«Geschichte muss erlebbar bleiben»

Mit viel Durchhaltevermögen treibt Julia Koppetsch das Projekt eines Einwanderungsmuseums der Deutschen in Valparaíso voran. Dabei lässt sie sich von finanziellen Rückschlägen und Platzproblemen im Archiv nicht unterkriegen.

 

Julia Koppetsch über das Einwanderungsmuseum in Valparaíso: «Ich fänd’s schade, wenn die Leute einfach so ihre Wurzeln vergessen.»

«Heute war stressig», sagt Julia Koppetsch auf die Frage nach ihrem Tag. Nachdem sie ihren zweijährigen Sohn in den Kindergarten in Viña del Mar brachte, führte sie verschiedene Erledigungen und Vorbereitungen auf ihren vierwöchigen Heimataufenthalt in Deutschland durch, dazwischen besuchte sie noch ein Seminar im Parque Cultural Ex-Cárcel zum Thema «Vom Objekt zum Territorium». In die Deutsche Schule Valparaíso, wo die 29-Jährige im historischen Archiv halbtags arbeitet, schaffte sie es diesmal aber nicht.

Seit etwas über einem Jahr hat die studierte Museologin die Stelle inne. Damals, im März 2012, war eine Fachkraft dringend vonnöten: Den Umbauarbeiten an der Schule war der Raum, der als Lager für alte Schulbücher und Dokumente diente, zum Opfer gefallen. Nun befanden sich die historischen Gegenstände, die zum Teil noch aus der Gründungszeit der Schule stammen, zerstreut und teilweise in schlechtem Zustand in Kellerräumen. Bisher gab es keinen Archivar, und so wurde die Position eigens für Koppetsch geschaffen.

Bei dem Aufbau des Archivs kamen dann einige wahrhaftige Schätze zum Vorschein, wie beispielsweise ein Fotoalbum von 1914, das den Besuch des Grafen von Spee und die Mannschaft der SMS Dresden sowie deren Internierung auf der Insel Quiriquina dokumentiert. Dazu bekommt Koppetsch öfters wertvolle Bücher geschenkt, wie die Sammlung eines Italieners mit 40 in Sütterlinschrift geschriebenen Werken deutscher Literatur aus dem Jahr 1820.

Problematisch an der Arbeit ist allerdings der Platz. «Ich bin da in einem sehr engen Raum, das sind vielleicht zwölf Quadratmeter, mit hohen Regalen, die man nicht gut sauber machen kann. Das ist nicht gedacht für ein Archiv.» Immerhin kann Julia Koppetsch nun auf die Hilfe einer Praktikantin zählen, die sie bei den vielfältigen Aufgaben wie Entstaubung, Inventarisierung, Digitalisierung und Aufbewahrung der Objekte unterstützt. Außerdem stellte die Schule ihr Mittel zur Verfügung, um eine Restauratorin mit der Konservierung der teilweise jahrhundertealten Bücher zu beauftragen.

Die wertvollen Gegenstände des Archivs sind aber nicht dafür bestimmt, ein ewiges Schattendasein in turmhohen Regalen zu fristen. Vielmehr könnten sie bald der Öffentlichkeit zur Schau stehen. Julia Koppetsch befasst sich gemeinsam mit anderen Interessierten seit drei Jahren intensiv mit dem Projekt, ein Einwanderungsmuseum der Deutschen aufzubauen, welches das kulturelle Erbe der deutsch-chilenischen Gemeinschaft bewahren soll.  

 

Zufallsbegegnung

Dass Julia Koppetsch überhaupt einmal in Chile landen würde, ist einer Studienfreundin zu verdanken, die sie zu einem Praxissemester in Valparaíso ermutigte. Zu jener Zeit studierte Koppetsch, die in der brandenburgischen Lausitz aufgewachsen war, gerade Museumskunde an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und machte als studentische Hilfskraft im Ausstellungsbüro des Historischen Museums erste praktische Erfahrungen. Die Entscheidung für den halbjährigen Aufenthalt in der Hafenstadt, wo sie im Naturkundemuseum arbeitete, bereute sie keine Sekunde. Sofort fühlte sie sich wohl und an Berlin erinnert.

Die Zeit war für ihren Charakter sehr prägend, wie sie meint. «Valparaíso hat echt mein Leben verändert. Die Phase hat mich offener, selbstsicherer und neugieriger gemacht. Ich hab‘ viele neue Facetten von mir selbst kennengelernt.» Und ihren heutigen Mann Daniel, der gebürtiger Porteño ist. Nach einigem Hin und Her zwischen Valparaíso und Berlin entschied sich Koppetsch nach dem Studienabschluss Ende 2009 für ein Leben fernab der Heimat.

Koppetsch begann in Valparaíso anschließend ein Kulturmanagement-Studium an der Universität Playa Ancha. Die Suche nach einer Nebenbeschäftigung führte sie eines Tages in den Deutschen Verein, wo sie eigentlich nur ihren Lebenslauf im Goethe-Zentrum abgeben wollte. Vor Ort lernte sie aber zufällig Peter Seifert kennen, der im damaligen Büro der Zentralstelle Deutschsprachiger Institutionen der V. Region (ZDI) gegenüber des Goethe-Zentrums arbeitete. Im Gespräch erfuhr Koppetsch, dass unter den Mitgliedern seit Langem die Idee eines Einwanderungsmuseums bestand. Sofort meldete sie ihr Interesse an und bald war eine Gruppe geboren, die sich später «Museumsinitiativkreis» nennen würde und der unter anderem der aktuelle DCB-Vertreter in der V. Region, Gerd Reinke, und Konsulin Helga Behrend angehörten.

Eines der ersten Ergebnisse aus der Projektarbeit war ein Dokumentarfilm über die deutsche Einwanderung, in welchem Immigranten und ihre Nachkommen zu Wort kommen sollten. «Wir überlegten: Was stellen wir nun aus? Na schön, wir haben 20 Institutionen und alle haben irgendwelche Objekte, aber es wäre doch gut, wenn man noch etwas Interaktives macht, wenn man die Erinnerung der Leute aufrecht erhält.»

Die Daten von 200 Familien konnten mit Hilfe von Elisabeth von Loe, einer Historikerin und Spezialistin der deutschen Einwanderung in Chile, zusammengetragen und zum Großteil kontaktiert werden. Letztlich wurden 30 Personen interviewt. Ende 2010 wurde der Film erstmals im Deutschen Verein uraufgeführt, dazu war er Teil einer kleinen, einwöchigen Ausstellung in der Librería Ivens, wo die Museumsgruppe im Rahmen des Internationalen Forums der Kulturen erstmals ein paar Schätze der Gemeinschaft in der Öffentlichkeit präsentierte.

Wenig später musste Koppetsch allerdings einen großen Rückschlag für ihr Vorhaben hinnehmen: Ihre Bewerbung um einen staatlichen Fondart-Zuschuss zum Museumsprojekt wurde abgelehnt. Zwar hatte sie zu dieser Zeit bereits private Unterstützer wie den Unternehmensberater Jorge Quiroz gewinnen können. Doch die Mittel reichten nicht aus, um dem Ziel näher zu kommen. Als sich dann noch Koppetsch‘ Sohn Emilio ankündigte, entschied sie sich, ein wenig Abstand zu nehmen und kehrte 2011 mit ihrem Mann nach Berlin zurück.

 

Ein neuer Versuch

Kurz vor Neujahr kam die nun dreiköpfige Familie nach acht Monaten wieder nach Chile. Es folgte der Aufbau des Archivs in der Schule. Zusammen mit Vertretern acht anderer Gemeinschaften und einem Vertreter des Konsularkorps in Valparaíso entstand der «Immigrantenrat», der unter dem Vorsitz von Estéban Collins der englischen Einwanderungsgruppe das Ziel eines gemeinsamen Museums der Einwanderung in der Region verfolgt. Um Aufmerksamkeit und weitere Sponsoren für das Projekt zu gewinnen, präsentierte der Museumsinitiativkreis im Oktober 2012 erneut eine Auswahl der historischen Gegenstände. Die mehrwöchige Ausstellung «De Deutsch a Alemán» (siehe Cóndor-Ausgabe Nr. 4013) war diesmal im Deutschen Verein zu sehen. Auch dank des abwechslungsreichen Rahmenprogramms mit Lesungen und Oktoberfest wurden Hunderte von Besuchern angelockt.

Die Bemühungen trugen diesmal erste Früchte: Wenige Monate nach der Ausstellung erklärte sich das Direktorium des Deutschen Vereins bereit, einen Teil des Kellers im Vereinsheim Palacio Ross als neuen Standort für ein erstes Museum der deutschen Einwanderung im Zentrum Chiles bereitzustellen. Auch in finanzieller Hinsicht konnte Julia Koppetsch inzwischen einen Erfolg verbuchen und in Christoph Schiess von der Holding Transoceánica einen Unterstützer gewinnen.

Damit die geplante Eröffnung des Museums im Mai 2014 realisiert werden kann, ist eine gesicherte Finanzierung unabdingbar. So muss beispielsweise das Arbeitsteam um Architekten, Designern und Historikern bezahlt werden, das sich mit ihr in den nächsten fünf Monaten um die inhaltliche und gestalterische Ausarbeitung kümmert.

Koppetsch liegt viel daran, das kulturelle Erbe der Gemeinschaft in Form des Museums aufrecht zu halten. «Ich fänd’s schade, wenn die Leute einfach so ihre Wurzeln vergessen. Von daher ist die Initiative sehr wegbereitend dafür, dass die Kultur der deutschen Einwanderer in Chile nicht untergeht. Niemand wird sich daran erinnern können, wenn die Geschichte nicht erlebbar bleibt. Ein Museum kann so etwas erreichen.» Valparaíso selbst käme ein solcher Ort ebenfalls zugute, denn bisher fehlt ein Museum über die Stadtgeschichte. Diese Rolle könne das Museum ausfüllen.

Das Thema Einwanderung hat für Julia Koppetsch dazu eine persönliche Bedeutung. Vorfahren von ihr wanderten 1865 nach Kanada aus, und über 100 Jahre später konnten deren Nachkommen ihre Familie eines Tages ausfindig machen. Die Bemühungen ihrer entfernten Verwandten, die Familien wieder zusammenzuführen, imponierten Koppetsch sehr. Außerdem war ihre Urgroßmutter eine Wendin, die noch die traditionelle slawische Sprache sprach.

 

Heimatträume

Mit dem Museumsprojekt, der Archivarbeit und ihrer Familie ist Julia Koppetsch‘ Alltag gut ausgefüllt. Zum Schlagzeug spielen, was sie einst bei ihrem ersten Aufenthalt in Valparaíso gelernt hatte, kommt sie zwar nicht mehr. Wenigstens schafft sie es, noch regelmäßig mit ihrer Familie in Deutschland zu sprechen und hin und wieder Entspannung im Bücherlesen, Yoga und Sonntagsausflügen zu finden. In Valparaíso führt Koppetsch ein glückliches Leben, meint sie, und doch gibt es Dinge, nach denen sie sich sehnt, wie feste Freundschaften. «Man hat sehr viele oberflächliche Bekanntschaften, die dich gleich als Freunde bezeichnen, aber einen langfristigen Kontakt zu machen, finde ich sehr schwer. Ich lerne eher Ausländer kennen, die gehen dann aber nach einem halben Jahr wieder.»

Dazu wünscht sie sich mehr finanzielle Sicherheit: «Ich will nicht länger am 10. des Monats nur 15.000 Pesos auf dem Konto haben, das nervt einfach. Existenzängste hab ich hier schon mehrmals durchgemacht», erzählt sie. Vor allem die hohen Kosten für die medizinische Versorgung und für ihr Kind sowie die Flugkosten für den alljährlichen Heimatbesuch zehren das Budget schnell auf.

Vielleicht werden die Besuche sich auch eines Tages erübrigen. Denn insgeheim träumen Julia Koppetsch und ihr Mann, der ebenfalls ein großer Fan von Berlin ist, von einer Rückkehr in die deutsche Hauptstadt. Doch vorher will sie trotz aller Hindernisse das Museumsprojekt zu Ende führen. «Ich hab mich mehrmals gefragt, warum ich das alles mache und komme immer wieder an diesen Punkt. Aber irgendwie ist mir das schon ans Herz gewachsen. Ich kann das nicht einfach so aufgeben, ohne dass ich da nicht etwas Sichtbares geschaffen habe.»
 

Andreas Müller

Print Friendly, PDF & Email

One Comment

  1. Mit großem Interesse habe ich den Artikel „Geschichte muss erlebbar sein“ via Internet gelesen.
    Mein Bruder und ich beschäftigen uns mit Ahnenforschung in unserer Familie.
    Vor ca. 90 Jahren ist unser Großvater (mütterlicherseits) aus Deutschland nach Chile ausgewandert. Wir haben zwar einige Eckdaten zur Person, wissen aber nicht
    an welche Stellen wir uns in Chile wenden können.
    Könnten sie uns bitte die Kontaktdaten (eMail Adresse) von Frau Julia Koppetsch, oder Frau Elisabeth von Loe zukommen lassen, damit wir uns u.U.zu unserer Fragestellung austauschen können und evtl. einen Rat zur weiteren Vorgehensweise bekommen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jürgen Raddatz
    Faaborgweg 42
    24376 Kappeln (Deutschland)

    Mobil: (0049 176 32532688)
    eMail juergen.raddatz@online.de

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*