Damals, als Kind zwischen Opas Kühen

Carlos Godoy, Kaufmännischer Abteilungsleiter bei Siemens Chile

Carlos Godoy, Kaufmännischer Abteilungsleiter bei Siemens Chile

 

Ärmel hochkrempeln und praktisch an die Dinge herangehen – das verdankt Carlos Godoy den Kindheitserlebnissen auf dem Land bei seinem Großvater. Die Lehren seiner Kindheit haben dem Deutsch-Chilenen immer in seiner Laufbahn genützt, auch heute in leitender kaufmännischer Position bei Siemens in Santiago.

 

Von Petra Wilken

Als Kind hat sich Carlos Godoy mit in die Schlange der Arbeiter gestellt, wenn der Wochenlohn im Milchbetrieb seines Großvaters ausgezahlt wurde. Er hatte schließlich mitgeholfen. Der Opa drückte ihm eine Münze in die Hand und Carlos war zufrieden. Wenn er heute als 41-Jähriger an die Kindertage zurückdenkt, kommt er ins Schwärmen. «Ein Drittel meiner Kindheit habe ich auf dem Land verbracht. Das hat mir viel als Person gebracht.»

Der landwirtschaftliche Betrieb seines Großvaters mütterlicherseits, Roland Stehr, liegt in Huichahue, einem Ort zwischen Temuco und Cunco. Als Carlos Godoy klein war, hatte der Bauernhof 60 bis 70 Milchkühe. «Heute sind es 140 bis 150 Kühe, die gemolken werden und weitere, die Ferien haben. So haben wir das genannt, als ich Kind war, denn die Kühe geben nur Milch, nachdem sie gekalbt haben, dann haben sie eine Ruhepause, bis es wieder soweit ist», erklärt Godoy.

Dort in Huichahue saß er zum ersten Mal mit viereinhalb auf einem Pferd, fuhr mit zehn schon Trecker und mit elf begann er, das Autofahren zu lernen. Letzteres war allerdings mit seinem Vater zusammen, der bei Quillota ein Grundstück hatte, wo er Angora-Kaninchen züchtete. Dort bei Quillota auf der Landstraße ließ er seinen Sohn Auto fahren. «Als ich meinen Führerschein machte, war ich schon mehr als 2.000 Kilometer gefahren», beichtet er.

Was er jedoch neben den Abenteuern des frühreifen Kontakts mit dem Lenkrad am meisten schätzt ist, dass er mit den Landarbeitern zu tun hatte. Er hat es gelernt, die Umgangssprache von Menschen zu verstehen, mit denen er sonst nicht in Berührung gekommen wäre.

Aufgewachsen ist er jedoch eigentlich in Santiago, wo er die Deutsche Schule besuchte, ganz in der Tradition der Vorfahren. Sein Ur-Großvater mütterlicherseits ist in den 1910er Jahren nach Chile ausgewandert. Seine Mutter Gertrud Stehr war noch in Temuco auf die Deutsche Schule gegangen. Von ihren drei Geschwistern sind in den 1960er und 70er Jahren zwei zurück nach Deutschland migriert.

Carlos Godoy besuchte von der 9. bis 12. Klasse den Wirtschaftszweig der Deutschen Schule Santiago. Bis dahin hatte er wenig Deutsch gesprochen, aber ab der 9. Klasse hatte er von 15 Fächern zwölf auf Deutsch. «Meine Mutter spricht perfekt deutsch, ist aber Physiotherapeutin, also in Rechnungswesen konnte sie mir nicht helfen», erzählt er.

Trotz der anstrengenden Materie ließ er sich als 16-Jähriger zum Schülerrats-Vorsitzenden wählen und machte sich in mehreren Projekten an die Arbeit. «Der Schülerrat muss sich selbst finanzieren. Wir haben ihn mit einem Defizit von 700.000 Pesos übernommen und mit einem Plus von einer Million wieder abgegeben», berichtet er. Wie hat er das geschafft? Mit Teamwork und Partys. «Wir haben eine große Werbekampagne gemacht und 30 Schulen aus Las Condes und Vitacura zu einer Party eingeladen. Tausend Leute sollten kommen, aber es waren am Ende 1.300 Feiernde in der Turnhalle von Vitacura», erinnert er sich und freut sich bis heute.

Seinen Eltern hatte er versprechen müssen, dass seine Zensuren durch das ehrenamtliche Engagement nicht runtergehen würden. «Ich konnte es nicht einhalten», meint er trocken, doch er sei ohnehin nie der Fleißigste gewesen – was ihn aber nicht daran gehindert habe, später die Universidad de Chile zu besuchen, fügt er gleich hinzu.

Nachdem er die Schule abgeschlossen hatte, machte er zunächst eine Ausbildung am Insalco und absolvierte sein Praktikum beim Fruchtexporteur David Del Curto. Ab 1997 studierte er an der Universidad de Chile und schloss 2003 als Diplom-Kaufmann ab. Danach leistete er es sich, für ein halbes Jahr nach Deutschland zu gehen. Nach seiner Rückkehr fing er 2004 bei Siemens in Santiago an, wo er bis heute arbeitet. Von 2007 bis 2013 war er bei Siemens in Deutschland als kaufmännischer Angebots- und Projektleiter für Argentinien, Chile, Mexiko und Qatar zuständig.

Während der Zeit in Deutschland machte er mehrere Segelscheine und wurde in einem Verein selbst Ausbilder für den Sportboot-Führerschein. Mit seinem Onkel Hermann, der aus Chile zurück nach Deutschland gegangen war, segelte er auf der Ostsee, dem Mittelmeer und der Adria. «Wir haben größere Boote gechartert, 13 Meter lange, und waren mit sechs bis acht Personen an Bord», erzählt er von seinen Erlebnissen. Das andere Hobby, dem er in Deutschland nachgegangen ist, ist die Schauspielerei. Er gehörte einem Laientheater von Siemens in Erlangen an.

Obwohl er sich in Deutschland vom ersten Tag an wohlgefühlt hat, nahm er die Gelegenheit wahr, als Siemens 2013 ein großes Wartungsprojekt für Minera Andina erhielt und er zurückgeholt wurde. Als er aus Deutschland zurückkam, trat er dem Deutsch-Chilenischen Bund bei, um die Verbindung zu dieser zweiten Heimat zu pflegen. Die Angebote, die er am meisten nutzt, sind die Frühschoppen und Tanzen.

«Ich fühle mich an beiden Orten zuhause. In Deutschland wurde mir oft gesagt, du bist viel deutscher als die Deutschen. Ein wenig quadratisch, sozusagen», meint er spaßhaft. Sein Arbeitspensum passt jedenfalls auch zu diesem beliebten Klischee.

Dabei bräuchte er vielleicht ein wenig mehr entspannte Zeit, um mit seiner aus Deutschland mitgebrachten Jolle auf dem See Carén zu segeln oder mit seinem liebevoll gepflegten Chevrolet, Baujahr 1957, zu fahren.

Oder auf den Spuren seiner Kindheit zu wandeln und den Milchbetrieb in Huichahue besuchen, den schon vor Längerem sein Onkel Günther Stehr übernommen hat. Sein Großvater ist in diesem Jahr verstorben – im stolzen Alter von 101 Jahren.

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