Monika Dockendorff, Mathematiklehrerin und Dozentin für Lehrerfortbildung

Mathematik muss nicht doof sein

Monika Dockendorff, Mathematiklehrerin und Dozentin für Lehrerfortbildung
Monika Dockendorff, Mathematiklehrerin und Dozentin für Lehrerfortbildung

 

Gehören Sie auch zu denen, die in der Schule mit Algebra und Geometrie auf dem Kriegsfuß standen? Ich jedenfalls bin über die vier Grundrechenarten, Dreisatz und Prozentrechnung nicht hinausgekommen. Monika Dockendorff hingegen gehört zu denen, die Mathematik schon in der Schule geliebt haben. Es dauerte jedoch, bevor sie dieses Talent zu ihrem Beruf machte.  

 

Von Petra Wilken

Wenn die 40-jährige Deutsch-Chilenin über das spricht, was sie heute beruflich macht, muss sie niemanden überzeugen: Die Kombination aus Mathematik plus Pädagogik füllt sie gänzlich aus. In dieser Schnittmenge engagiert sie sich dafür, dass Mathemuffel, die meinen, dass sie Vektoren und Winkelfunktionen nie kapieren werden, auf ihre Seite bekommt.

Seit einigen Jahren arbeitet sie daran als Mitarbeiterin der Fakultät für Bildung der Universidad Católica. Ihre Abteilung ist dafür zuständig, innovative didaktische Methoden in den Mathe-Unterricht einzubringen. Speziell konzentriert sie sich auf die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien. «Es gibt sehr leistungsfähige Software für Geometrie und Algebra», erklärt sie. Die Mathe-App auf dem Smartphone ist dabei keine Zukunftsmusik, sondern schon heute Wirklichkeit in chilenischen Klassenräumen. 

Sie ist davon überzeugt, dass das Handy als Mittel im Unterricht bestens funktionieren kann. «Es gehört ja auch zum Bildungsauftrag zu zeigen, dass das Handy nicht nur zum Chatten gut ist, sondern ein potentes Gerät, mit dem man auch lernen kann.» Nachdem sie vier Jahre lang Unterricht in der Oberstufe an einer staatlichen Schule im Stadtteil Estación Central gegeben hat, weiß sie, was mit Schülern machbar ist und was nicht.
 

Lyrischer Gesang bei Ahlke Scheffelt

Sie selbst ist als jüngste von drei Töchtern des Ehepaares Grecia Aguilera und Ignacio Dockendorff auf die Deutsche Schule Santiago gegangen. Ihre Eltern, beide Ärzte von Beruf, waren sich aufgrund der Liebe zur Musik nähergekommen. «Eine der Alternativen nach der Schule war es für mich, lyrischen Gesang zu studieren.» Aufgrund ihrer Vorliebe für Mathematik entschied sie sich jedoch für Architektur. Gleichzeitig lernte sie lyrischen Gesang bei Ahlke Scheffelt an der Escuela Moderna de Música in Las Condes.

Das war etwas viel. Nach einem Jahr gab sie beides auf und entschied stattdessen, Wirtschaftsingenieurwesen an der Universidad Católica zu studieren. «Eigentlich hat es mir nie gefallen. Es war eher eine praktische Entscheidung, aber sie kam nicht von hier», sagt sie und zeigt auf ihr Herz. Dennoch schloss sie dieses Studium ab und arbeitete danach einige Jahre bei der gemeinnützigen Stiftung Protectora de la Infancia im Finanzwesen. Damit kam sie ihrem Herzen schon etwas näher.

Mit 25 ging sie für fünf Jahre mit ihrem Verlobten nach New York, da er dort seine Doktorarbeit absolvierte. «Ich habe in New York in Bars gesungen, habe ein Quintett gegründet, bei Corp Artes in der Finanzabteilung und bei einem Importeur für Gourmetwaren aus Frankreich gearbeitet. Ein Mix aus allem», fasst sie ihre Erfahrung zusammen.
 

Mathematik-Lehrerin für die Oberstufe

Als sie zurückkam, merkte sie, dass die Welt der Wirtschaftswissenschaftler defintiv nicht ihre war. Ein Stipendium von Elige Educar war der Eintritt in die Welt, die sie wollte. Die Organisation fördert Berufstätige, die Lehrer werden wollen. Sie studierte ein Jahr lang Pädagogik an der Universidad Católica und schloss als Mathematik-Lehrerin für die Oberstufe ab. Voraussetzung für das Stipendium war es, einen Beitrag zum öffentlichen Schulsystem zu leisten.

So kam Monika Dockendorff an die staatliche Schule in Estación Central. Gleichzeitig machte sie einen Magister in Pädagogik. In ihrer Abschlussarbeit untersuchte sie den Einfluss der Klassenstärke auf die Schulergebnisse. «Ein sensibles Thema», meint sie, da Tenor der Fachliteratur sei, dass es keinen Unterschied mache, ob 25 oder 45 Schüler in der Klasse sind. Schuld daran sei der US-amerikanische Ökonom Eric Hanushek, der in den 1980er Jahren eine berühmte Studie erstellt habe, die bis heute als Nachweis dafür gelte, dass kleine Klassenstärken keine besseren Schulergebnisse hervorbringen.  
 

Geometrie und Algebra

«Fragt man hingegen Lehrer und Eltern, so wollen alle unbedingt kleine Klassenstärken. Es ist sehr schwer, 45 Schüler zu unterrichten», weiß sie aus eigener Erfahrung. 20 bis 25 sei eine ideale Zahl. Chiles Präsidentin Michelle Bachelet habe versprochen, die Höchstzahl auf 30 zu senken, dieses Versprechen jedoch nicht gehalten. Der Durchschnitt in Chile sei 31. «Doch das nützt einem Kursus mit 46 Schülern auch nichts», sagt sie mit Nachdruck.

Gerade in den sozial schwachen Schichten sei die Ablehnung von Mathematik besonders groß. Die Nutzung von Informationstechnologien jedoch ist für sie ein vielversprechendes Mittel. «Geogebra» heißt eine von einem Schweizer erfundene Software für Geometrie und Algebra, die als App kostenlos heruntergeladen werden kann. «Durch die grafische Darstellung kann man die Relationen leichter verstehen. Das macht den Schülern auch viel mehr Spaß», begeistert sie sich.

Zu ihren Aufgaben gehört es, Lehrern zu zeigen, wie eine Unterrichtseinheit mit Geogebra aufgebaut werden kann. «Big Data ist im Kommen, und zwar sehr schnell. Es gibt technische Berufe, die aussterben, aber es entstehen neue. Wir können nicht dagegen ankämpfen, sondern müssen unsere Bildung darauf ausrichten».

Dafür setzt sich Monika Dockendorff mit großem Engagement ein, auch wenn sie ihre Arbeitszeit heruntergeschraubt hat und derzeit sogar aufs Unterrichten verzichtet. Sie hat einen guten Grund – ihren zweijährigen Sohn Santiago.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*