«Ich habe immer viel beobachtet, ich liebe die Ästhetik»

Der  Cóndor lernte diese kunstbezogene Frau auf  einer Vernissage  in Puerto Varas kennen.

Cóndor: Sie erzählten mir, dass Sie in Punta Arenas leben, aber der Ursprung in Valdivia liegt. Weshalb kam die Familie in  die Hauptstadt der XII. Region?

Marisol Rimenschneider: Meine Eltern und Großeltern sind aus Valdivia. Wir Kinder und Enkel kommen aus Magallanes. Mein Vater musste wie jeder junge Mann im Jahr 1959 seinen Militärdienst machen, was er in Punta Arenas tat. Meine Mutter, die ebenfalls aus Valdivia stammt, kam 1960 zwei Monate vor dem schweren Erdbeben nach Punta Arenas. Sie reiste für zwei Wochen hin, meine Eltern lernten sich kennen, haben geheiratet und sind nie in ihre Heimat zurückgekehrt. Hier sind wir, drei Kinder und vier Enkel, geboren.

Wissen Sie, ob Sie mit dem großen deutschen Holzschnitzer Tilman Riemenschneider verwandt sind?

Es ist sehr schwer, das mit Sicherheit festzustellen. Als Mädchen habe ich davon erfahren, daß wir den Namen eines großen deutschen Bildhauers tragen, der im Zeitraum zwischen der Gotik und der Rennaisance gelebt hat.

Die Geschichte von Tilman Riemenschneider ist sehr interessant. So viel ich weiß hat er viermal geheiratet und hat verschiedene Kinder gehabt, die anscheinend seine künstlerischen Gaben geerbt haben. Er hat hauptsächlich in Würzburg gearbeitet. Es heißt, dass er eingekerkert wurde, weil er den Bauern während einer Revolte beigestanden hat. Dabei wurde er gefoltert, weshalb er danach nicht mehr mit seinen Händen arbeiten konnte.  Er verlor sein Vermögen und verbrachte seinen Lebensabend völlig zurückgezogen.

Wiederholt haben mich bildende Künstler darauf aufmerksam gemacht, daß ich den Namen dieses großen Holzschnitzers trage. Der Bildhauer Mario  Irarrázabal war sogar so großzügig, mir ein sehr altes Buch über das Leben Tilman Riemenschneiders zu schenken. Ich bewahre es wie einen Schatz auf!

 

Was hat Ihr Interesse an der Kunst ausgelöst?

Interesse an der Kunst besitze ich, seit ich im Bewusstsein lebe, daß ich von Schönheit umgeben bin. Ich habe immer viel beobachtet, ich liebe die Ästhetik, alles gefällt mir. Und da ich glücklicherweise in Punta Arenas geboren wurde, hatte ich immer die Möglichkeit, die Helligkeit zu sehen, diesen unglaublichen Farbenreichtum des Himmels…

Als Mädchen habe ich es genossen, wenn die Stadt beschneit war. Das ist ein schönes Schauspiel. Ebenso beobachtete ich die Bäume auf dem Feld, die sich im Wind neigten und von Weitem wie Denkmäler aussahen. In Valdivia hatte ich auch das Glück, als wir unsere Großeltern besuchten, viel Schönheit in der Natur zu beobachten, wie zum Beispiel die Sternennächte.  Ich erinnere mich, nachts an der Hand des Grossvaters spazieren gegangen zu sein und ihn nach den Namen der Sterne und bis wo der Himmel reicht gefragt zu haben. Er blieb stehen, schaute nach oben und sagte mit großer Leidenschaft: «Uff, das ist unermesslich!» So habe ich verstanden, dass es keine Grenzen gibt und dass wir etwas Einzigartiges beobachteten.

Ich genoss es auch, wenn mein Großvater Akkordeon und wie eine meiner Tanten auf dem Land Klavier spielte. Ich war allerdings noch zu klein, um zu begreifen, dass diese Situationen mein Interesse an der Kunst erweckten. Als Mädchen habe ich mich eindeutig mit der Kunst verbunden. aber als teil der Schöpfung des Men

 

Was hat Ihnen innerhalb der Kunst die größte Genugtuung bereitet?

Eine sehr, sehr schwere Frage. Ich liebe nämlich so viel  in der Kunst.

Als ich in Madrid das Museo del Prado besuchte, habe ich vor Rührung und Bewunderung geweint, als ich diese unglaublichen Werke von Velásquez, Goya und Bosch sah.

In London hatte ich Gelegenheit, die Galerie des berühmten Millionärs Charles Saatchi zu besuchen. An dem Tag war eine zeitgenössische Ausstellung geöffnet. Ich war wieder betroffen. Die Endorphine machten mir den Kopf schwindelig – die Kreativiät, die Neuartigkeit der Kunstwerke hatten es mir angetan.

Andererseits hatte ich auch große Genugtuungen, als ich in Punta Arenas Kunst- und Kulturprojekte im Fernsehen durchgeführt habe. Eines bestand darin, Persönlichkeiten der regionalen Kunst- und Kulturwelt zu interviewen. Das war meine beste Lehre.

Später war ich an einem anderen Fernsehprojekt beteiligt, wo die Protagonisten gewöhnliche Personen waren, die aber die Erfahrung, das Wissen und die Sensibilität hatten, um ihre Kunst und ihre Kultur  weiterzugeben.

Weitere große Genugtuungen bereiteten mir die Ausstellungen des Museo Nacional de Bellas Artes ( MNBA), das uns glücklicherweise, dank des offenen Verstands von Leuten wie Milan Ivelic, dem einstigen Leiter des MNBA, ermöglichte, Ausstellungen des einzigartigen Dreams-Museum zu haben, wie die Gravierungen von Nemesio Antúnez und die Skulpturen von Alejandro Reid.

Zum 100. Geburtstag von Roberto Matta hatten wir Werke, die noch nie auf dem amerikanischen Kontinent gezeigt worden waren, wie Mattas Illustrationen aus den 1960er Jahren der Gedichte von Joyce Mansour, einem surrealistischen Dichter, oder die Gravierungen der Stiftung FUNIBER von Dalí und Goya, die in den Hotels Dreams Punta Arenas und Dreams Puerto Varas gezeigt werden konnten.

 

Was ist Ihnen bisher in Ihrem beruflichen Leben am schwersten gefallen?

Ohne Zweifel meine Arbeit als Kunst- und Kultur-Managerin und -Produzentin in den Hotels Casino Dreams. Zu Beginn war es schwierig den Leuten, dem Publikum und den Künstlern glaubhaft zu machen, dass in diesen Casinos tatsächlich eine Möglichkeit bestand, der Kultur und der Kunst einen Platz einzuräumen – eine Initiative, die von Claudio Fischer, dem Vorstandsvorsitzenden von Dreams und Jaime Wilhelm, dem Geschäftsführer kam. Wir begannen am Tag der Einweihung des Casinos in Punta Arenas, am 13. März 2009, mit einem gewagten Vorschlag: Wir zeigten das Flugzeug «Saturno», des Helden der chilenischen Luftfahrt Franco Bianco aus Magallanes, der zum ersten Mal 1936 in diesem offenen Flugzeug die Strecke Punta Arenas, -Puerto Montt, -Santiago flog. Es war kompliziert, denn «Saturno» befindet sich im Fliegermuseum von Santiago. Es musste in einem Hercules der Luftwaffe transportiert werden, um es anschließend ins Hotel Dreams von Punta Arenas zu verfrachten, in dem Fensterscheiben und Säulen abgebaut werden mussten. Man hat es zum Erstaunen aller in der Lobby aufgestellt. Später konnten wir einen schönen Festakt veranstalten, in dem wir diesen Helden ehrten, der seinerzeit in Anerkennung seiner Tat den Harmon-Preis erhielt, der in Frankreich in Friedenszeiten den großen Fliegern der Welt überreicht wird.

 

Bearbeiten Sie gegenwärtig ein Projekt, das Sie besonders begeistert?

Zum Glück verschiedene! Es interessiert mich, Dinge mit Forschern wie Sir Ernest Shackleton und dem deutschen Piloten Gunther Plüschow, der als  erster Patagonien beflogen hat, zu realisieren.

Ich arbeite gegenwärtig mit dem Naturwissenschaftlichen Museum von London zusammen. Im Jahr 2011 habe ich diese außerordentliche Stadt besucht, wo ich Andy Currant, den Kurator der Paläontologischen Abteilung, aufgesucht habe. Dabei habe ich die Überbleibsel der Milodón-Höhle in Última Esperanza einsehen können, das sind 14.000 Jahre alte Überreste. Nach langen Verhandlungen hat das Londoner Museum uns genehmigt, diese für die Region Magallanes so bedeutende Überbleibsel im Dreams Punta Arenas zeigen zu dürfen. Das wird ein einzigartiges Kulturereignis für unsere Region und für Chile sein.

 

 Marisol, wenn Sie noch etwas Persönliches hinzufügen möchten, bitte sehr.

Ich möchte lediglich für dieses Gespräch danken und der angesehenen Zeitung Cóndor zum 75. Geburtstag gratulieren, der majestätisch zu seinen zahlreichen Lesern fliegt, um sie zu informieren und ihnen Kultur zu überbringen. Einen herzlichen Glückwunsch!

 

Vielen Dank!

 

Von Ralph Delaval/Walter Krumbach

 

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