«Deutsche Sprache und Kultur liegen mir am Herzen»

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Wie wird man eigentlich Vorsitzender der DS Santiago? Und bleibt einem dabei noch Zeit über für den eigenen Beruf? Der Cóndor fragte nach bei Heiko Linn, selbstständiger Psychologe und Firmenberater.

Von Arne Dettmann

Um es kurz zu machen: Wenn ein deutscher Mann in Chile bleibt, dann steckt oft eine Frau dahinter. Im Fall von Heiko Linn ist die Chilenin sogar indirekt dafür verantwortlich, dass er seit Mai dieses Jahres Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schule ist. – Doch alles der Reihe nach.

Heiko Linn wurde im Saarland geboren und machte 1989 in Rheinland-Pfalz sein Abitur. Nach seinem Zivildienst beim Roten Kreuz, wo er eine Berufsausbildung zum Rettungsassistenten absolvierte, reiste er durch Australien sowie nach Bolivien, wo sein Onkel bei einem Projekt der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, tätig war. Mit 16 Jahren hatte er bereits während der Schulsommerferien Chile besucht und dort über Freunde eine Chilenin kennen gelernt.

Zu Carolina hatte er über die Jahre den Kontakt gehalten. Die beiden trafen sich nun wieder, als Heiko Linn für eine halbes Jahr das Land bereiste. Richtig Spanisch konnte er damals noch nicht, der einzige vollständige Satz, der ihm gegenüber seiner Freundin über die Lippen kam, lautete: «Qué hacemos en la noche?». Das allgemeine Gelächter der Familie war natürlich groß, doch der Deutsche überlegte sich bereits, ob es hier vor Ort eine berufliche Perspektive für ihn geben könnte.

Drei Jahre nach dem Mauerfall zog es ihn in die neuen Bundesländer, konkret nach Leipzig, um dort Psychologie zu studieren. «Ich dachte mir: Das ist mein Beitrag zur Wiedervereinigung. Ich gehe als Westdeutscher nach Ostdeutschland.» Einer seiner besten Freunde bis heute stammt aus Leipzig. Doch nach dem Vordiplom war der Ruf aus Chile dann wohl doch stärker: An der Universidad Católica bewarb er sich für zwei Auslandssemester.

Sein Studium beendete er schließlich 1999 in Konstanz am Bodensee. Aus der Fernbeziehung mit Carolina war längst eine enge Partnerschaft geworden. Bis 1999 lebte das Paar in Deutschland, dann zogen die beiden nach Chile. Erste Berufserfahrung sammelte Heiko Linn in einer Beraterfirma, die auf Unternehmenskommunikation spezialisiert war. Aber schon nach zwei Jahren machte er sich mit einer eigenen Firma selbständig und entwickelte unter anderem ein eigenes Messinstrument, um die Stressbelastung von Mitarbeitern in Unternehmen zu ermitteln. Neu war dabei, dass eine solche Befragung nicht auf Papier, sondern online per Internet durchgeführt wurde. «Ich habe mich schon immer sehr für Technik und Informatik interessiert, was bei Geisteswissenschaftlern nicht immer der Fall ist.» Mit dieser Dienstleistung sei er in Chile in eine Marktnische gesprungen, erläutert Heiko Linn, der sogar selbst programmieren kann.

Heute betreibt der 47-Jährige zwei Unternehmen: Eine bietet automatisierte Online-Plattformen, mit denen Firmen Kompetenzen, Leistungen und Softskills messen und beurteilen können; die Ergebnisse lassen sich grafisch darstellen und ermöglichen eine Gegenüberstellung von persönlichen Stärken und Schwächen. Die zweite Firma ist auf betriebsinterne Weiterbildung spezialisiert und bietet unter anderem über eine selbst entwickelte Anwendung für Handys GPS-gestützte Schatzsuchen, wo Mitarbeiter auf spielerische Art und Weise wichtige Kompetenzen trainieren, sei es im Bereich Kommunikation, Teamfähigkeit oder auch Personalführung.

Für diese Verquickung von Psychologie und Technologie erhielt Heiko Linn 2011 bei einem Innovationswettbewerb der Universidad Católica eine Auszeichnung. Im Rahmen eines staatlichen Förderprogramms von der Corfo war es ihm außerdem möglich, drei Monate lang Silicon Valley in den USA zu besuchen, den weltweit bedeutendsten Standort der IT- und Hightech-Industrie.

Eigentlich hatten Heiko Linn und seine Ehefrau Carolina vorgehabt, nur für drei Jahre nach Chile zu kommen. Zunächst lebte das Paar im Santiaguiner Stadtteil Peñalolén, weit weg von der Deutschen Schule in Vitacura, wo der erste Sohn Thomas – jetzt 15 Jahre alt – zur Schule ging. Der Umzug in die nähere Umgebung der Institution, um den Anfahrtsweg zu verkürzen, war absolut gerechtfertigt: Auch die Söhne Andreas (14), Nikolas (9) und Lukas (7) gehen auf die Deutsche Schule.

Und so kam es ganz unweigerlich dazu, dass Heiko Linn an Elternabenden teilnahm. Doch einmal fehlt er – und just auf diesem Treffen wurde für den Kindergarten ein Sportbeauftragter gesucht, woraufhin seine Frau Carolina ihn einfach und ungefragt einschrieb. «Das war eine Überraschung. Ich fragte mich, was ich denn nun im Elternbeirat machen sollte.» Heiko Linn befragte die anderen Eltern nach deren Wünschen, und heraus kam dabei seine Idee, ein Fußballturnier ins Leben zu rufen, das beliebte «Futbolito»-Fest, das nun an diesem Samstag, den 15. Oktober, erneut stattfindet.

Der Deutsche wurde schließlich Mitglied in der Corporación Educacional Federico Froebel, abgekürzt Corpeduff. Unter dem Dach des früheren Schulvereins werden derzeit drei Einrichtungen verwaltet: die Deutsche Schule Santiago, die neue DS Chicureo sowie die Handelsschule Insalco. Sein ehrenamtliches Engagement als Vorstandsmitglied war nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen, denn die beruflichen und privaten Aufgaben fordern einen ebenfalls.

«Man muss viel Zeit investieren und flexibel sein. Allerdings wollte ich auch immer dem deutschen Staat etwas von dem zurückgeben, was ich ihm an Bildungschancen verdanke. Wenn man darüber hinaus noch bedenkt, dass die deutschen Auslandsschulen einen Bestandteil deutscher Außenpolitik bilden und wie wichtig Bildung in einer globalisierten Welt ist, dann kann man einfach nicht Nein sagen.»

Mittlerweile hat der 47-Jährige seinen Posten bei der Corpeduff aufgegeben und ist nun seit Mai Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schule Santiago. Bei vier Kindern auf der Schule erübrige sich die Frage, was seine Motivation war, diese Herausforderung anzunehmen. Auch die anderen Vorstandsmitglieder seien Eltern von Schülern. «Das ist gut, denn man baut auf konkreten Erfahrungen auf.» Auf der anderen Seite sei das aber auch nicht immer leicht, denn als Vorstandsmitglied müsse man auch eine professionelle Distanz wahren.

Die Aufgabe des Schulvorstandes klingt zunächst einmal leicht: «Wir beurteilen den gegenwärtigen Ist-Zustand der Schule, definieren dann das zukünftige Ziel und fragen uns, wie wir das Ziel erreichen können.»  Aber gerade die Vorgehensweise sei ein Balanceakt, ein Abwägen zwischen Kontinuität und Neuerungen. Um es ganz konkret zu veranschaulichen: Die Schule biete das deutsche Abitur an und habe – erfolgreich und wissenschaftlich fundiert – das bilinguale Sprachkonzept eingeführt. Doch wie soll es nun weitergehen für die Schulgemeinde mit mehr als 2.000 Pennälern?

«Ein Ziel ist, verstärkt deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln und die Eltern noch mehr einzubinden», erklärt Heiko Linn. «Das Thema Deutsch liegt mir selbst sehr am Herzen.» Die Schule dürfe nicht nur auf ihre akademische Leistung reduziert werden, sondern müsse auch ihre Sprache mehr in den Vordergrund stellen. Die Basis für ein solches Vorgehen sei vorhanden, denn der Elternbeirat arbeite hervorragend, die Zusammenarbeit funktioniere reibungslos.

Ein weiterer Anspruch bestehe darin, eine sogenannte Begegnungsschule zu sein, in der Schüler aus möglichst allen Einkommensschichten miteinander lernen. Das bedeute, dass das Schulgeld nicht allzu hoch ausfallen dürfe, aber gleichzeitig über die Einnahmen die akademische Qualität garantiert werden müsse. «Eine große Herausforderung – wir machen uns Gedanken.» Für Schulprojekte sei mittlerweile eine Kommission ins Leben gerufen worden, um übers Fundraising finanzielle Unterstützung sowie Sach- und Dienstleistungen kostengünstig zu erhalten.

Gemeinsam mit dem Vorstand und der Schulleitung will Heiko Linn eine mittelfristige Strategie entwickeln, wie diese besagten Ziele zu erreichen sind. Seine eigene Berufserfahrung wird ihm dabei bestimmt zugute kommen, hofft er. «Ich empfinde es als ein Privileg, dass mir das Vertrauen entgegengebracht wurde, an dieser Aufgabe mitzuwirken.»

Doch nicht alles soll Arbeit sein, so Heiko Linn. Jetzt wird erst einmal das 125. Schuljubiläum gefeiert. Und dabei gilt: «Den Kindern und Jugendlichen soll es Spaß machen.»

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