Heidi Rathke: die gute Seele des DCBs

Der DCB bietet heute Dienstleistungen für jede Altersgruppe
Heidi Rathke: Der Deutsch-Chilenische Bund bietet heute Dienstleistungen für jede Altersgruppe.

 

Von Walter Krumbach

Sie ist die gute Seele des Deutsch-Chilenischen Bundes, die mit den Mitgliedern einen direkten Kontakt pflegt, um ihnen mit Ratschlägen verschiedenster Art beizustehen, aber auch um weniger erfreuliche Dinge zu besprechen, etwa wenn jemand vergessen hat, seine Beiträge zeitig zu begleichen. Darüber hinaus trifft man sie bei den abendlichen Veranstaltungen des DCBs. Oft übernimmt sie sogar bei Konzerten oder Gemäldeausstellungseinweihungen die Vorstellung der Künstler. Heidi Rathke ist immer da, wenn etwas über die Bühne läuft. Sie gehört eben zum DCB wie die Schlagsahne zum Apfelkuchen.   

Heidi Rathke kam in Santiago zur Welt. Drei Jahre später zog ihre Familie nach San Felipe, wo sie eine Klosterschule besuchte. Heidi war noch ein Kind, als die politische Lage sich zuspitzte. Da der Vater deutscher Staatsbürger war, entschied die Familie sich dafür, auszuwandern und sich in der Bundesrepublik niederzulassen.

In Augsburg arbeitete der Vater in einer Kugellagerfabrik. Heidi machte dort nach ihrem Schulabschluss das Abitur, ließ sich ausbilden und stieg in das Berufsleben ein.

Als es zur Gründung einer Familie kam, sollte die Freude nur kurz währen. Heidi Rathkes Bräutigam erkrankte derart ernsthaft, dass das Paar eine Nottrauung vollziehen ließ. Vierzehn Tage später starb ihr Mann, von dem sie jedoch posthum ein Kind bekommen konnte.

Sie arbeitete damals als Steuerberaterin, eine Beschäftigung, der sie zusammen mit einem Geschäftspartner nachging. Eines Tages, vier Jahre nach Sohn Jasons Geburt, tat der Kollege ihr überdeutlich seine Meinung über die bevorstehenden Änderungen der wirtschaftlichen Lage kund: «Heidi, hier wird’s mies werden. Ich möchte meinen Teil verkaufen. Es kommt der Wechsel zum Euro, auch mit der Politik wird’s schlechter und ich möchte kein Risiko eingehen.»

Die Prognosen beunruhigten Heidi Rathke, weshalb sie eine Reise nach Chile unternahm, um sich in ihrer Heimat den Arbeitsmarkt anzuschauen. Dieser entsprach ihren Vorstellungen, worauf sie und ihre Eltern endgültig nach Südamerika zurückkehrten.

Ihren ersten Arbeitsplatz hatte sie in der Stadtmitte Santiagos, bewarb sich jedoch gleichzeitig bei deutschen Firmen und der Deutschen Schule. Sie hatte Glück, denn schon bald danach konnte sie eine Stellung als Inspektorin an der Schule antreten, die sie zehn Jahre innehaben sollte. «Das war für mich ein neues Gebiet», erinnert sie sich, «ich musste die deutsche Erziehung, die ich genossen hatte, auf die chilenische Erziehungsweise modifizieren. Das hat mich am Anfang einiges gekostet, weil es einen anderen Rhythmus hatte und die Menschen andere Ansichten hatten, als diejenigen, die ich von Deutschland gewohnt war. Aber mit der Zeit habe ich mich gut einleben können».

 

«Wir haben dich doch bloß ärgern wollen»

Wenn sie heute Schüler aus der damaligen Zeit trifft, «erinnern wir uns an die Feiern, die wir an der Schule hatten, aber auch an die Suspensionen. Obwohl es damals nicht so gezeigt worden ist, glaube ich, dass wir eine tolle Beziehung miteinander hatten. Viele sagen mir jetzt, Heidi, wir haben dich doch bloß ärgern wollen». Später ging sie zur Verwaltung über, wo sie drei Jahre arbeitete. Ihr Gebiet waren Einkäufe und Veranstaltungen.

Ihr nächster Arbeitsplatz war ein deutsches Unternehmen, das den Bergbau mit Kugellagern belieferte. Durch Kontakte, die sie währen der langen Zeit an der Deutschen Schule geknüpft hatte, kam sie schließlich an den DCB, wo sie mit einer Vertretung einer Mitarbeiterin, die in Mutterschutz ging, ihren Einstand hatte.

Die erste größere Aufgabe, die sie in Angriff nahm, war die Datenbank aufzuarbeiten. Der direkte Umgang mit den Mitgliedern erwies sich jedoch als die ständige Tätigkeit schlechthin. So berät sie diese nicht selten, wenn sie etwa eine Anzeige im Cóndor aufgeben wollen, oder wenn Rentner komplizierte Formulare ausfüllen müssen. Ebenso übernimmt sie die Verhandlungen mit Personen, die aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ihren Beitrag nicht voll bezahlen können. DCB-Mitglieder wissen aus Erfahrung, dass sie in Heidi Rathke eine verständnisvolle Gesprächspartnerin haben, mit der es immer möglich ist, eine Lösung zu finden.

Fast vier Jahre ist sie jetzt beim DCB. In dieser Zeit hat sie «praktisch alle Mitglieder kennengelernt», was das Verhältnis zu ihnen und die Zusammenarbeit mit ihnen in großem Maße erleichtert.

Mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe nicht genug, ist Heidi Rathke außerdem im Kulturbereich beschäftigt. Dieses ist bekanntlich eines der Spezialgebiete des Bundes. Seine Gemäldeausstellungen und Konzerte, sowie die Vorträge, welche Experten in seinen Räumlichkeiten halten, werden nicht nur von den Mitgliedern, sondern von einem breiten Kennerpublikum geschätzt. Hierbei ist sie besonders darum bemüht, «die Mitglieder mit den Aktivitäten, die wir ihnen anbieten, zufriedenzustellen».

Dabei muss eine sorgfältige Auswahl getroffen werden: Wenn ein Produzent dem DCB etwa ein Heavy-Metal-Konzert anbieten würde, so wäre ihm mit Sicherheit kein Erfolg beschieden, da die Musikinteressen seiner Zielgruppe eher in Richtung Klassik zu finden sind. Was nicht heißt, dass die Programmgestaltung am Ende des 19. Jahrhunderts Halt macht. Moderne Tendenzen und Gegenwartskomponisten werden oft gespielt, ebenso kommen unorthodoxe Instrumente wie die elektrische Bassgitarre zum Einsatz.

Bei den Filmabenden, die der DCB in Zusammenarbeit mit Isabel Mardones und Alexander Schultheis vom Goethe-Institut organisiert, hatte Heidi Rathke anfangs ihre Zweifel. Kurzentschlossen fragte sie einige Personen aus dem Publikum nach ihren Vorlieben. Die Rückkopplung kam sofort: Es fielen Namen wie Heinz Rühmann und Theo Lingen, sowie Titel wie «Die Feuerzangenbowle» und «Die drei von der Tankstelle». Seitdem laufen in den DCB-Filmzyklen bevorzugt deutsche Klassiker.

 

Deutsche Traditionen leben auf

Vor drei Jahren kam das Anliegen, deutsche Traditionen aufleben zu lassen. Die DCB-Leitung reagierte umgehend, indem sie den Frühschoppen ins Leben rief. Dieser findet aller paar Wochen samstags ab 13 Uhr statt. Die Teilnehmer erfreuen sich jedes Mal nicht nur an gegrillten Würstchen und kühlem Bier, sondern auch an ausgesuchter Begleitmusik und natürlich angeregten Gesprächen. Diese Treffen bewirkten außerdem, dass in zunehmendem Maße junges Volk den DCB aufsuchte. Damit war ein großer, lang erwarteter Schritt getan, um die Mitgliedschaft zu erneuern, was dem Verein hochwillkommen war, da der Altersdurchschnitt der Teilnehmer sich in den letzten Jahrzehnten besorgniserregend erhöht hatte.

Diese Entwicklung fördert die DCB-Mitarbeiterschaft gezielt: «Unser festes Publikum unter den Jüngeren stammt aus den Burschenschaften und aus dem Sommerlager», hat Heidi Rathke festgestellt, «die bringen dann Freunde und Bekannte mit, von denen einige sich als Mitglieder angemeldet haben. Als ich anfing, war der Altersdurchschnitt 71, jetzt sind wir auf 61».

Allerdings «ist damit eine sehr schwierige Arbeit verbunden», kräuselt sie die Stirn, «weil die Jungen immer eine Gegenleistung haben wollen». Erfreulicherweise hat der DCB für jede Altersgruppe eine Antwort parat. Das beginnt schon bei den Kleinsten, für die aller paar Wochen der Märchenkreis stattfindet; Schüler und Studenten können Deutschkurse wahrnehmen und für die Erwachsenen ist das Angebot denkbar breitgefächert.

In ihrer Freizeit liebt Heidi Rathke es, zu nähen oder zu stricken. Ebenso hört sie gerne Oldies, Schlagermusik aus vergangenen Zeiten. Auch für Klassik hat sie ein waches Ohr: «Wenn die Solisten kommen und proben, dann fließt meine Arbeit von der Hand wie selten».

Ihr Verhältnis zur Arbeit ist beneidenswert: «Ich bin hier glücklich», sagt sie dazu, ohne lange nachzudenken, «wenn man mich braucht und wo man mich braucht, da bin ich». Und ihr Familienleben fasst sie mit dem lakonisch-unzweideutigen Satz zusammen: «Ich habe alles.».

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