Pastorin Nicole Oehler

Nicole Oehler ist Pastorin an der Evangelisch-Lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile.
Nicole Oehler ist Pastorin an der Evangelisch-Lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago de Chile.

Aufgewachsen in einem winzigen Dorf in Hessen, zog es mich in die Welt: nach dem Abitur habe ich ein halbes Jahr in Frankreich gelebt. Dann begann ich mein Theologiestudium in Marburg und ging nach der Zwischenprüfung für ein Jahr nach Brasilien (Studium und Arbeit in einem Frauenzentrum).

Zurück in Deutschland veränderte sich mein Leben in zweierlei Hinsicht: ich begann in Hamburg neben meinem Studium in Theologie noch ein Zweitstudium in Soziologie und lernte meinen jetzigen Mann (Johannes Merkel) kennen. Nach Ende des Theologiestudiums waren wir zusammen für neun Monate in Nicaragua. Dort konnte ich im Sozialprojekt einer katholischen Basisgemeinde mit Frauen in der Prostitution arbeiten.

Zurück in Deutschland beschloss ich, mein Vikariat (=praktische Ausbildung zur Pfarrerin) zu beginnen und die Soziologie nach der Zwischenprüfung nicht weiter zu führen. Denn in Nicaragua ist mir sehr klar geworden: ich will als Pfarrerin arbeiten.

Bis Juli 2014 arbeitete ich als Pfarrerin in einer hessischen Kleinstadt. Zurzeit teile ich mir mit meinem Mann die Pfarrstelle in der Evangelisch-Lutherischen Versöhnungsgemeinde in Santiago – eine wunderbare Aufgabe! Anmerkung der Redaktion: Das Ehepaar hat zwei Kinder (8+5 Jahre).

Was wollten Sie als Kind werden?
Polizistin. Lustigerweise mein Mann auch – jetzt sind wir beide Pfarrer. Ich denke der Einsatz für Recht und Gerechtigkeit hat mich schon immer fasziniert.

Wenn Sie wieder auf die Welt kämen, würden Sie den gleichen Beruf ergreifen?
Auf jeden Fall. Es ist ein toller Beruf. Ich arbeite mit Menschen aller Alter und aller sozialen Schichten. Und kann mit ihnen teilen, woran ich glaube – und durch sie selbst immer weiter wachsen.

Wer war und ist Ihr Vorbild?
Padre Arnaldo, mit dem ich in Nicaragua zusammengearbeitet habe. Er ist unermüdlich im Einsatz, seinen Nächsten zu zeigen, dass sie Würde haben. Seine Nächsten sind Sexarbeiterinnen, Straßenkinder, jugendliche Mütter und alle, denen er begegnet.

Wofür sind Sie Ihren Eltern dankbar?
Dass ich eine wunderbare Kindheit hatte. Und dass sie die Kraft hatten, mich loszulassen, als es mich in die Welt zog. Auch wenn ich weiß, wie schwer es ihnen fällt, dass ich so weit weg bin.

Was war Ihr schlechtestes Schulfach?
Physik. Aber in Deutschland konnte man ab der 11. Klasse zum Glück Fächer abwählen. Physik war das erste, das ich gerne abgab.

Was macht Sie glücklich?
Wenn die Menschen um mich herum glücklich sind – das strahlt zurück. Und Sonne macht mich glücklich, weil sie nicht nur von außen wärmt, sondern auch das Gemüt.

Was macht Ihnen Angst?
Manche Entwicklungen in der Welt machen mir Angst: die Kriegsherde im Nahen Osten, wo keine Lösung in Sicht ist. Die zunehmende Beliebtheit von Rechtspopulisten sowohl in Europa als auch Trump in den USA. Und auch die Klimaveränderungen, die zu wenig ernst genommen werden.

Worauf könnten Sie verzichten?
Ich verzichte gut und gerne auf Fleisch. Ich bin seit über 20 Jahren überzeugte Vegetarierin.

Was ist Ihnen peinlich?
Ich bin an sich immer sehr frei heraus. Dadurch trete ich aber auch ab und an mal in ein Fettnäpfchen – gerade hier in Chile, wo viele Dinge nicht so offen angesprochen werden. Das ist mir dann schon manchmal peinlich.

Wen beneiden Sie?
Menschen, die so völlig unbedacht in den Tag leben. Ich bin eher ein strukturierter Mensch und plane gerne. Von daher ist die Zeit in Chile hier für mich genau richtig: alles läuft eher spontan und kommt oft anders als geplant. Das trainiert Gelassenheit und Flexibilität. Und tut gut.

Mit wem würden Sie nie tauschen wollen?
Mit Frau Merkel oder Frau Bachelet. Als Staatoberhaupt hat man eine solch große Verantwortung, vor der ich große Achtung habe, die ich aber selbst nicht tragen wollte.

Wen würden Sie gerne einmal treffen?
Mahatma Ghandi – auch wenn ich weiß, dass das nicht mehr möglich ist. Sein Einsatz für gewaltlosen Widerstand hat mich in Vielem überzeugt. Es wäre wunderbar, von seinen Erfahrungen zu hören – Höhen und auch Tiefen. Und vielleicht das Geheimnis zu erfahren, woher er die Kraft dazu nahm.

Was würden Sie niemals tun?
Bungeejumping. Ich habe eine unglaubliche Höhenangst.

Was regt Sie auf?
Intoleranz und Engstirnigkeit. Ich finde es absolut wichtig für das Miteinander in einer Gesellschaft, dass man offen ist. Offen für andere Lebensweisen und Lebensformen, für andere Denkmuster und Sichtweisen.

Was ertragen Sie mit Humor?
Den ewigen Stau in Santiago. Ich finde mit guter Musik kann frau sogar den ganz gut ertragen.

Über welche eigenen Schwächen ärgern Sie sich?
Ich habe nicht die Gabe des langen Rumredens – obwohl das für eine Pfarrerin sicher hilfreich wäre. Bei mir ist alles eher kurz und knackig. Auch die Predigt dauert eher 10 als 15 Minuten.

Weshalb würden Sie nie mehr aus Chile auswandern?
Diese Frage stellt sich so für mich nicht, da wir einen begrenzten Vertrag über sechs Jahre haben, den wir noch einmal um drei Jahre verlängern können. Wir gehen aber vom längst möglichen Zeitraum aus, da wir uns in Chile und in der Versöhnungsgemeinde sehr wohlfühlen. Und es wird sicher vieles geben, dass wir vermissen werden, wenn wir dann wieder nach Deutschland zurück müssen. Zum Glück bleiben uns noch ein paar Jahre.

Wenn Sie einen Tag Präsidentin wären, was würden Sie ändern?
Das ist eine sehr schwierige Frage und an einem einzigen Tag ließe sich sicher kaum etwas ändern. Aber ich denke, ich würde bei der Bildung anfangen. Es muss für alle Chilenen die gleichen Bildungschancen geben. Es kann nicht sein, dass die Bildung in solch erheblichem Maße vom Einkommen abhängig ist. Wenn in der Bildung ein größeres Gleichgewicht entsteht, lassen sich auch viele andere Probleme lösen.

Was sollten die Chilenen ernster nehmen?
Ihre Umwelt. Es gibt zwar gute Ansätze in Mülltrennung und Nutzung von erneuerbaren Energien. Aber wenn ich den Müll an den Straßenrändern sehe oder die Verschmutzung im Meer, dann schmerzt es mich sehr um Gottes gute Schöpfung.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Von Firas Alshater «Ich komme auf Deutschland zu» – ein Syrer schreibt über seine neue Heimat und seine Erfahrungen, die wirklich sehr erhellend sein können. Über Nacht wurde Firas Alshater zum Youtube-Star. Seine Youtube-Reihe «Zukar» ist noch besser als das Buch. Sehr zu empfehlen!

Was ist Ihr Lieblingsgericht?
In Chile: Sopaipilla; in unserem häuslichen Sortiment zurzeit: Nudeln mit Barbiesoße (Rote-Beete-Soße).

Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit?
Am liebsten treffe ich mich mit lieben Freunden. Aber ich lese auch gerne ein gutes Buch oder tanze durch die Wohnung

Bei welchem Film haben Sie geweint?
Als letztes bei «Manchester al mar». Die dort gezeigten Schicksale lassen wohl niemanden kalt. Aber das geht bei mir an sich auch recht schnell.

Welchen Männertyp finden Sie anziehend?
Äußerlich könnte ich das gar nicht sagen, inhaltlich schon: Männer mit Humor und Intellekt. Männer, die auch Zuhause mit anpacken – Machogehabe zieht mich so gar nicht an.

Wem wollten Sie schon lange ein Kompliment machen?
Alleinerziehenden Elternteilen. Ich ziehe den Hut vor jeder und vor jedem, der vor dieser Aufgabe alleine steht.

Was sollte Ihnen später einmal nachgesagt werden?
«Sie hat gelebt, was sie glaubt.»

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
«Was man hat, hat man.» Ich bin immer sehr dafür, Dinge – sowohl schöne als auch unangenehme – nicht lange aufzuschieben, sondern anzupacken.

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