Miguel Eckhardt: Die Pflicht, ein Vergnügen

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Von Walter Krumbach

In seinem geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer steht ein Bechstein-Flügel. Auf dem spielt er so gut wie täglich. Bach, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms sind seine Lieblingsautoren. Auch heute setzt er sich an das Instrument, kündigt ein Impromptu von Franz Schubert an und greift sofort in die Tasten. Sein Vortrag ist lebendig, die ansprechenden Melodien und die wundersamen schubertschen Harmonien fließen wie ungezwungen-natürlich. Wohlklang erfüllt den Raum.

Die Liebe zur niveauvollen Musik ist ein maßgebender Bestandteil seiner Freizeit: Eckhardt singt seit mehreren Jahren im Divertimento-Chor. Mit der Tonkunst kam er schon als Kind in Verbindung. 1925 in Valparaíso in eine kunstinteressierte Familie hineingeboren, sorgten die Eltern dafür, dass Miguel schon früh Klavierunterricht bekam. Später lernte er auch das Orgelspiel und hatte aufgrund seiner Begabung oftmals Gelegenheit, die Gottesdienste der Evangelischen Kirche in seiner Heimatstadt musikalisch zu begleiten.

Die Freude am Musizieren war groß. So stellte er sich eines Tages die Frage, ob er sich nicht beruflich der Tonkunst widmen sollte. «Aber dann kam Claudio Arrau nach Chile», erinnert sich Eckhardt, «und er hatte die 32 Sonaten von Beethoven im Repertoire!» Diese außerordentliche Gedächtnisleistung des berühmten Pianisten wirkte entmutigend und bestätigte ihm, auf dem Gebiet der Verwaltung sein Glück zu wagen.

Miguel Eckhardts beruflicher Anfang war alles andere als einfach. Als er im Jahre 1942 an der DS Valparaíso in der Oberprima war, verstarb sein Vater. So musste er, kaum hatte er den Schulabschluss hinter sich, so bald wie möglich anfangen zu arbeiten. Er machte zwar im darauffolgenden Jahr sein Abitur, sprach jedoch anschließend bei der großen, damals weitverzweigten Firma Gildemeister vor, und es klappte auf Anhieb: Der junge Mann wurde zunächst als Laufbursche eingestellt.

Mit den Jahren kamen verschiedene Beförderungen. Eckhardts zuverlässige Art kam bei der Inhaberfamilie gut an, sodass aus ihm ein Vertrauensmann wurde. Er übernahm verschiedene leitende Positionen. Einer ungeahnten Verantwortung musste er sich stellen, als während der kritischen Allende-Zeit Gildemeisters im Ausland lebten und Miguel Eckhardt «alles überließen. Ich war hier ihr Stellvertreter. Wir hatten einen Intervenient, der keine Ahnung hatte, dass ich für die Angelegenheiten der Familie zuständig war. Zum Schluss sah es fast so aus, als ob die Firma vom Staat übernommen wurde». Die Unkenntnis des Inspektors darüber, wer die dazu nötigen Dokumente im Namen der Besitzer hätte unterschreiben müssen, verhinderten den fatalen Eingriff. «Das wäre nämlich ich gewesen», weiß Miguel Eckhardt. «Kurz darauf kam der 11. September und damit war die Sache erledigt und ich zum Glück frei von diesem Problem».

 

Große Zeiten

Während der darauffolgenden Entwicklung erhielt er den Auftrag, verschiedene Tochtergesellschaften, die nun gegründet wurden, zu leiten. Dazu kamen Vertretungen von großen internationalen Unternehmen wie Siemens, John Deere und Caterpillar. «Das waren große Zeiten», sagt er, wobei ein Unterton der Überzeugung nicht zu überhören ist. Über 60 Jahre lang war er für Gildemeister tätig.

Miguel Eckhardt ist bis heute beruflich halbtags im Einsatz. Jeden Morgen betritt er um 7.30 Uhr sein Arbeitszimmer, um in einem Bild-Diagnosezentrum, welches die heute üblichen Ultraschalluntersuchungen und Magnetresonanztomographien erstellt, in der Verwaltung beratend zu wirken. Seine Tochter und sein Schwiegersohn – beide Ärzte – gründeten mit seiner Unterstützung das Unternehmen. Kein leichtes Unterfangen, schon allein weil ein Scanner importiert werden musste, dessen Kosten sich auf eine sechsstellige Ziffer in Dollar beliefen.

Ein Kredit war vonnöten, der nicht auf Anhieb gewährt wurde. Die Interessenten überlegten angestrengt, «aber es reichte hinten und vorne nicht», runzelt Miguel Eckhardt die Stirn. Er sprach beim Importeur vor, der ihm nun anbot, seine Provision zunächst nicht zu verrechnen. Die könnte Eckhardt dem Importeur schuldig bleiben und später abbezahlen. Ein Vertrauensbeweis, von dem der Kunde Gebrauch machte. «Ich habe auf der Bank 60 Wechsel unterschrieben!», schmunzelt Eckhardt. Sie mieteten im Stadtteil Providencia ein günstig gelegenes Haus, wo die nötige Hochspannung installiert werden konnte, bauten das teure Gerät ein und begannen mit der Arbeit.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass sie in dieser ersten Phase kein Gehalt beanspruchen konnten: «Erst müssen wir die Schulden abbezahlen», war Miguel Eckhardts Devise. Erfreulicherweise war die Reaktion der Kundschaft positiv, «sodass ich jeden Monat das Geld aus der Kasse holte, um die Wechsel zu begleichen». Der Erfolg des Diagnosezentrums war derartig gut, «dass ich nach relativ kurzer Zeit zwei Wechsel pro Monat abgelten konnte». Nach drei Jahren war der Kredit abbezahlt.

 

Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker

Die Reaktion der Kundschaft war durchaus positiv. Inzwischen ist das Scannergerät durch ein moderneres ersetzt und andere Apparaturen angeschafft worden. «Damals, als wir anfingen, habe ich noch bei Gildemeister gearbeitet», erzählt Eckhardt, «habe aber unseren Familienbetrieb mitgeholfen zu organisieren». Bei jener großen Firma zog er sich vor etwa acht Jahren zurück. Seitdem wendet er sich beruflich ausschließlich dem Diagnosezentrum zu. Was nicht bedeutet, dass er aufgrund seines Alters leiser tritt. Er ist zwar «nur» halbtags im Büro, steht aber jeden Morgen um 4.30 Uhr auf. Er sagt es, als handele es sich dabei um das Selbstverständlichste auf Erden.

Um die Mittagsstunde verlässt er nach getaner Arbeit das Diagnosezentrum, fährt in seine Wohnung und ruht sich nach dem Mahl aus. Untätigkeit ist jedoch nichts für diesen regsamen Mann. Die Freizeit nutzt er nicht nur aus, um sich der geschätzten Lektüre zu widmen, sondern auch um Einkäufe zu besorgen oder, besonders wichtig, «um dienstags zur Chorprobe des Divertimento zu gehen». Jeden Tag «setze ich mich mindestens ein Stündchen ans Klavier».

Miguel Eckhardt hat die 90 Lebensjahre bereits überschritten. Da drängt sich die Frage auf, wie jemand in dem Alter sich einer derartig guten Gesundheit erfreuen und noch so aktiv sein kann. «Ich weiß ehrlich gesagt selber nicht, warum das so ist», lacht er, «aber mir ist klar, dass ich immer viel gearbeitet und große Verantwortungen übernommen habe. Ich hatte außerdem immer eine gute Beziehung zu der Familie Gildemeister. Das zwingt einen, immer verfügbar zu sein und gesund zu bleiben. Mir wurde erst bewusst, dass ich alt bin, als ich 80 wurde. Bis dahin hatte ich das Altern gar nicht wahrgenommen.»

Dazu empfiehlt er Kopfarbeit, womit er nicht nur das ständige Training des Intellekts im Büro, sondern auch intensive Beschäftigung mit der Musik meint. Und Kopfarbeit bedeutet auch, Spaß an der Arbeit zu haben. Die hatte der junge Miguel zwar nicht, als er nach dem Tod des Vaters sich kein Studium leisten konnte und sich sein Brot verdienen musste. Das änderte sich jedoch rasch, als er feststellte, dass er in der Firma Gildemeister zum Vertrauensmann avancierte. So wurden die Mühe zum Segen und die Pflicht zum Vergnügen.  

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