Hamburger Jung auf großer Fahrt

Eigentlich sollte es nur ein dreiwöchiger Urlaub in Chile sein. Mittlerweile sind daraus 27 Jahre geworden. Der Hamburger Carsten von Holt gründete in Santiago nicht nur eine Schifffahrtsagentur, sondern auch eine Familie.

Ganz gleich, ob man nun an reine Zufälle glaubt oder im Gegenteil der Meinung ist, das Leben bestünde eher aus Vorsehung und Schicksal: Was ihm bei seinem dreiwöchigen Urlaub 1986 in Santiago passierte, versetzt Carsten von Holt noch heute in Erstaunen. Denn Zweck des Aufenthaltes war es gewesen, seinen Freund Daniel Necker zu besuchen, der hier bei der Unternehmensgruppe Ultramar arbeitete und heute sein Geschäftspartner ist.

Damals hatte Carsten von Holt bereits seine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann an der Berufsschule Berliner Tor in Hamburg abgeschlossen und war bei Rob. M. Sloman – mit mehr als 200 Jahren Deutschlands älteste Reederei – eingestiegen. Bei einer Gelegenheit nun in Santiago lernte er Wolf von Appen kennen, der den 24-Jährigen prompt fragte, ob er nicht bei Ultramar anfangen wolle zu arbeiten. «Ich war sprachlos und bat mir erst einmal eine Woche Bedenkzeit aus.»

Es folgten Anrufe bei den Eltern in Hamburg, das Abwägen von Für und Wider. Doch schließlich sagte er zu – wenn auch unter dem Vorbehalt, es erst einmal sechs Monate auszuprobieren. Die Reederei Rob. M. Sloman beurlaubte ihren ehemaligen Auszubildenden, die Mutter schickte ihrem Sohnemann einen Koffer mit Kleidung hinterher. So nahm diese deutsch-chilenische Geschichte ihren Anfang.

 

«Salz raus, Kohle rein»

Heute sitzt Carsten von Holt in einem Büro im siebten Stock in der Straße Nueva Costanera. Seine Firma Andes Chartering – Transportes Marítimos hat sich auf den Transport von Schüttgut – der englische Fachbegriff lautet Bulk – spezialisiert. «Salz raus, Kohle rein», fasst der Unternehmensgründer das Geschäft grob vereinfacht zusammen.

Und das läuft so: Der deutsche Konzern K+S, der 2006 den größten südamerikanischen Salzhersteller Sociedad Punta de Lobos aufkaufte, zählt zu den Kunden von Andes Chartering. Das Streusalz wird dabei von Chile über den Panama-Kanal an die Ostküste der USA gebracht, jährlich sind das summa summarum drei bis vier Millionen Tonnen. Auf dem Rückweg haben die Schiffe Kohle-Ladung an Bord, die in Kolumbien und Nordchile für thermische Kraftwerke gelöscht wird. Der Handelsumfang hier: sieben Millionen Tonnen.

Zu den weiteren Kunden zählen unter anderem der Lebensmittelbetrieb Superpollo, für den Futtermais aus Argentinien angeliefert wird. Außerdem übernimmt Andes Chartering den Transport von Kupferkonzentrat sowie Salpeter des SQM-Konzerns. Im Gegensatz zum Lübecker Unternehmen Oldendorff Carriers, der größten deutschen Massengutreederei, für die Andes Chartering die Vertretung in Chile übernommen hat, verfügt Carsten von Holts fünfköpfige Firma über keine eigenen Schiffe. Das Maklerunternehmen vermittelt vielmehr deren Befrachtung und kassiert dafür eine Kommission.

Der Schritt in die Selbstständigkeit sei ein «totaler Wahnsinn» gewesen, sagt Carsten von Holt heute, wenn er an das Gründungsjahr 1990 zurückdenkt. Bei Ultramar hätte er viele nette Kollegen gehabt, «vor allem die Eigentümer Sven und Wolf von Appen waren klasse Arbeitgeber und Joachim Neumann ein prima Chef».

Diesen sicheren Hort zu verlassen barg viele Risiken, zumal damals seine Tochter Marie-Christine geboren wurde und der junge Vater somit nicht nur finanzielle Verantwortung zu wuppen hatte. «Ehrlich gesagt dachte ich: Das kann in die Hose gehen. Und tatsächlich waren die ersten zwei, drei Jahre, in denen ich alleine gearbeitet habe, ein Kampf, in dem ich mich gerade so eben über Wasser hielt.»

 

Segeln auf dem Pazifik

Überhaupt scheint das Wasser Carsten von Holt es angetan zu haben. Der Hanseat wurde 1962 im Hamburger Stadtteil Marmstorf südlich der Elbe geboren. Sein Vater war zwar Tischlermeister und hatte eine relativ große Tischlerei, doch sein Onkel fuhr als Kapitän auf hoher See. Und diesen Traumberuf wollte der Junge auch gerne ergreifen. In der Segelschule Käpt´n Prüsse an der Außenalster lernte er, mit Hilfe der Takelage hart am Wind zu kreuzen. Sein Skipper-Können stellte er bei Segeltörns mit Eltern und seinem Bruder unter Beweis, wenn die Familie vom Jachthafen Neustadt aus auf der Ostsee schipperte.

Mittlerweile hat der Hamburger seine eigene Familie, mit der er von Papudo aus auf einem Segelboot in den Pazifik sticht. Ehefrau Marie-Lizzy ist Kinderpsychologin, zusammen mit der Deutsch-Chilenin hat Carsten von Holt drei Kinder: Der 16-jährige Sebastian geht noch auf die Deutsche Schule Santiago, Michael (20) studiert bereits Betriebswirtschaftslehre und die Tochter Marie-Christine (23) ist von Beruf Psychologin.

Das Paar lernte sich übrigens über eine gemeinsame Freundin auf einer Party kennen. Bevor Carsten von Holt nach Chile kam, hatte er nur einen kleinen Sprachkursus in Hamburg absolviert. «Es war für mich am Anfang nicht leicht, sich in Chile sprachlich einzuleben und Freunde zu finden. Die gemeinsame Bekannte sagte wohl damals zu meiner zukünftigen Frau: `Da ist ein Deutscher – kümmer dich mal um den armen Kerl. ´» Der Liebe auf den ersten Blick folgte schließlich die Hochzeit 1988 in Hamburg.

Dass er jemals wieder in seine ursprüngliche Heimat Deutschland ziehen wird, schließt Carsten von Holt so gut wie aus. Zu sehr habe er hier in Chile Wurzeln geschlagen. Die Familie besitzt ein Ferienhaus im Küstenort Cachagua, zudem eine kleine Wohnung im Skizentrum La Parva; der Hamburger ist außerdem Mitglied im Club Manquehue, wo er Tennis spielt. Und jeden Dienstagabend eröffnen seine  deutschen Kumpels Simon, Olav und Hans-Peter zusammen mit ihm eine private Skatrunde. «In Chile fühle ich mich wohl. Das Klima ist gut, ich mag die lockere Art der Menschen, und es gibt beruflich mehr Möglichkeiten kreativ zu sein.»

 

Hanseatisches Selbstverständnis

Chile habe sich in den vielen Jahren, die Carsten von Holt schon hier ist, stark verändert. Infrastruktur, kulturelles und gastronomisches Angebot hätten sich sehr verbessert. Leider seien aber gleichzeitig Hektik und Materialismus sowie das Verkehrschaos größer geworden. Noch immer bestünde eine große Einkommenskluft zwischen Arm und Reich. «Doch insgesamt muss man feststellen, dass es sehr vielen Menschen gesellschaftlich besser geht als vor 20 Jahren.»

«Mehr sein als scheinen» lautet ein hanseatisches Selbstverständnis, das sicherlich auch auf den Hamburger Carsten von Holt zutrifft. Der liberalen Erziehung seiner Eltern habe er es zu verdanken, dass aus ihm «halbwegs ein anständiger und erfolgreicher Mensch» geworden sei. Das ist natürlich maßlos untertrieben, kommt aber eben auch sehr sympathisch rüber.

Sein Lebensmotto? Leben und leben lassen und vor allem sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ein Beispiel? Carsten von Holt: «Früher war mir mein blöder deutscher Akzent beim Spanischsprechen peinlich. Heute nicht mehr. Wenn meine Kinder meine spanische Aussprache imitieren, dann lachen wir uns alle zusammen kaputt.»

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3 Comments

  1. Klasse Bericht. Hier liest man sehr realistisch, wie man es durch harte Arbeit, bodenständige Lebensweise und Ehrlichkeit sehr weit im Leben bringen kann. Die Kunst, zudem ein „toller Kerl“ zu sein und auch zu bleiben (!!!), beherrschen leider nur sehr wenige.
    Einen lieben Gruss an Dich Carsten !

    Moin Arne: Toller Bericht (wie immer !) Glückwunsch und mach weiter so.

    Hans Jung

  2. Marcus Oehler

    Carsten ist ein sehr guter Freund von mir. Sehr beeindruckt mich, dass er Mensch geblieben ist und seine Verbindung zur Heimat nie abgebrochen hat. Und er hat mein Bild von Chile, das durch die deutschen Medien doch sehr verzerrt dargestellt wird, korrigiert. Er lebt in einem schönen, gastfreundlichen Land, das mir bei meinen Besuchen sehr gefallen hat.

  3. Rudolf Ruessmann

    Eine Lebensgeschichte, die sich nicht nur gut liest, sondern auch treffend geschrieben ist. – Viele “ kleine“ aber sehr positive Seiten seines Lebens waeren auch erwaehnenswert, werden aber sicher aus hanseatischer Bescheidenheit weg gelassen.
    Weiterhin alles Gute!

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