gemeinde Sagrada Familia gehört zwar zu den Poblaciones. Doch nach Pfarrer Josefs Meinung gibt es immer noch Ärmere, denen geholfen werden müsste.

Als Freund der sogenannten Befreiungstheologie bedauert er, dass viele Priester in Südamerika «wieder viel zu angepasst sind». Er selber nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine Überzeugung geht. Seiner Meinung nach «gibt es in Chile eine viel zu große Ungleichheit zwischen Reich und Arm.» Gleichzeitig gefällt ihm, dass «bisher der Respekt für den Wert des Lebens in Chile noch gelebt wird: Viele Chileninnen sind bereit, ihre Kinder alleine zu erziehen. Dagegen stehen sie in Kuba Schlange für eine Abtreibung, als wäre es eine einfache Impfung.»

Etwas bewegen heißt für ihn vor allem die Menschen bewegen. Bisher ist ihm das mit seinem deutschen, aber vielleicht noch mehr südamerikanischen Wesen gut gelungen. Er hat sich gefreut, als Papst Franziskus nach seiner Wahl die Welt einfach mit «Guten Abend» begrüßte. Das ist auch Pfarrer Josef Bocktenks Motto, um für die christliche Botschaft zu werben: «Den Menschen in den Mittelpunkt stellen.»

 

Pfarrer Josef Bocktenks Gemeinde benötigt für den Unterricht für die Haitianer Tische und Tafeln. Wer sich mit einer Spende beteiligen möchte, wendet sich per E-Mail an ihn: josefbernhard47@web.de. Das Konto der Pfarrei lautet: Parroquia Sagrada Familia Quilicura, BCI 18017355, Rut  75976930-9.

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