Markteinstieg auf Deutsch

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Wenn Xavier Guijón etwas fehlt, so ist es Zeit. 2008 hat er mit seinem Partner Ricardo Mena die Anwaltskanzlei Mena & Guijón gegründet. Heute zählt sie elf Mitarbeiter und ist gerade in neue Räume mit doppelter Bürofläche gezogen. Eine der Hauptaufgaben: die Beratung ausländischer Investoren.

Von Petra Wilken

Die Kanzlei hat trotz der derzeit eingefrorenen Wirtschaftslage gut zu tun. Der Deutsch-Chilene Guijón ist für steuerrechtliche Angelegenheiten und für die allgemeine Firmenberatung zuständig. Der Großteil der Mandanten sind Firmen, darunter auch zahlreiche ausländische Unternehmen, die in Chile investieren, die meistens aus Deutschland und Österreich. «Das ist der Tatsache zu verdanken, dass ich Deutsch spreche», erklärt Xavier Guijón. «Wenn ein potenzieller Investor anruft, weil er den Markteinstieg in Chile vorbereiten will, ist verständlich, dass er zunächst unsicher ist und nicht recht weiß, was ihn in Chile erwartet. Wenn ihm dann am anderen Ende auf Deutsch geantwortet wird, schafft das gleich viel Vertrauen».

Xavier Guijón ist Deutsch-Chilene in dritter Generation, wurde in Barcelona geboren und lebte nur als Baby zwei Jahre in Deutschland. Wie kommt es dann, dass er akzentfrei Deutsch spricht? Sein Vater war deutschstämmig, erklärt er. Die Familie der Großmutter Klein wanderte Ende des 19. Jahrhundert in Chile ein. Sie ließen sich in Galvarino, in der Nähe von Temuco, nieder. Der Großvater Guijón besuchte die deutsche Schule, einfach nur, weil die Familie fast nebenan wohnte. Als junger Mann lernte er Xaviers Großmutter kennen.

«Seitdem haben fast alle Nachfahren deutsche Schulen besucht, meine Geschwister und Cousins und Cousinen sowie die Kinder in der vierten Generation auch noch. So kam es, dass aus den aus Spanien stammenden Guijóns Deutsch-Chilenen wurden. Wir haben den wichtigsten Punkt einer Kultur, die Sprache, erhalten», fasst der Anwalt zusammen. Seine Mutter war Chilenin, doch sprach sehr gut Deutsch, da die Familie – der Vater war Arzt – fast zehn Jahre lang in Deutschland gelebt hat. Die älteren der vier Kinder gingen in Deutschland in den Kindergarten und in die Schule, bevor die Familie nach Chile zurückkehrte.

«Meine Mutter hat sich sehr bemüht und mit uns weiter Deutsch gesprochen. Sie starb als ich acht war», berichtet Guijón. Danach haben sich die Großeltern weiter die Arbeit gemacht, die Sprache aufrecht zu erhalten.

«Heute weiß ich, wie schwer das war.» Seine eigenen beiden Töchter sind sechs und neun Jahre alt und gehen auf die Deutsche Schule Santiago. Seine Frau ist Chilenin und spricht kein Deutsch. «Wir sind typische Mitglieder der deutsch-chilenischen Gemeinschaft. Wir besuchen Veranstaltungen im Club Manquehue, aber ansonsten bin ich Chilene und ziehe im September mein Huaso-Kostüm an».

Mit der Wahl seines Berufes ist er in die Fußstapfen seines Großvaters Guijón getreten. «Er war Rechtsanwalt und zwar ein ziemlich guter – Partner in einer der größten Kanzleien Chiles, in der Kanzlei Alessandri». Bevor er Jura an der Universidad de Chile studierte, machte er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann am Insalco und war bei Ultramar in der Lehre. Nach dem Studium arbeitete er unter anderem in der traditionsreichen Kanzlei Alessandri, in der sein Großvater und auch ein Onkel Partner gewesen waren. 

In seiner eigenen Kanzlei hat sich das Deutsche rentiert. «Es schafft Vertrauen». Das ist besonders in heutigen Zeiten wichtig, in denen die Investitionen stagnieren. «Die Rechtsunsicherheit ist in Chile drastisch gestiegen aufgrund der Arbeits-, Steuer- und einer eventuellen Grundgesetzreform. Das schadet den Inlands- als auch den Auslandsinvestitionen», so Guijón. «Wir haben mit Peru und Kolumbien Konkurrenz in der Nachbarschaft bekommen, aber Gott sei Dank bleibt Chile immer noch unter den guten Möglichkeiten».

Im internationalen Vergleich liegt Chile nach wie vor im Hinblick auf Rechtssicherheit, Risiko, Transparenz, Kreditwürdigkeit und Korruption auf guten Plätzen. «Auf der Makroebene funktioniert der Geschäftseinstieg gut. Es ist relativ einfach, eine Gesellschaft zu gründen, und die Bankgeschäfte laufen», erklärt der Anwalt. Wo es schwieriger würde, sei auf der Mikroebene. «In der Kleinbürokratie muss man sich gut auskennen. Wenn man zum Beispiel mit einer Gemeindeverwaltung zu tun hat, kann die Sache kompliziert werden. Da kann ein Haufen kleiner Steine auf dem Weg liegen. Die Hürden sind alle überwindbar, aber man muss viel Mühe und Geduld aufbringen.»  

Mit den Problemen der Kleinbürokratie hat die Kanzlei weniger zu tun, vielmehr berät sie Unternehmen über die rechtlichen Voraussetzungen bei Geschäftseinstieg im Land. Dazu gehören unter anderem das Steuerrecht, die niederlassungs- und gesellschaftsrechtlichen Aspekte bei Investitionen, die wichtigsten Rechtsformen für ausländische Unternehmen, Formalitäten beim Gründungsverfahren, der gewerbliche Rechtsschutz sowie das Arbeitsrecht in Chile. Im Fall von Energieerzeugern kommen die Gegebenheiten auf dem komplexen Strommarkt hinzu.   

Die vor zwei Jahren verabschiedete Steuerreform, die stufenweise in Kraft tritt, hat der Kanzlei viel Arbeit beschert. Dennoch hält der Anwalt gar nichts von ihr. Er meint, dass sie ihre Ziele verfehlt habe. Die gewünschte Erhöhung der Steuereinnahmen sei noch nicht erreicht worden. «Die einzigen, die mit der Steuererhöhung Gewinne machen, sind die Anwälte und die Banken», meint Guijón sarkastisch. Er weiß wovon er spricht, denn er hat mehr Arbeit als zuvor.

Dennoch will er es sich nicht nehmen lassen, in diesem Jahr noch mit Freunden für eine Woche auf eine Kanu-Tour zu gehen. «Ich bin leidenschaftlicher Kanu-Wildwasserfahrer. Leider wird das immer weniger wegen der Familie», erzählt er und kommt bei dem Thema immer mehr in Fahrt. Chile sei weltberühmt unter den Wildwasser-Fans. Der Futaleufú sei einer der berühmtesten Flüsse der Welt für diesen Sport. Und Pucón sei zum regelrechten Wildwasser-Mekka geworden.

Ein Ziel für die Tour könnte der Río-Claro-Fluss der berühmten Siete Tasas in der Maule-Region werden. «Oberhalb der Siete Tasas ist die Landschaft fantastisch, und es kommen kaum Menschen hin. Der Fluss ist vom Ufer her kaum einzusehen, und es gibt dort 22 kleine Wasserfälle und Steinrutschen», schwärmt er. Die Naturerlebnisse seien überwältigend. Er habe beim Kanufahren schon Pudus, Wildkatzen, Wildschweine und Wiesel gesehen.

«Ich versuche, einmal im Jahr solch eine Kanu-Reise zu machen. Wie früher packen wir das Zelt und eine Kiste Bier ins Auto. Dann gehen wir doch in cabañas (Hütten), wenn es welche gibt. Aber Zelten ist immer noch schön», so der 42-Jährige.

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