«Jeden Tag ein Wunder»

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Etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung hat Probleme Kinder zu bekommen. Auch Chile ist da keine Ausnahme. Der deutsch-chilenische Gynäkologe Juan Enrique Schwarze hat sich auf Reproduktionsmedizin spezialisiert und hilft Paaren in seiner Klinik Monteblanco bei der Erfüllung des Kinderwunsches.

Von Petra Wilken

Woran liegt es, dass bei zehn von hundert Paaren die ersehnte Schwangerschaft auf sich warten lässt? Nach Ansicht von Juan Enrique Schwarze vor allem daran, dass der Kinderwunsch altersmäßig nach hinten verschoben wird. So wie schon seit Längerem in den Industrienationen wollen auch hier viele Frauen zunächst studieren, arbeiten und sich fortbilden. Kinder zu bekommen steht oft erst ab Mitte 30 auf dem Plan.

Ab 35 jedoch sind die biologischen Voraussetzungen nicht mehr optimal, und die Chance schwanger zu werden, wird immer geringer. Laut Schwarze liegt das ideale biologische Alter zum Kinderkriegen zwischen 20 und 25 Jahren. Danach nimmt die Fruchtbarkeit der Frauen bereits sukzessive ab.

Auch die in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gesunkene Geburtenrate in Chile ist ein Indiz für diese gesellschaftliche Tendenz. Wenn es noch vor einer Generation – vor allem auf dem Land – nicht ungewöhnlich war, dass eine Frau zehn oder mehr Kinder bekam, so ist das heute die Ausnahme. Inzwischen liegt der Durchschnitt in Chile bei 1,8 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter. Zum Vergleich: in Deutschland bekommen die Frauen im Durchschnitt 1,4 Kinder und waren damit 2015 vor Japan das Schlusslicht im internationalen Ranking der Geburten.    

Die künstliche Befruchtung wird diese Tendenzen sicherlich kaum umkehren, aber sie kann Paaren helfen, die Probleme haben. So werden in Deutschland heute zwei von hundert Kindern mit Hilfe der Reproduktionsmedizin gezeugt. Das sind im Durchschnitt rund 12.800 Kinder pro Jahr. Die hohe Zahl erstaunt, da das deutsche Embryonenschutzgesetz als restriktiv gilt und die gesetzliche Lage in vielen Ländern bedeutend liberaler ist.

In Chile ist die Situation faktisch mit den USA zu vergleichen, wo mehr Fortpflanzungstechniken möglich sind. Das erste chilenische «Retortenbaby» wurde bereits 1984 geboren und hat heute schon ein eigenes Kind, berichtet Schwarze. Nach seinen Angaben liegt die Zahl der Geburten mittels künstlicher Befruchtung heute bei etwa 800 im Jahr. In Santiago werden entsprechende Programme in fünf Kliniken angeboten, in den Regionen gibt es drei weitere.   

Seit den Anfängen hat sich die Reproduktionsmedizin stark entwickelt und entfacht aufgrund der vielfachen technischen Möglichkeiten immer wieder ethische Diskussionen. Für  Juan Enrique Schwarze steht jedoch die helfende Unterstützung für Paare mit Zeugungsschwierigkeiten sowie auch für alleinstehende Frauen im Vordergrund. «Ich sehe jeden Tag ein Wunder. Wenn ein Embryo einen Herzschlag hat, dann ist das wunderbar. Viele Paare warten sehr lange darauf, Kinder zu bekommen. Manche haben schon drei oder fünf Jahre gewartet, bevor sie sich für die künstliche Befruchtung entscheiden.»

Die Paare, die in die Klinik Monteblanco kommen, kennen ihre Diagnose bereits. Zu je einem Drittel haben der Mann und die Frau Probleme mit der Fruchtbarkeit, beim restlichen Drittel liegt es an beiden zusammen. Bei der In-Vitro-Fertilisation werden die Eizellen der Frau mit den Samen des Mannes in einer Petrischale zusammengeführt. Nach mehreren Tagen werden die befruchteten Eier in die Gebärmutter der Frau gepflanzt. «Nach einem Monat weiß man, ob die Frau schwanger ist», erklärt der Mediziner. «Die Erfolgsquote liegt bei jüngeren Frauen bei 60 Prozent, bei älteren Frauen bei 40 Prozent».

Aus praktisch jeder dritten Schwangerschaft gehen Zwillinge hervor. «Unsere Patienten akzeptieren dieses Risiko. Sie haben schon so lange auf Kinder gewartet. Wenn dann zwei kommen, sind sie froh», so Juan Enrique Schwarze. Der Mediziner, der auch auf dem Gebiet der künstlichen Befruchtung Forschung betreibt, versichert, dass die so gezeugten Kinder sich in keiner Weise von anderen Kindern unterscheiden, weder im Gewicht bei der Geburt, noch bei der intellektuellen Entwicklung.  

In der Clínica Monteblanco ist es auch möglich, dass sich Frauen mit Spendersamen befruchten lassen oder gespendete Eizellen einer anderen Frau einpflanzen lassen. Die Klinik arbeitet mit einer Samenbank in den USA zusammen, bei der sich die Spender per Katalog nach Haut- und Haarfarbe, Größe, Blutgruppe, Herkunft und Ausbildung aussuchen lassen. «Einmeterachtzig groß, helle Haut, blaue Augen und dunkle Haare ist der Prototyp bei uns», verrät Schwarze. «Die Paare, die zu mir kommen, wollen ein Kind, kein Superkind», fügt er hinzu. «Was sie suchen, ist ein Spender, der ihnen ähnlich ist.»

Wer keinen Spender aus dem Katalog möchte, kann auch seinen eigenen in die Klinik bringen. Im Fall der Spende von einem Bekannten sei schon die Gefahr gegeben, dass er sich doch irgendwann in die Belange des Kindes einmischen möchte, auch wenn er auf jegliche Rechte verzichten muss, erläutert Schwarze. Neben den männlichen Spendern gibt es auch weibliche. Es sei gar nicht so ungewöhnlich, dass eine Frau mit Kinderwunsch eine Freundin oder Bekannte um eine Spende bitte. Zudem verfügt auch die Klinik über Spenderfrauen, die gegen ein Entgelt Eizellen zur Verfügung stellen. Um zukünftige Probleme zu vermeiden, werden sowohl die Eltern als auch die Spender psychologisch betreut. 

Die meisten der Patienten von Schwarze sind heterosexuelle Paare, aber seine Klinik akzeptiert auch den Kinderwunsch von lesbischen Paaren und von alleinstehenden Frauen. Zudem ist seit Neustem das Einfrieren von Geschlechtszellen möglich. «Eine Frau mit 35 kann ihre Eizellen einfrieren lassen und sie zum Beispiel mit 38 benutzen. Dann hat sie größere Chancen, schwanger zu werden», erklärt Schwarze. Das nutzen zum Beispiel Frauen, weil sie noch keinen Partner gefunden haben, mit dem sie ein Kind großziehen möchten.

Auch Juan Enrique Schwarze selbst hat spät die Frau gefunden, mit der er Kinder haben wollte. Dabei kannte er sie schon aus Kindertagen – sie gingen beide auf die Deutsche Schule Santiago. Seine Familie stammte aus Vallenar, da sein Großvater, der als Bergbauingenieur in den 1940er Jahren aus Deutschland nach Chile kam, überall im Norden gearbeitet hat. Sein Vater war Arzt und kam mit seiner Familie zur Fachausbildung in Frauenheilkunde nach Santiago, als Juan Enrique vier Jahre alt war.

Während der Schulzeit warf er ein Auge auf Vanessa Taito, hat aber niemals mit ihr gesprochen. «Sie war umschwärmt und ich war Nerd», sagt Schwarze. 18 Jahre nach Ende der Schulzeit trafen sie sich dank Facebook wieder. Schwarze hatte da gerade seine umfangreichen Studien abgeschlossen: Medizin im Fachbereich Frauenheilkunde an der Universidad de Chile, Reproduktionsmedizin in Philadelphia an der University of Pennsylvania und einen Master in Epidemiologie an der Universidad de los Andes.

Die beiden Söhne von Juan Enrique und Vanessa sind heute acht und drei Jahre alt. Seinen Patienten vermittelt Schwarze gerne, wie groß seine Erfüllung war, als er gegen Ende 30 eine Familie gründete. «Dabei zu helfen, ein Kind zu bekommen, ist toll», sagt er. Seit der Gründung der Klinik Monteblanco vor vier Jahren sind dort mehr als 1.000 Kinder gezeugt worden.

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