Sachlich, offen und mit einem Augenzwinkern

Cóndor-Porträt Hans Behrend

Hans Behrend
Hans Behrend trat 1965 erstmals an der Deutschen Schule Valdivia eine Stelle als Lehrer an. Später zog es den Deutschen in Chiles V. Region.

Ein Porträt ist nicht leichtfertig zu verfassen. Was schreibt man auf, was verschweigt man besser, wie stellt man eine Person, oder in unserem Fall eine Persönlichkeit dar, die auf ein ganzes langes Leben zurückblickt und presst das dann auf eine knappe Seite Text? Generell kein leichtes Unterfangen, bei Hans Behrend noch ein bisschen schwieriger.

Von Thomas Magosch

Naturgemäß setzt der Portraitierte eigene Schwerpunkte im Gespräch. Hans Behrend erzählt zuerst von seiner frühen Jugend. Erzogen in einer kinderreichen und christlichen Familie wurde er mit 13 Jahren im Zuge der sogenannten Kinderlandverschickung unter den Nationalsozialisten mit der gesamten Schule wegen der starken Bombardierung seiner Geburtsstadt Dortmund evakuiert. Zweieinhalb Jahre waren die Schüler in Wildbad Kreuth/Bayern ohne ihre Eltern untergebracht.

In den letzten zwei Monaten des Krieges gab es eine militärische Unterweisung in der Handhabung von Karabinern, Pistolen und Panzerfäusten. Und hier wird schnell klar, was Hans Behrend von der schulischen Ausbildung im Dritten Reich hält und hielt. Ein wichtiger Punkt in seiner Biografie, trägt es doch direkt dazu bei, was für einen Beruf er ergreifen wird. «Ich werde Lehrer!», war die für ihn logische Schlussfolgerung. Man kann sich Hans Behrend als jemanden vorstellen, der, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dieses auch erreichen will und wird. Nicht rücksichtslos, gar nicht, aber durchaus ein bisschen dickschädelig.

In Osnabrück studiert er Grundschullehramt, seine erste Stelle ist die Altstadtschule in Meppen. Drei Jahre später kommt eine junge Sportlehrerin an die Schule und der Rektor bittet Behrend, sich um die junge Kollegin zu kümmern. «Die ist so jung, die braucht einen Mentor.» Eineinhalb Jahre später heiraten die beiden. Sie sind bis heute glücklich zusammen. «Und der Mentor bin ich noch immer», fügt Hans Behrend augenzwinkernd hinzu. Das Augenzwinkern ist sehr wichtig in Gesprächen mit Hans Behrend. Seine Klugheit, seine Erfahrung, sein Wissen lockert er gerne etwas auf, ironisiert es vielleicht, ohne es ins Lächerliche zu ziehen.

Über seine Frau Helga gab es auch die ersten Kontakte nach Chile. Sie hatte in ihrem Studium eine chilenische Sportlehrerkommission kennengelernt, und als das junge Paar nun vor der Frage stand ins Ausland zu gehen, war Chile die erste Wahl.

Das «Rausgehen», sagt Hans Behrend, sei in seiner Familie schon immer stark gewesen. So zog es beispielsweise seine älteste Schwester nach dem Krieg nach Schweden, die jüngste ging nach Südafrika. Und jetzt kommt ein wichtiger Satz, der einem vielleicht den Humor und die Art von Hans Behrendt ein bisschen näherbringt. Er sagt nämlich: «Wir waren schon immer so ein bisschen unterwegs.» Das ist klares Understatement, gepaart mit einem dicken, lustigen Augenzwinkern. Hans hält kurz inne, wie er es nach solchen Momenten oft macht, vielleicht lacht er auch ein bisschen mit, dann erzählt er weiter.

Chile also, im Jahre 1965 die erste Stelle an der Deutschen Schule Valdivia. In diesen fünf Jahren als Lehrer betreut Hans zusätzlich die deutschstämmigen zukünftigen Lehrer am LBI und gibt Unterricht fürs Goethe-Institut. Es waren fünf intensive Jahre, in dieser Zeit kommen auch die drei Kinder der Behrends zu Welt. Nach Beendigung der Dienstzeit geht es zurück nach Meppen, diesmal als Konrektor und mit einem Vorhaben: «Ich werde eines Tages wieder verschwinden».

Bis 1975 sind die Behrends in Meppen geblieben. Hans hat zusätzlich ein Realschullehramtsstudium absolviert, dann kam der Ruf nach Guayaquil in Ecuador als Direktor der Primaria und der Mittelstufe des Colegio Alemán Humboldt. Sieben Jahre bleibt die Familie in Ecuador. Und alle Anekdoten und Geschichten könnten mit dem Satz enden: «Das war eine wunderbare Zeit.» Ob das die mitreißende Geschichte über den Besuch eines Stammes der Shuar-Indios im weit abgelegenen Amazonas-Urwald ist, wohin die Behrends auf Balsa-Flößen als erste Weiße eingeladen wurden, oder die Touren im VW-Bus durch das vielfältige Tropenland.

Zum Abschluss der Dienstzeit in Ecuador überreichte man Hans für seine zusätzliche Sozialarbeit die Ehrenbürgerurkunde: Hijo predilecto de Ecuador. Nach sieben Jahren am Äquator geht es zurück nach Deutschland, aber Hans meldet gleich ans Bundesverwaltungsamt, dass er, «wenn Sie nochmal ´ne Stelle haben sollten», gerne bereit wäre, diese auch anzunehmen. Er und die ganze Familie mit ihm.

Keine zwei Jahre in Deutschland holt man ihn wegen eines Anrufs aus dem Unterricht. Frage: «Wollen Sie noch einmal nach Chile?» Hans überlegt nicht lange, sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung ebenso wenig: «Na herzlichen Glückwunsch, dann sind Sie jetzt Schulleiter von Quilpué.» Ganz so einfach war es natürlich nicht, aber es klingt gut, oder?

Manchmal habe er das Gefühl, ihm fiele das alles zu, erklärt Behrend. Und damit meint er nicht nur den Umstand, dass er ein zweites Mal nach Chile konnte, das in dieser Zeit seine Heimat wurde. Nein, damit meint er auch seine «elf wunderbaren Enkelkinder». Manchmal wirkt es so, als wolle er sich ein bisschen für sein tolles Leben entschuldigen; und manchmal wirkt es so, als könne er das selbst gar nicht so recht glauben, was ihm da alles widerfahren ist, in seinen bisher 87 Jahren.

Was ihm aber von Anfang an wichtig war im Umgang mit Menschen, mit Freunden wie Fremden sind: Offenheit, Toleranz und Sachlichkeit. Mit so einem Credo eckt man nicht nur in diesen Breiten oft an. Nicht nur in Zeiten der Diktatur Pinochets, wo man viel über Menschen und ihre «Sachlichkeit, Toleranz und Objektivität» lernen konnte. Einmal hielt Hans Behrend einen kurzen Vortrag auf einem Stiftungsfest der deutschen Burschenschaft in Viña mit diesem Titel. So etwas erforderte Mut und auch ein Pfund Kaltschnäuzigkeit. Hans Behrend ist kein Provokateur, aber er weiß, wann es Zeit ist, auf etwas Wichtiges hinzuweisen. Das hat er zeitlebens getan. Sachlich, offen und oft mit einem schelmischen Augenzwinkern.

Print Friendly

One Comment

  1. Uwe Koch Kronberg

    Deutsche Burschenschaft in Viña del Mar oder deutschsprachige chilenische Burschenschaft in Viña del Mar, wenn damit die B! Ripuaria gemeint werden soll?

Leave a Comment

Su dirección de correo no se hará público. Los campos requeridos están marcados *

*