«Nein, ich bin der Zwillingsbruder»

Marcelo Muñoz, Anwalt für Steuerrecht

Marcelo Muñoz (44) ist Chilene, Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Steuerrecht.
Marcelo Muñoz (44) ist Chilene, Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Steuerrecht.

 

Marcelo Muñoz (44) ist Chilene, Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Steuerrecht, Vorstandsmitglied des Deutsch-Chilenischen Bundes (DCB) und Kenner großer historischer Staatsmänner. Was seine Persönlichkeit jedoch am meisten geprägt hat: er ist ein Zwilling.

 

Von Petra Wilken

Etwa zwei Wochen nach dem Interview mit Marcelo Muñoz, begegne ich ihm zufällig beim Warten auf den Aufzug in einem Bürogebäude in Las Condes. Auf meinen Gruß hebt er abwehrend die Hände: «Nein, ich bin nicht Marcelo, ich bin der Zwillingsbruder!». Oh. Ich gucke nochmal genau hin. Ich glaube ihm, was er sagt, schließlich hatte Marcelo mir  erzählt, dass er und sein Bruder Rodrigo praktisch nicht auseinander zu halten sind. Er hatte nicht übertrieben.

Die eineiigen Zwillinge waren nicht nur die gesamte Schulzeit über unzertrennlich, sie studierten auch beide Jura und arbeiten heute beide als Rechtsanwalt. Ihr berufliches Outfit – der klassische dunkle Anzug mit Sakko und Weste – trägt nur noch mehr dazu bei, dass sie verwechselt werden.

«Während der Schulzeit wurde ich einmal in einen anderen Deutschkurs versetzt. Ich habe so lange darum gebeten, bis ich wieder in einen Kurs mit ihm gekommen bin», verdeutlicht Marcelo Muñoz die enge Verbundenheit mit seinem Bruder. Bis heute, als Erwachsene, bestehe ein enges Band, das sich, wer selbst nicht Zwilling sei, kaum vorstellen könne. «Ich bin im Club Manquehue, letztes Jahr ist mein Bruder auch eingetreten. Ich spiele Tennis, er auch».

Geboren wurden sie im Februar 1973 in Santiago, doch aufgewachsen sind sie im Süden, wo auch beide Eltern herkommen: Der Vater ist Arzt und stammt aus Concepción, die Mutter Hebamme aus Temuco. Ihre Schulzeit über lebten Marcelo und Rodrigo sowie ihr älterer Bruder Gerardo in Valdivia. Die Eltern hatten zwar keine familiäre Verbindung mit Deutschland, aber sie wählten die Deutsche Schule wegen der guten Qualität der Bildung, die sie versprach.

«Das Tolle an der Deutschen Schule waren die Aktivitäten, die den Gemeinschaftsgeist prägen – das Sportfest, die Volleyballturniere, die Sommerlager am Lanalhue-See», sagt Marcelo. «Die Deutschen sind seit dem Mittelalter in Gilden organisiert, weshalb das Kollektiv für sie wichtiger ist als zum Beispiel für die Engländer oder die US-Amerikaner. Deshalb ist auch der Zusammenhalt der deutschen Gemeinschaft hier in Chile kein Zufall. Die Zeitung Cóndor ist dafür ein gutes Beispiel», erläutert er seine Beziehung zum Deutschtum, die er pflegt. Vor einigen Jahren engagierte er sich im Vorstand des Cóndors und zurzeit beim DCB.

Er interessiert sich sehr für Geschichte und bewundert große Staatsmänner wie Abraham Lincoln, Theodore Roosevelt oder Konrad Adenauer. Dennoch entschied er sich dafür,  Jura zu studieren. Nach dem fünften Studienjahr ging er und seine Freundin nach Europa zum Studieren: sie nach London, und er entschied sich für mehrere Austauschsemester in Tübingen. Anschließend absolvierte er ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei in Stuttgart.

Eineinhalb Jahre lebte er in Deutschland, doch dann kehrte er wieder nach Chile zurück. «Ich bin Rechtsanwalt für Steuerrecht. Das muss man schon im eigenen Land studieren, da das Steuerrecht von Land zu Land verschieden ist. So habe ich meinen Master an der Universidad de Chile gemacht».

Sein Netzwerk in Deutschland machte es möglich, dass vor Einführung der chilenischen Steuerreform Anfang des Jahres der Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtes, Prof. Ferdinand Kirchhof, nach Chile kam. Er steuerte die deutsche Sicht zur Kontroverse über das Thema der allgemeinen Steuerumgehungsregel bei. «Steuerumgehung ist nicht gleichzustellen mit Steuerhinterziehung, sie ist legal, aber nicht immer legitim», so Marcelo Muñoz. «Das war im neuen Regelwerk nicht gut aufgeführt. Es gibt widersprüchliche Paragraphen in der Abgabenordnung». Auch er steht dem Ergebnis der chilenischen Steuerreform kritisch gegenüber.

Seinen Beruf übt er seit mehreren Monaten als Partner in der Kanzlei Lagos Maclean aus, die ihm die Steuerabteilung angeboten hat. Als er aus Deutschland zurückkam, hatte er in der Kanzlei Alessandri gearbeitet, bevor er sein eigenes Steuerberatungsbüro Salcedo y Cia gründete. Dies hat er nun aber aufgegeben, um bei Lagos Maclean einzusteigen.

Immer, wenn es die Arbeit zulässt, fährt Marcelo Muñoz zu Familientreffen in die Region Araucanía. Zwischen Villarrica und Pucón hat die Familie ein Grundstück gekauft, auf dem genug Platz ist, damit sich alle irgendwann ein Haus bauen können. Und damit sich alle dort treffen – in den Sommer- und Winterferien, zum «Dieciocho» und zu Weihnachten.  Dort kann Marcelo Muñoz voll seine Freude ausleben, Onkel zu sein.

Sein älterer Bruder Gerardo, der in Puerto Montt lebt, hat zwei Töchter von acht und sechs Jahren, und Rodrigo lebt mit einer Frau zusammen, die es gut nachvollziehen kann, was es bedeutet, wie unzertrennlich eineiige Zwillinge sein können: Sie hat selbst welche – Raimundo und José Tomas Eisermann, neun Jahre alt. Marcelo ist der Pate von Raimundo; Rodrigo ist Pate von José Tomás. «Zwilling zu sein besitzt eine einzigartige Dynamik», so Marcelo. Er ist froh, dass sein Bruder eine Lebensgefährtin gefunden hat, die das nachvollziehen kann. Er selbst ist geschieden und hat noch keine Kinder.

So genießt er seine Neffen umso mehr. «Vorletztes Jahr habe ich mich als Weihnachtsmann  verkleidet». Er strahlt selbst wie ein kleiner Junge, als er erzählt, wie aufregend das für die Kinder war. Für ihn haben die Familientreffen auf dem Land auch etwas von der Nostalgie, im Süden zu leben. «Ich bin recht stolz darauf, aus dem Süden zu sein. Und es gefällt mir der Gedanke, dass ich bestimmte Dinge des Südens bewahre».

Was sind das für Dinge, die er mit dem Süden Chiles verbindet? «Die Menschen sind einander näher, sie sind in gewisser Hinsicht unschuldiger. In Santiago wahrt man mehr Abstand untereinander. Das Leben läuft in einer anderen Geschwindigkeit ab», findet er. Ihm gefällt der Gedanke, irgendwann einmal wieder im Süden zu leben. Doch bis dahin wird das Leben zeigen, wo es ihn hinverschlägt.

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