Dr. Carlos Sanhueza: Eine Vorliebe fürs Deutsche

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Eigentlich hatte der Chilene Carlos Sanhueza mit Deutschland nicht viel am Hut. Doch heute spricht der 48-jährige Geschichtsprofessor deutsch, reist jedes Jahr beruflich nach Deutschland und ist zudem wissenschaftlicher Botschafter der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Wie kam es bloß dazu?

Von Arne Dettmann

Immerhin einen Ansatzpunkt zur Erklärung dieser Deutsch-Affinität ist in seinem Lebenslauf zu finden: Der Vater war Direktor des Liceo Industrial Chileno-Alemán in Frutillar, dem Ausbildungszentrum für technische Berufe in Mechanik und Elektrizität, welches im Jahr 1943 gegründet wurde und heute im Santiaguiner Stadtteil Ñuñoa beheimatet ist. Beruflich kam der Vater bei dieser Aufgabe viel herum, die Familie zog mit und wohnte in unterschiedlichen Städten.

So wurde Carlos Sanhueza zwar 1967 in Los Ángeles geboren, wuchs aber in Victoria und danach in Frutillar auf. Weitere Stationen waren Rancagua, San Felipe und schließlich Arica. «Diese ständigen Wohnortwechsel waren für mich nicht traumatisch, sondern haben mir geholfen, mich auf unterschiedliche Gegebenheiten einzustellen.»

Aus Chiles nördlichster Stadt zog die Familie 1987 wieder fort, doch der junge Mann blieb und studierte dort an der Universidad de Tarapacá Geschichte mit Schwerpunkt Anthropologie. Das Wanderleben holte ihn jedoch wieder ein, als er im Rahmen seines Studiums vier Monate lang an der Schule einer Mapuche-Gemeinschaft in der Nähe von Angol Unterricht gab. «Ich kam von der Wüste in den Urwald.»

Anschließend machte der Chilene seinen Magisterabschluss an der Universidad de Santiago. «Fast wäre ich danach in die USA gegangen, um dort meinen Doktorgrad zu erlangen wie so viele andere Studenten auch.» Doch es kam anders. Der Dozent Ricardo Loebel fragte ihn plötzlich, warum er nicht nach Deutschland gehen wolle. Der Deutsche Akademische Austausch Dienst – abgekürzt DAAD – biete zudem Stipendien an. Carlos Sanhueza ging zum Goethe-Institut, in dem damals der DAAD untergebracht war, und erkundigte sich, ob eine solche Förderung auch die Ehefrau und das gemeinsame Kind einschließen würde. Denn 1994 war bereits der Sohn Ignacio geboren worden.

Es ging. Und so belegte er noch vor der Abreise beim Goethe-Institut Deutschkurse, sah bei der Deutschen Welle das Fernsehprogramm und hörte die Radiosendungen und versuchte die germanische Sprache lesen zu lernen. Dann brach die Familie nach Hamburg auf, wo sie die nächsten vier Jahre lang bleiben sollte.

«Für mich ist Hamburg eine ganz besondere Stadt: kosmopolitisch, mit dem Hafen weltoffen und liberal. Man kann mit dem Fahrrad überall hinfahren und Stadtteile entdecken, die ihr eigenes Flair besitzen», berichtet Carlos Sanhueza begeistert. Dem Sohn fielen Eingewöhnung und Anpassung übrigens noch viel einfacher als den Eltern, woran der Schulbesuch und der Kontakt mit gleichaltrigen Kindern einen wesentlichen Anteil hatten. «Nach einem Jahr sprach er deutsch mit einem hamburgischen Akzent.»

Nachdem Carlos Sanhueza seinen Doktortitel in Philosophie und neuerer Geschichte erhalten hatte, kehrte die Familie 2004 nach Chile zurück. Für ihn folgten Tätigkeiten an der Universidad Católica und der Universidad de Talca. Doch der Bezug zum Deutschen ging unterdessen nicht verloren. Über ein Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung konnte er 2007 Forschungsarbeiten an der Universität Potsdam durchführen. Zwischen 2010 und 2011 verbrachte er außerdem als Gastdozent ein Semester lang an der Universität Köln in der Abteilung Iberische und Lateinamerikanische Geschichte. Der Aufenthalt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

In seinen akademischen Arbeiten hat sich Carlos Sanhueza dem deutschen Einfluss in Chile gewidmet. So beschäftigte er sich für seine Doktorarbeit mit den deutschen Reisenden, die während des 19. Jahrhunderts hierher nach Chile kamen. In einer zweiten Etappe untersuchte er die Wirkung deutscher Pädagogen in Chile. In diesem Zusammenhang veröffentlichte er das Buch «Geografía en acción», das vom deutschen Geographen Hans Steffen (1865-1936) handelt, der hydrographische Studien in Südchile durchführte und als technischer Berater der chilenischen Regierung an der Grenzziehung zu Argentinien mitwirkte. Außerdem analysierte Sanhueza den deutschen Beitrag zum Naturhistorischen Museum in Santiago, hier hauptsächlich die Arbeiten des Botanikers und Zoologens Rudolph Philippi (1808-1904).

Damit nicht genug. Seit 2013 ist Sanhueza an der Universidad de Chile tätig, zurzeit erforscht er den deutschen Einfluss auf die Entwicklung der chilenischen Astronomie. Die Gründung des ersten nationalen Observatoriums geht auf den deutschen Astronomen Karl Moesta zurück, der bereits 1850 hier ankam. «Analysen vorzunehmen und Beziehungen herzustellen machen mir einfach Spaß», erklärt der 48-Jährige, der seine Vorliebe für Philosophie nicht verhehlen möchte. «Ich habe viel Kant gelesen. Mir gefällt es, eine Sache von möglichst verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten.»

Carlos Sanhueza wohnt mit seiner Frau, die Mathematiklehrerin an der Deutschen Schule Santiago ist, dem 21-järigen Ignacio und dessen Schwester Francisca (10) im Stadtteil La Reina. Und dass er als ein Freund der Philosophie fast kein Fernsehen guckt, sondern lieber in Parks spazieren geht und klassische Musik hört, scheint fast schon ein Klischee zu bestätigen. Doch wohnt er nun gern in Chile oder würde er lieber wieder nach Deutschland gehen?

Schwer zu sagen. «Die Zeit in Deutschland hat uns nachhaltig geprägt, nicht nur in Bezug auf die Sprache.» Carlos Sanhueza bewundert beispielsweise die Selbstständigkeit in Deutschland, wenn Kinder alleine zur Schule gehen und junge Menschen an der Universität viel autonomer studieren als ihre chilenischen Altersgenossen. Das Leben in Deutschland sei individueller und unabhängiger – umgekehrt leider aber auch einsamer.

Nein, sagt Carlos Sanhueza, sein Lebensmittelpunkt sei nun hier, bei seiner Familie in Chile. Allerdings freut er sich jetzt schon auf seinen nächsten Deutschlandbesuch. 2017 geht´s an die Universität Marburg, um dort in den Archiven mehr über den deutschen Astronomen Karl Moesta herauszufinden.

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