40 Jahre Seelsorge und Gemeindearbeit

Pfarrer Kurt Gysel geht in den Ruhestand

Pastor Kurt Gysel
Pfarrer Kurt Gysel: «Wir werden weiterhin ein offenes Haus haben.»

 

Von Walter Krumbach

Am 7. Januar 1977 betrat er zum ersten Mal mit seiner Frau Birgit chilenischen Boden. In der Tasche hatte er einen dreijährigen Vertrag mit der Erlösergemeinde. Dieser wurde ihm später verlängert und mittlerweile sind seit seinem Amtsantritt in Santiago 40 Jahre verstrichen. Beruflich ein eindeutiger Erfolg, obwohl Pfarrer Gysel – dessen herausragendstes Merkmal seine Bescheidenheit ist – diese Formulierung wahrscheinlich irritieren würde. Er hat im Januar dieses Jahres in einem Gemeindebrief seine Berufung als «bedingungslose Bereitschaft zum Dienst» definiert. In wenigen Monaten, am 30. Juni, geht er nun in Pension, bleibt jedoch der Gemeinde weiterhin verbunden. Ein bedeutsamer Grund, um mit ihm ein Gespräch zu führen.

 

Cóndor: Wie kam es zu deiner Berufsentscheidung, Pfarrer zu werden?

Kurt Gysel: In der Familie wurde der geistliche Aspekt, der Glaube, sehr gepflegt. Mein Vater war Pastor und Prediger; drei Onkel und mein Opa ebenfalls. Das Umfeld, in dem man aufwächst, ist davon geprägt. Es war also kein fremder Gedanke, aber von unserer Familie bin ich der Einzige, der dann auch Theologie studiert hat, obwohl meine Schwester in der Heilsarmee gearbeitet und dort eine zweijährige Offiziersausbildung absolviert hat.

 

Weshalb bist Du damals ins Ausland gegangen und warum fiel die Entscheidung auf Chile?  

In der Familie war die Offenheit für das Ausland immer da. Meine Frau Birgit ist in Deutschland in der evangelischen Sankt-Matthäus-Gemeinde in Bremen aufgewachsen, wo es auch viele Missionare gab, die ins Ausland gegangen sind. Wir haben in unseren Hochzeitsferien zum ersten Mal darüber gesprochen, dass wir vielleicht nach Chile gehen könnten, denn hier wurden Pfarrer gesucht. Erwin Ramdohr und Julio Lajtonyi waren in Europa gewesen, um sich nach neuen Kräften umzusehen. Erwin Ramdohr war für mich der erste konkrete Kontakt, als er uns in Basel besuchte.

 

Hattet Ihr denn keine Furcht vor dem fremden Land?

Wir waren ja beide sehr jung, da hat man noch keine Furcht. Da geht man unbeschwert in die weite Welt hinaus. Für die Eltern war das Ziehenlassen der Kinder viel schwerer als für die Kinder das Wegziehen, denn die Kinder haben das Leben vor sich, die Eltern haben einen Prozess hinter sich. Es war für meine Mutter schrecklich. Es gab bittere Tränen, als wir uns verabschiedeten, aber für uns war die Zukunft offen.

 

Deine Bestimmung war und ist heute noch die Erlösergemeinde?

Genau. Im Januar sind wir 40 Jahre in der Gemeinde – ein biblischer Zeitraum (schmunzelt).

 

40 Jahre ist ein enormer Zeitraum im Leben eines Menschen. Wie ist deine Bilanz?

Wir beide sind als völlige Grünschnäbel hierhergekommen, und die Gemeinde brauchte viel Geduld mit uns. Ich hatte zwar schon an vielen Aktivitäten der Kirche in der Schweiz teilgenommen, aber es fehlte mir an Erfahrung in der Gemeindearbeit. Wir kamen sozusagen von der Schulbank in die Gesellschaft hier hinein. Wir waren das Studentenleben gewöhnt und hatten jetzt plötzlich mit Akademikern und erfolgreichen Unternehmern zu tun. Das war ein starker Wechsel, eine Herausforderung.

40 Jahre ist eine sehr lange Zeit, und es wäre nicht möglich gewesen, wenn wir in derselben Gemeinde nicht drei Kollegen gewesen wären, sodass die Gemeinde sich nicht völlig auf einen Kollegen einpendelt, sondern auch immer die Möglichkeit hatte, auch andere zu hören.

Ich war 16-einhalb Jahre Bischof der Kirche, und dadurch hatte ich auch einen anderen Horizont gewinnen können. Ich bin viel im Land und in Lateinamerika gereist. Das war auch eine Hilfe, dass ich überhaupt 40 Jahre an einer Stelle bleiben konnte.

 

Wo hast du bei der Bischofsarbeit den Akzent gesetzt?

Ich bin persönlich ein sehr strukturierter Mensch, kann aber nicht langfristige Projekte entwerfen oder planen. Es war für mich sehr stark ein Begleiten der Gemeinden; immer da zu sein, in schwierigen Situationen zu beraten, zu unterstützen. Ich habe aber in der Zeit die Gemeindearbeit in Santiago voll weiter gemacht.  

 

Wie würdest du die deutsch-chilenischen evangelischen Gemeinden mit denjenigen vergleichen, die Du in Europa kennengelernt hast?  

Das fällt mir inzwischen schon schwer, denn wenn man 40 Jahre weg ist, dann weiß man es nicht mehr. Es ist zu lange her und es hat sich sehr viel verändert. Viele Gemeinden in Europa sind stark durch Entwicklungen in den USA geprägt. Dort gibt es große Gemeinden, die weltweit wirken. Es gibt eine wichtige Gemeinde in Chicago (Willow Creek), dann gibt es eine Bewegung, die sich in Chile «La Viña» nennt. Das sind prägende, internationale Gemeinden, die auch in Europa einen großen Einfluss ausüben. Die Musik ist zum Beispiel völlig anders geworden. Man kann sich etwa nicht vorstellen, dass in großen Freikirchen mit hunderten von Gottesdienstteilnehmern die Orgel spielt. Da spielt die Band. Das ist übrigens in Chile inzwischen auch schon so. In der Musik gibt es sicher einen großen Unterschied, obschon in einer Landeskirche in Europa immer noch die Orgel gespielt wird.

 

Vor einiger Zeit sind in der Erlösergemeinde die spanischen Gesangbücher erneuert worden. Danach gab es einige Reaktionen, sowohl positiver als auch negativer Art. Wie kam es zur Entscheidung, welches Gesangsbuch gekauft werden sollte?

Das war ein längerer Prozess. Wir mussten die alten Gesangbücher erneuern, weil sie nicht mehr in gutem Zustand waren, und uns umschauen, was es auf dem Markt gab. Wir wussten von diesem neuen Buch, aber wenn man es nachher in den Händen hält und daraus Lieder für den Gottesdienst aussuchen muss, dann merkt man sehr bald, dass es doch ein völlig anderes Liedgut ist. Aus dem Grund haben wir dann beschlossen, von einem kleinen Stammteil des alten Buches Fotokopien zu machen, damit wir wenigstens einige weiterhin im Gottesdienst verwenden können.

 

In diesem Jahr feiert die Evangelische Kirche das 500-jährige Jubiläum der Reformation und genau in diesem Jahr gehst du in Pension. Wie stellst du dir die zukünftige Entwicklung der Deutschen Evangelischen Kirche in Chile nach dieser großen Feier vor?

 

Die 500-Jahrfeier hat ein bestimmtes Gewicht. Wenn man das heute verfolgt, dann möchte ich sagen, die offizielle Tendenz ist, Luther als Weltveränderer zu betonen. Ich sage: Luther wollte gar nicht die Welt verändern. Seine Absicht war, den Glauben zu verändern. Er wollte ihn zu seiner Quelle zurückführen, nämlich zu Jesus Christus. Darum hat er auch die vier «Allein» hervorgehoben: allein aus Gnade, allein aus Glauben, allein die Schrift, allein Christus. Wir sind heute manchmal ganz schön weit davon entfernt. Viele Menschen neigen wieder dazu, dass man gute Werke tun will, dass man sich anständig benehmen soll, und dann wird Gott schon ein oder vielleicht auch beide Augen zudrücken. Aber das tut Gott ja nicht um der Werke willen, sondern er tut es um Jesu Christi willen. Das wäre mir immer wieder das große Anliegen.

 

Die Erlösergemeinde setzte sich aus Personen der deutsch-chilenischen Gemeinschaft zusammen. In den letzten Jahren hat sich das geändert. Man beobachtet, besonders im spanischsprachigen Gottesdienst, immer mehr chilenische Gesichter. Ist dieser Zulauf spontan? Wie wird sich das in Zukunft weiter entwickeln?

Manche suchen über Internet eine Alternative, oft aus dem Grund, weil ihnen viele Gemeinden zu wenig formal sind. Es geht zu wild, zu laut, zu ungeordnet zu. Anderen gefällt die Musik nicht. Sie ziehen einen ruhigen, geordneten Gottesdienst vor, der sehr strukturiert ist. Ich habe auch schon von Katholiken gehört, die etwas Geordneteres wollen und mit mehr Inhalt. Aber: für mich ist es manchmal ein Problem, wenn im spanischen Gottesdienst Leute überraschend auftauchen, kommen ein oder zwei Jahre und plötzlich sind sie wieder weg. Man weiß oft nicht, warum.  

 

Und was kommt jetzt, nach der Pensionierung?  

Wir bereiten uns auf diesen Tag schon ziemlich lange vor.

 

Du sprichst im Plural.

Genau, Birgit und ich. Wir werden nach Caleu umziehen, wo wir uns ein Häuschen bauen. Wir haben oft Bau-Bauchschmerzen, aber es geht voran, und wir hoffen, dass wir im zweiten Semester dieses Jahres dort einziehen können. Wir werden dort weiterhin ein offenes Haus haben, obwohl es zurzeit noch zu offen ist, weil wir noch keine Türen und Fenster haben.

 

Hast Du in diesem langen Zeitraum nicht Heimweh nach der Schweiz verspürt?

Heimweh eigentlich nicht. Wir sind sehr gerne in der Schweiz, aber nach 40 Jahren ist man hier zu Hause. Der Umgangston, die Umgangsregeln, wie man sich verhält, das haben wir völlig intus. Ebenso die Gesprächsthemen: Da merken wir, dass 40 Jahre vergangen sind, obschon ich mich immer sehr gut informiert habe, was in der Schweiz läuft.

 

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute zur Pensionierung!

        

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