«Der Terrorismus in der Araucanía wird verleugnet»

Interview mit dem Politologen Mauricio Heise

Der Deutsch-Chilene Mauricio Heise stammt gebürtig aus Osorno. Die Politik nennt er seine Leidenschaft. Foto: Walter Krumbach
Der Deutsch-Chilene Mauricio Heise stammt gebürtig aus Osorno. Die Politik nennt er seine Leidenschaft. Foto: Walter Krumbach

 

Der Cóndor sprach mit dem Politologen und Terrorismus-Experten Mauricio Heise über die Gewalttaten in Südchile und Lösungsansätze zur Beilegung des Konflikts.

 

Von Walter Krumbach

Die Thüringer Rostbratwurst wird mit fein gehacktem Schweinefleisch hergestellt und mit Salz, Pfeffer, Kümmel, Majoran und Knoblauch gewürzt. Sie ist mindestens 15 Zentimeter lang und wird von Feinschmeckern wegen ihrem einzigartigen knusprigen Geschmack besonders geschätzt. Einer dieser Bewunderer ist Mauricio Heise, der aus eigenem Antrieb gelernt hat, sie traditionsgemäß zuzubereiten. Dafür hat er sich das uralte, originale Rezept besorgt.

Die Thüringer Rostbratwurst ist übrigens seit dem Jahr 1404 dokumentiert, als Christoph Kolumbus und Martin Luther noch nicht einmal geboren worden waren. Die Zutaten bestellt Heise in Deutschland, damit auch alles stimmt. Daher lautet das Urteil seiner Freunde, die seine Erzeugnisse gekostet haben, lakonisch-treffend: «Lecker!»

Aber nicht nur auf gastronomischem Gebiet ist Mauricio Heise an der deutschen Kultur interessiert. In Osorno geboren und aufgewachsen und seitdem der deutsch-chilenischen Gemeinschaft nahe, ist er in der Evangelischen Kirche und im Deutsch-Chilenischen Bund aktiv dabei.

An der Universidad de Los Lagos ließ er sich in öffentlicher Verwaltung und Politikwissenschaften ausbilden. «Schon als Kind habe ich mich für die Regierungsgeschäfte und die Führungsthematik interessiert», erinnert er sich, «die Politik ermöglicht einem, dass man das Leben anderer Menschen positiv beeinflussen kann. Oft gelingt dies nicht, aber die Herausforderung in der Politik liegt doch darin, dass vieles anders gemacht werden sollte».

Nachdem er seine Ausbildung in Chile beendet hatte, ging Mauricio Heise nach Spanien, um an der Universidad Internacional de La Rioja einen Master in Terrorismus-Theorien zu absolvieren. «Es hat mich tief beeindruckt, die Zwillingstürme zusammenstürzen zu sehen. Jener Terrorangriff war nicht nur ein Angriff auf das betroffene Land, sondern eine planetenweite Drohung.»

Der Anschlag spornte ihn an, dem Phänomen nachzugehen. Er verschlang Zeitungsartikel, las Bücher und informierte sich über Experten, was es mit dem Terrorismus der Salafisten und Dschihadisten auf sich hatte. Seine Erkenntnisse veranlassten ihn, einen Lehrgang auf dem Gebiet zu absolvieren. Er war sich dem bewusst, was für verheerende Folgen der Anschlag in New York und mögliche folgende Attentate haben könnten, weshalb er den Gedanken reifen ließ, «mittels Politik Strategien einzuführen, die uns erlauben, der terroristischen Drohung vorzubeugen und ihr zuvorzukommen. In Chile haben wir jüngst zwei Terrorismusherde ausfindig machen können: den aufständischen Anarchismus und der sich in der Araucanía-Region abspielende Ethno-Nationalismus».

Heise hat sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, den Terrorismus im Süden des Landes zu untersuchen. Dabei hat er festgestellt, «dass Fachkräfte fehlen, die imstande sind, dieser Drohung zuvorzukommen, um sie zu verhindern».

 

Es begann im 19. Jahrhundert

Dieser Konflikt entwickelte sich in den letzten beiden Jahrzehnten, entstand jedoch lange zuvor. Den Beginn machte, laut Heise, die sogenannte Besetzung der Araucanía im 19. Jahrhundert, als das chilenische Heer Gewalttaten beging: «Die Landenteignungen, die heute beklagt werden, richten sich auf keinen Fall gegen die spanischen Eroberer, sondern gegen die Chilenen!» So sammelte sich über Generationen ein Ressentiment an, bis die Vorbedingungen da waren, um terroristische Taktiken explosionsartig in Erscheinung treten zu lassen.

«Wir wissen genau, wann die Gewaltanwendung begann, wissen aber nicht, wie sie enden wird, wenn der Staat und die Gesellschaft nicht die nötigen Eindämmungsstrategien anwenden». Er verweist auf den 1. Dezember 1997, als drei LKWs der Firma Forestal Arauco in Lumaco verbrannt wurden. Bereits im folgenden Jahr formte sich die «Coordinadora de comunidad en conflicto Arauco-Malleco». Das ist nun 20 Jahre her und seitdem hat die Gewalt der Angriffe zugenommen. «Gegenwärtig machen die Attentäter bei ihren Angriffen auf Carabineros regelmäßig von Feuerwaffen Gebrauch», unterstreicht Heise. «Es sind sogar Hubschrauber, die Waldbrände bekämpften, angeschossen worden. Die Polizei hat verlauten lassen, dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass innerhalb der Araucanía Kriegswaffen im Einsatz sind».

Die Maßnahmen, die seit Ausbruch des Konflikts die verschiedenen Regierungen gegen die Ausschreitungen getroffen haben, verzeichnen keine Erfolge. Heise: «Das ist ein kompliziertes Thema, das nicht mit der Ernsthaftigkeit in Angriff genommen worden ist, wie es eine derart gefährliche Angelegenheit verlangt.». In diesem Zusammenhang verweist er auf das Verhalten der heutigen Regierung. «Sie behauptet immer wieder nachdrücklich, dass in Chile kein Terrorismus existiert. Vielmehr gibt sie zum Beispiel verharmlosend bekannt, dass es sich um vereinzelte Fälle von Holzdiebstahl handelt. Sie kehren, was in drei Regionen des Landes wirklich passiert, unter den Teppich».

Mauricio Heise unterstreicht, «dass auf keinen Fall das Mapuche-Volk als Ganzes diese Gewalttaten ausführt. Es sind Minderheiten, die sich aus politisch-ideologischen Gründen der Terrorismus-Taktik verschrieben haben». Ihr Ziel ist, was sie «die nationale Befreiung des Mapuche-Volks» nennen, welche «die Kontrolle des Territoriums und deren politische Autonomie» ausmacht. Dazu deuten sie darauf hin, dass ihr Kampf einen «antikapitalistischen Charakter» habe, da der Kapitalismus dafür verantwortlich gemacht werden müsse, dass «ihre Ländereien verwahrlost und ihre Gewässer verseucht» seien.

Der Kapitalismus drückt sich für die Terroristen in den Forstunternehmen, den Landwirten und dem sogenannten «neoliberalen Staat» aus. «Es handelt sich hier nicht um gemeine Verbrecher, da solche ihre Gewalttaten nicht im Kontext einer politischen Strategie rechtfertigen», unterstreicht Heise, und er fügt hinzu: «Wichtig dabei ist, dass der Staat sich bemüht, eine Strategie auszuarbeiten, um die Gewalt auf der Basis der internationalen angesammelten Erfahrungen einzudämmen.»

Zusätzlich sollten die mangelnden Chancenaussichten identifiziert werden, die dazu führen, dass Jugendliche sich im Konfliktgebiet den gewalttätigen Gruppen anschließen. Als besonders wichtig erachtet Heise, dass die Delikte verfolgt werden, dass von der Polizei eine Reaktion erfolgt: «Hierbei ist die Untersuchungsarbeit von grundlegender Bedeutung. Die gewalttätigen Organisationen müssen unterwandert werden, wie das in anderen Ländern getan worden ist. Dafür sind einige juristische Reformen notwendig, grundsätzlich, was das Terrorakte-Gesetz anbetrifft, da es zahlreiche Lücken und Fehler aufweist. Das beginnt bereits bei der Begriffsbestimmung, die fehlerhaft betont, dass der Endzweck des Terrorismus darin bestünde, Furcht zu verursachen, statt seine politischen Absichten zu definieren. Außerdem muss sie zusätzliche Delikte, die sie gegenwärtig nicht in Betracht zieht, einräumen, wie etwa die materielle Unterstützung von Terrorgruppen und -organisationen, das heißt, ihnen Zufluchtsorte, Transport und Bewaffnung zur Verfügung zu stellen.»

 

Diskriminierung beenden, Dialog einführen

Ferner ist die Förderung eines «interkulturellen Dialogs» nötig, betont Heise, «und die Einführung von konkreten Maßnahmen, die die Diskriminierung des Mapuche-Volks verhindern, da es eine kleine Minderheit ist, die sich des Terrorismus bedient, um ihre politischen Ziele zu erreichen».

Ein Großteil der bisherigen Diskussion trachtete danach, festzustellen, ob es sich hierbei überhaupt um Terrorismus handelt. «Heute sind etwa 200 Definitionen von Terrorismus in Gebrauch», gibt der Experte zu bedenken, «weshalb diejenigen, die zu beweisen versuchen, dass es sich nicht um Terrorismus handelt, sich eine aussuchen können, die ihnen passt».

Die Frage drängt sich auf: Wie wird der Konflikt sich weiterentwickeln? Wie wird er enden? Mauricio Heise gibt zu bedenken, dass der Gegenstand äußerst komplex ist und verweist auf «politische, juristische und polizeiliche Schritte», die unternommen werden müssen. So könnten Maßnahmen getroffen werden, die in anderen Ländern erfolgreich waren: «In Neuseeland hat man den Maoris Entschädigungen auf politischer Ebene sowie zu ihrer wirtschaftlichen Entwicklung erteilt», erläutert er, womit ihre Konflikte gelöst wurden.

Heise ist überzeugt, dass jenes Modell, mit gewissen Änderungen ausgestattet, in Südchile anwendbar ist. Die Frage ist nur, ob von politischer Seite in absehbarer Zeit der Wille da sein wird, um es in die Praxis umzusetzen. Was Mauricio Heise anbetrifft, ist die Prognose gut: Als aktives Mitglied der Partei Evópoli gedenkt er, in absehbarer Zeit für einen öffentlichen Posten zu kandidieren, um von jener Plattform aus (nicht nur in dieser brisanten Angelegenheit) seinen Beitrag zu leisten.         

 

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