Gutes Deutsch am Ende der Welt

Im August des vergangenen Jahres übernahm sie ihre Aufgabe als Fachberaterin und Koordinatorin für Deutsch in Chile. Diese übt sie im LBI aus. Eigentlich kommt man zu kurz, wenn man von «ihrer Aufgabe» spricht, denn diese «ist umfangreich», wie Anna Hendrischk-Seewald sogleich klarstellt. 

Anna Hendrischk-Seewald: «Man muss das Internet nutzen, aber muss es auch wissen zu nutzen»

«Ich bin hier in Chile für 16 Deutsche Schulen – bis auf die großen Deutschen Auslandsschulen – für den Bereich Deutsch zuständig», erläutert sie, was zum Beispiel bedeutet, dass die Schulen die richtigen Lehrwerke zur Verfügung haben, deren Bestellung sie selbst übernimmt.

Zur Betreuung der Fachbereiche gehören die Schulbesuche. Die nutzt sie aus, um den Lehrkräften vor Ort sowie auch am LBI Fortbildungmöglichkeiten zu geben.

Außerdem ist sie die Prüfungsvorsitzende des Sprachdiploms. Die Abnahme dieser Prüfung war übrigens die erste Aufgabe, die sie in Chile wahrnehmen musste: «Ich landete an einem Montagmorgen und am Dienstag begann das Sprachdiplom. Es war eine Herausforderung», meint sie, fügt jedoch sofort hinzu: «Es ist aber gut gegangen». Diese Examina sind weltweit terminlich festgesetzt. Am ersten Tag wird das Diplom eins und am zweiten Tag das Diplom zwei geschrieben. «Danach reise ich herum und nehme die mündlichen Prüfungen ab».

Diese erste Reise führte sie in das ferne Punta Arenas: «Es war spannend», erzählt Anna Hendrisch-Seewald, «noch einmal dreieinhalb Stunden zu fliegen, um dann sozusagen am Ende der Welt Schüler zu erleben, die wirklich gutes Deutsch sprechen und mit einer Begeisterung von Deutschland erzählt haben, dass ich als Deutsche emotional beeindruckt war. Das habe ich auch dem Schulleiter gesagt!»

Wie erklärt es sich, dass so fern von Mitteleuropa ein derart großes Interesse für die deutsche Sprache vorhanden ist? «Ich denke, das ist den Deutschen Schulen geschuldet», meint sie voller Überzeugung, «dazu kommt natürlich die deutsche Einwanderung. Ganz viele Schüler, die ich treffe, haben immer noch Großeltern, die Deutsche sind und die Tradition fortsetzen. Die Deutschen Schulen haben auch einen hervorragenden Ruf, das wird mir immer gesagt. Die Eltern zum Beispiel meinen, wir schicken unsere Kinder auf die Deutschen Schulen, weil wir einfach wissen, dass das eine sehr gute Ausbildung ist».

 

«Deutschland ist ein interessanter Studienort»

Die deutsche Sprache «ist dabei eine Herausforderung, weil die englische Sprache unsere große Konkurrenz ist. Es ist ja auch wichtig, dass die Kinder Englisch lernen. Die Lehrer versuchen die Schüler zu motivieren, Deutsch zu lernen, weil sie die Sprache der Philosophen und der Denker ist. Deutschland ist ein interessanter Studienort, und daher haben viele Jugendliche Interesse, nach Deutschland zu gehen. Das versuchen wir mit unserem Programm zu unterstützen».

Wer das Sprachdiplom zwei besteht, hat die Eingangsberechtigung, an einer Hochschule in Deutschland, studieren zu können: «Deswegen ist das ein großer Ansporn, dass sie dieses Diplom in der Hand haben».

Für jemanden aus dem Pädagogikbereich, der aus Deutschland kommt, ist es natürlich anregend, wenn er auf großes Interesse an Goethes Sprache stößt, wie es Anna Hendrischk-Seewald passiert ist. Allerdings «könnte das Deutschland-Bild ein bisschen modernisiert werden», hat sie inzwischen festgestellt. «In den Prüfungen haben mir Jugendliche von englischen Songs oder amerikanischen Filmen erzählt, und dann habe ich immer gesagt, aber was wisst ihr denn von aktueller deutscher Kultur. Die wussten etwas von Goethe – das ist wunderbar, das ist ja auch wichtig – aber ich hätte auch gewollt, dass sie ein modernes Deutschlandbild vermittelt bekommen, und dass sie merken, dass die deutsche Sprache genauso spannend ist wie Englisch».

Hier meint sie, «muss ich auch mit den Kollegen in der Fortbildung weiterarbeiten, dass wir vielleicht mehr deutsche Filme und neue deutsche Musik kennenlernen». Einmal im Jahr «organisieren wir ein deutsches Rock-Festival, bei dem die Schüler merken, dass es genauso Klasse ist, Rockmusik mit deutschen Texten zu machen wie mit englischen. Dadurch finde ich, dass die Jugendlichen für ein modernes Deutschland begeistert werden können».

Alle Deutschen Schulen von Arica bis Punta Arenas nehmen an diesem Festival teil. In diesem Jahr findet das musikalische Treffen in Punta Arenas statt: «Das ist eine echte Herausforderung, auch finanziell», unterstreicht sie, aber es lohnt sich, da die jungen Musiker und ihr Publikum mit großer Begeisterung daran teilnehmen. «Sprache und Musik sind immer sehr motivierend und verbindend», meint die Fachberaterin, «und die Schülerreaktion ist dann: Mensch, deutsche Texte sind ja richtig Klasse. Es macht Spaß, auf Deutsch zu dichten. Die deutschen Lyriker von vor 200 Jahren sind wichtig, aber die modernen Texte sind es auch. Da würde ich gerne noch ein bisschen weiterarbeiten».

 

Debatten auf höchstem Niveau

Ein anderes Projekt, das bald starten wird, nennt sich «Jugend debattiert». Es läuft bereits in Argentinien, Paraguay und Brasilien: «Das wird dieses Jahr erstmals bei uns stattfinden. Schüler der 11. und 12. Klasse sollen auf sehr hohem Niveau zu aktuellen Themen Debatten durchführen». Diskussionstraining ist eine gute Vorbereitung auf das Sprachdiplom und auf die Universität, «weil sie argumentieren und ihre eigene Meinung formulieren müssen». Die Debatten werden «auf höchstem Niveau, vor Publikum» ausgetragen werden. Die Endauswahl soll in der DS Santiago getroffen werden: «Diese Beiträge sollen dem Deutschunterricht frischen Wind verleihen», hofft sie, «meine Aufgabe dabei ist erst einmal die Direktoren und dann die Fachleiter dafür zu begeistern, damit sie das vor Ort organisieren». Schließlich müssen die Schüler motiviert werden, worin Anna Hendrischk-Seewald kein Problem sieht, denn «erfahrungsgemäß läuft so etwas gut. Wir haben dieses Jahr sogar Mittel bewilligt bekommen, damit wir die Gewinner nach Argentinien fliegen lassen können, damit sie in Buenos Aires auftreten können. Das ist dann auch besonders gut, wenn sich deutsche Schüler von verschiedenen Ländern begegnen, der eine aus Chile, der andere aus Argentinien, und sie haben die Liebe zur deutschen Sprache gemeinsam».

Heute bestimmt Internet einen großen Teil des Lebens eines jeden wissbegierigen Menschen. Schüler sind davon besonders betroffen. Ist das gut? «Ich habe in meinem Unterricht Internet-Recherchen durchgeführt», erzählt die Fachfrau und warnt sogleich: «Man muss vorsichtig sein und den Jugendlichen zeigen, wie man damit umgeht. Für die Präsentation zum Beispiel, die die Jugendlichen vorbereiten müssen, sei es für das Sprachdiplom oder für das Abitur, müssen sie auch in eine Bibliothek gehen. Man muss das Internet nutzen, aber muss es auch wissen zu nutzen. Das ist eine große Herausforderung für uns Lehrer. Ich weiß, dass die meisten Schüler von Wikipedia gerne abschreiben und sie denken dann, dass das alles richtig ist».

Mit der gleichen Begeisterung, mit der Anna Hendrischk-Seewald die deutsche Sprache vermittelt, pflegt sie privat den Gebrauch der spanischen Sprache. Zurzeit liest sie «Paula» von Isabel Allende, «das Buch von der verstorbenen Tochter, das geht mir gerade sehr nah. Meine Liebe zur spanischsprachigen Literatur habe ich damals mit García Márquez entdeckt. Als er den Nobelpreis bekam, habe ich mir gleich seine Bücher angeschafft und verschlungen».

Freizeit hat sie bei ihrer Stellung nicht gerade im Überfluss. Daher nutzt sie diese mit ihrer Familie so gut wie nur möglich aus: «Wichtig ist es mir, Zeit für die Kinder zu haben, mit ihnen übers Wochenende auszugehen, wir entdecken ja gerade erst diese wunderschönen Landschaften in Chile!»

 

Von Walter Krumbach

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