Hobbynaturforscher Carlos Fonck

«Die meisten Leute merken nicht, von welcher Pracht sie umgeben sind»

Carlos Fonck
Carlos Fonck: «Chile ist ein von der Natur gesegnetes Land.»

 

Von Walter Krumbach

Als Kind war er oft mit seiner Großmutter väterlicherseits unterwegs. Sie machte ihn auf Blumen und Vögel aufmerksam. Luise Fonck hatte Biologie und Naturwissenschaften studiert und über 40 Jahre an der Deutschen Schule Santiago unterrichtet. Dazu pflegte sie einen engen Kontakt zur Familie des Gelehrten Federico Johow, worauf ihr Interesse an der Botanik zurückzuführen ist: «Sie gab mir den ganzen Tag praktischen Unterricht», erinnert sich Carlos Fonck, womit sie seine Begeisterung an der Pflanzen- und Tierwelt auslöste.

«Bei jedem Ausflug aufs Land schauten wir uns Pflanzen und Vögel an», erinnert sich Fonck, «wir beobachteten, untersuchten und diskutierten». Oft unternahm die Familie Wanderungen, zum Beispiel während der Blütezeit auf den Berg Manquehue, um die sprießende Blumenpracht zu bewundern und näher kennenzulernen. Zum anderen war sein Großonkel Oscar Fonck ein begeisterter Amateur-Archäologe. Er nahm Carlos oft zu Erkundungsfahrten mit. Sie forschten an etlichen Orten, «sogar auf den Dünen von Santo Domingo», was Carlos besonders beeindruckte, «womit er mich mit seinem Interesse angesteckt hat».

 

Archäologe und Botaniker am Wochenende

Diese Neigung blieb Carlos Fonck bis heute erhalten, obwohl er sie nicht zu seinem Beruf machte: «Als ich mich 1976 für eine Hochschulbildung entscheiden musste, gab es leider – im Gegensatz zu heute – keine Option, Anthropologie oder Botanik zu studieren. Daher ließ ich mich in Wirtschaftswissenschaften ausbilden, aber übers Wochenende bin ich Ornithologe, Archäologe und Botaniker».

Das änderte sich begreiflicherweise nicht, nachdem er geheiratet hatte und der Nachwuchs kam: «Mit den kleinen Kindern fuhr ich hinaus, auf die Berge, wo wir die schönsten Erlebnisse hatten».

Eine große Hilfe stellt heute das Internet dar. Fonck hat feststellen können, dass «ich viel habe lernen können, obwohl ich nicht Archäologie studiert habe, weil ich alle Paper (wissenschaftliche Beiträge) lese». Sein Wissen hat er sich jedoch nicht ausschließlich über den Bildschirm angeeignet. Schon als Kind ging er mit dieser Wissenschaft auf Tuchfühlung, als etwa auf dem Land in der Nähe von Padre Hurtado beim Pflügen Reste von Gefäßen der Inkas zum Vorschein kamen. Oder bei Santo Domingo, wo «die Bauernhöfe am Maipo-Fluss voll von Überbleibseln der Bato- und Llolleo-Kulturen sind», hat er feststellen können. Ähnliches hat er bei Puerto Velero beobachtet, «wo auf den Dünen Zeugnisse der Diaguitas zum Vorschein kommen». Fonck unterstreicht, dass ihn «der Kontext der Funde, nämlich wo wir leben», interessiert: «Wo man hingeht, spürt man immer wieder Dinge auf».

 

Desierto florido – die blühende Wüste in Chile

Ähnlich ergeht es ihm mit der Botanik: «Vor einigen Jahren bin ich mit der blühenden Wüste vertraut geworden». Fonck überlegt einen Augenblick und gerät ins Schwärmen: «Im vergangenen Jahr war es spektakulär! Es war besser als in den vorgehenden 20 Jahren. Ich bin vier Male hingefahren! Mit meiner Familie und Freunden haben wir dort Camping gemacht. Es hatte in Atacama für die örtlichen Verhältnisse stark geregnet. Überall blühte es üppig und in den schönsten Farben. Dazu kam die Vielfalt: An der Küste entstanden durch die dortigen Arten bestimmte Farbkombinationen und im Landinneren wieder andere». Die überaus zahlreichen, prächtigen Blüten lockten zudem viele Vögel an. «Es ist ein von der Natur gesegnetes Land», folgert er. «Allerdings muss man es zu schätzen wissen», wirft er ein, «denn die meisten Leute merken gar nicht, von welcher Pracht sie umgeben sind».

So hat Fonck etwa der Park Andino Juncal tief beeindruckt. Er liegt am Weg nach Portillo. Das über 13.000 Hektar große, in Privatbesitz befindliche Areal erstreckt sich vom Fluss Juncal bis zur argentinischen Grenze: «Es ist, als befände man sich im Tibet! Diese einmalige Landschaft kann man in anderthalb Stunden von Santiago aus erreichen».

Noch näher von der Hauptstadt, bei Lampa, liegt das Tal Chicauma: «Dort wachsen 500 Jahre alte Eichen, ein einmaliger Wald, der kaum 60 Kilometer von der Plaza de Armas entfernt ist!»

Einmal entdeckte er während einer Wanderung durch die Voranden zu seiner großen Überraschung eine Pflanze der Sorte tecophilaea cyanocrocus. Sie blütet in unverkennbarem, leuchtendem Blau: «Sie wurde um 1860 entdeckt. Später hat man sie mengenweise nach Deutschland exportiert und bis vor kurzem galt sie als ausgestorben. Sie wird nämlich von den importierten Hasen gefressen – die haben sie liquidiert. Ich habe drei gefunden und mittlerweile haben wir 60».

 

Schulausflüge und Neugierde an der Natur

Carlos Fonck ist ein gebürtiger Santiaguiner. Gern denkt er an seine Kindheit zurück, während der er die Deutsche Schule besuchte. «Jene Zeit war prägend», erinnert er sich, «denn ich hatte Lehrer, die uns das Interesse und die Neugierde an der Natur vermittelt haben, was in der Gegenwart so gut wie nicht mehr der Fall ist. Heute wird alles auswendig gelernt und dann wie von einem Aufnahmegerät wiedergegeben. Danach wird es vergessen, ohne eine Auswirkung gehabt zu haben».

Ausschlaggebend war für Fonck sein Klassenlehrer Boensch: «Er organisierte Ausflüge, bei denen er bei uns Schülern das Interesse und die Liebe zur Natur weckte und bleibend förderte». Ebenso dauerhaft ist der Eindruck, den sein Werken-Lehrer bei ihm hinterließ. Peter Horn, der renommierte Holzschnitzer und Bildhauer, forderte kurz vor Ferienbeginn die Klasse auf, zehn Holzsorten zu sammeln und zu Beginn des nächsten Schuljahres mitzubringen. «Nach den Ferien zeigte dann jeder von uns, was er gefunden hatte», sagt Fonck, «diese Bildungsmethoden gibt es heute nicht mehr!»

Im Jahr 1970 zogen Foncks nach Deutschland. Carlos ging nun auf ein Gymnasium: «Es war furchtbar. Die Ansprüche waren im Vergleich zur Schule in Santiago abgrundtief. Ich war damals 12. Während der ersten Englischstunde verlangte der Lehrer einen einseitigen Aufsatz über das Für und Wider der Todesstrafe». Die hohen Anforderungen zahlten sich jedoch aus: Als die Familie nach sechs Jahren nach Chile zurückkehrte, konnte Carlos bei der PAA sehr gut abschneiden, was ihm ein erfolgreiches Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Católica ermöglichte.

 

Ermüdender Papierkram

Im Krisenjahr 1982 beendete er seine Ausbildung: «Die Arbeitslosenrate war sehr hoch und ich fand bei der Chase Manhattan Bank in der Kundenbetreuung eine Anstellung». Nach einigen Jahren «ermüdete mich der Papierkram und ich ging zur Embotelladora Andina, die Exportfruchtsäfte produzierte». Sieben Jahre war Fonck Exportgeschäftsleiter. Dieser Posten war mit häufigen Auslandsreisen verbunden. Er lernte die fünf Kontinente kennen, besuchte namhafte Messen, bis es ihm zu viel wurde: «Ich war im Schnitt jeden Monat zwei Wochen unterwegs. Schrecklich!»

So kam ihm der Gedanke, eine, wie er meint, «solidere» Stellung zu suchen. Die fand er bei Cementos Melón, wo er seit nunmehr 22 Jahren in der Geschäftsführung tätig ist. Hier hat er einen Mittelweg gefunden. Er ist nicht an einen Schreibtisch gefesselt, was für einen Naturliebhaber besonders wichtig ist. Oft hat er Gelegenheit, ins Land zu reisen, um etwa in Punta Arenas oder in den Anden bei Ovalle die Bauten seiner Kunden zu besichtigen.

Eine anregende, fordernde Position, die Carlos Fonck mit seinen Hobbies und seinem Familienleben abstimmt, so gut es geht. Eins ist dabei sicher: «Mir langt die Zeit nicht», versichert er, aber der Ton ist keineswegs klagend, sondern vielmehr recht zufrieden.

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