Für neue Chancen nach dem Bankrott

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Der Leiter der chilenischen Aufsichtsbehörde für Konkursverfahren, Andrés Pennycook Castro, hat einen Großteil seiner akademischen Ausbildung in Heidelberg und Berlin absolviert. Zehn Jahre hat er in Deutschland gelebt, eine Zeit, die ihn geprägt hat – beruflich wie auch privat.

Von Petra Wilken

Andrés Pennycook hatte im Jahr 2000 sein Jurastudium an der Universidad Católica abgeschlossen und überlegte nun, wo er sich weiterbilden könnte. Unter den Vorfahren des Chilenen gibt es einen Schotten, dem der klangvolle Nachname zu verdanken ist. Doch der englischsprachige Raum zog den 28-Jährigen nicht an. Er wählte einen Magister in Jura an der Universität Heidelberg und erhielt ein Stipendium von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Deutsch konnte er da doch nicht.

«Das Land hat mich sehr beeindruckt. Die Multikulturalität, die Toleranz, das deutsche Rechtswesen, der Pragmatismus im besten Sinne des Wortes. Ein Staat, der in der Lage ist, politische Entscheidungen auf der Basis der Rationalität zu treffen. Der Respekt vor der Diversität ist fundamental. Das alles hat mich sehr positiv geprägt», fasst er zusammen.

Zudem hatte er das Glück, an renommierten akademischen Einrichtungen zu studieren. In der am Neckar gelegenen Villa des Internationalen Studienzentrums der Universität Heidelberg lernte er Deutsch mit Blick auf das Schloss. Während des Magisters hatte er die Gelegenheit, am Max-Planck-Institut zu forschen.

Die strikte Bindung an den theoretischen Rahmen in Methodologie und Methodik, die Disziplin und die analytische Schärfe und Sachlichkeit, die er während des Studiums in Heidelberg kennenlernte, faszinierten Pennycook. Derart, dass er sich dafür entschied, in Deutschland in der Landessprache zu promovieren. «Ich war nicht sicher, ob ich das schaffen würde, als ich die Entscheidung traf», erzählt Pennycook heute.

Inzwischen war ihm klar, dass ihn eine Karriere in der öffentlichen Verwaltung reizte. So wählte er politische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin. Als Thema seiner Doktorarbeit suchte er sich die Erdgas-Verhandlungen zwischen Bolivien und Chile aus, die sich von 2001 bis 2005 hinzogen. «Unsere Welt wird immer komplexer. Da wird es immer wichtiger, Fakten sachlich analysieren zu können», so Pennycook. Mit der deutschen Denkstruktur, findet er, hat er darin eine fantastische Schulung erhalten, die ihm heute bei seinem Posten als Leiter der Aufsichtsbehörde für Konkursverfahren hilfreich ist.

Doch lange bevor es dazu kam, ereignete sich erst noch das Kapitel einer intensiven Berlin-Bukarest-Verbindung. Und das begann nach seiner Erzählung folgendermaßen: Freunde luden ihn ein, eine Kurzreise nach Rumänien mitzumachen. Zuerst wollte er nicht mit, weil es mitten im tiefsten Winter war, aber dann ließ er sich doch überreden. Er erinnert sich, dass er sich wie im Film «Doktor Schiwago» fühlte, als sie mit dem Zug durch unendliche verschneite Landschaften fuhren. Am Ziel angekommen, lernte er seine Larissa Antipowa kennen und verliebte sich Hals über Kopf. Sie hieß in Wirklichkeit Maria Vavila Diamandi und war nicht Russin, sondern Rumänin. María Vavila sprach Deutsch, weil ihre Mutter mit einem deutschen Kindermädchen groß geworden war. Sie studierte Medizin wie ihre beiden Großeltern. Später bildete sie sich in Deutschland in Musiktherapie und Homöopathie weiter.

So wurde Deutsch zur Familiensprache des Paares. 2007 heirateten die beiden mit einer orthodoxen Zeremonie in Bukarest, im Jahr darauf kamen seine Eltern angereist und es wurde noch einmal standesamtlich geheiratet. Auch in Chile gab es später noch einmal eine Hochzeitsfeier «Wir haben sozusagen auf Raten geheiratet. Es muss wohl 2009 gewesen sein, als wir damit fertig waren», scherzt Pennycook. «Sicherlich kommt es daher, dass unsere Ehe so gut hält», fügt er hinzu.

Die Multikulturalität, die ihm so gut gefallen hatte, machte er so auch im eigenen Leben wahr. Fünf Jahre lang pendelte er zwischen Berlin und Bukarest. 2011 ging die Familie dann zusammen nach Chile, besser gesagt, zuerst ging er alleine vor und Maria Vavila kam mit zwei Kindern nach. In Berlin war Guillermo Petre (7) geboren worden und in Bukarest Maria Cora (5). Heute in Chile sprechen die Eltern nach wie vor Deutsch miteinander. Mit den Kindern spricht Maria Vavila Rumänisch, und unter sich verständigen sie sich auf Spanisch. Doch auch die Kinder verstehen die Sprache, in der sich die Eltern verständigen, zumal sie beide auf die Deutsche Schule Santiago gehen. Vor zehn Monaten ist die Familie noch einmal gewachsen: Ana Taisia wurde geboren.

Knapp zwei Jahre ist es nun her, dass Andrés Pennycook zum «Superintendenten de Insolvencia y Reemprendimiento» benannt worden ist. Die staatliche Aufsichtsbehörde, die dem Wirtschaftsministerium unterstellt ist, hat neben der Überwachung von Konkursverfahren auch das Ziel, Insolvenzen außergerichtlich zu schlichten. Dazu bietet sie Privatpersonen und Unternehmen Beratung und Mediation zwischen den Konfliktparteien an. Grundlage ist das neue Gesetz zur Neuordnung und Auflösung für Unternehmen und Privatpersonen, das seit 2014 gültig ist. 

Das Augenmerk des Gesetzes 20.720, das die alte Rechtsprechung aus dem Jahr 1929 modernisiert hat, liegt auf der Chance eines Neubeginns. «In den USA ist es etwas Normales, wenn eine Firma bankrott geht. Wichtig ist, dass die Konkursverfahren gut abgeschlossen werden, dass die Gläubiger und die Angestellten bezahlt werden. Schädigend sind die informellen Stilllegungen von Firmen», erklärt Pennycook. In den USA sei ein rechtlich einwandfrei abgelaufener Konkurs kein Stigma und viele Firmeninhaber würden wieder etwas Neues aufbauen. Ein Vorbild für die chilenische Behörde, die deshalb den Begriff «reemprendimiento» in ihren Namen aufgenommen hat.

Den Neubeginn will Pennycook vor allem aber auch den zahlreichen privaten Schuldnern in Chile ermöglichen, denen Banken und Kaufhäuser im Nacken sitzen. Seit Pennycook die Superintendencia übernommen hat, hat sie 1.800 solcher Fälle bearbeitet. In 90 Prozent davon ist es zu außergerichtlichen Verständigungen gekommen. Für die Schuldner heißt das, längere Zahlungsfristen oder andere Bedingungen zu erlangen, die ihnen das Leben erleichtern und sie vor dem Bankrott bewahrt, der letztendlich sogar bedeuten kann, auf der Straße zu landen. Inzwischen gehört es zu Pennycooks Aufgaben, durch ganz Chile zu reisen, um die Dienste seiner Behörde anzubieten, denn Schuldner, die dringend Hilfe brauchen, gibt es im ganzen Land.  

 

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