«Sonst ist es keine Auslandserfahrung»

Marion Ruhland in ihrem Büro: Die Deutsche leitet eine Vermittlungsagentur in Chile
Marion Ruhland in ihrem Büro: Die Deutsche leitet eine Vermittlungsagentur in Chile

Die Deutsche Marion Ruhland wollte nach ihrer Ausbildung eigentlich nur ein halbes Jahr in Chile bleiben. Als Hobby gründete sie die Vermittlungsagentur für Auslandsaufenthalte Chile Inside, die in 13 Jahren stark gewachsen und in ganz Lateinamerika tätig ist.

Von Petra Wilken

Marion Ruhland (39) ist dort aufgewachsen, wo andere Urlaub machen. Vom Balkon ihres Elternhauses im Kurort Radolfzell blickte man auf den Bodensee. Gegenüber lag Konstanz, doch um dorthin zu kommen, musste man 40 Minuten um den See fahren. Dafür war man schon in fünf Minuten in der Schweiz.

Als sie 19 war, wechselte sie von einem Touristenort zum nächsten: Sie begann eine Ausbildung als Bankkauffrau in Villingen-Schwenningen im Schwarzwald und arbeitete dort anschließend vier Jahre lang im Private Banking als Vermögensberaterin. Obwohl der Job gut lief, zog es sie weiter weg. Viel weiter.

Es gab keinen speziellen Grund, warum sie gerade Chile aussuchte. Vermutlich dachte sie wie viele andere auch: ein sicheres Reiseland verglichen mit anderen Ländern in Lateinamerika, ein angenehmes Klima, interessante, abwechslungsreiche Landschaften. Sie kündigte bei der Bank, um sich vorerst einfach mal so ein halbes Jahr in Chile auszuprobieren. Sie war gerade 25 und hatte keine Ahnung, dass sie in diesem Land bleiben, eine Firma und eine Familie gründen würde. 

«Mich hat Südamerika immer interessiert», sagt die Gründerin der Agentur Chile Inside über ihre Motivation damals. Ihre Zwillingsschwester hatte ihr einen Spanisch-Kurs fürs Selbststudium geschenkt, den sie nach Ankunft in Chile systematisch durcharbeitete. Dann reiste sie durchs Land und fand nach vier Monaten einen Job in einer kleinen Beratungsfirma. Dort arbeitete sie ein halbes Jahr lang, kündigte dann aber, weil die Firma nicht korrekt mit ihren Kunden umging. Auch ihre Kündigung wurde nicht nach Vorschrift abgehandelt. Dazu wurde sie noch ausgeraubt, gerade als ihre Schwester sie besuchte.

«Meine Schwester meinte ärgerlich: ´Was ist das für ein Land? – Ich fliege gleich wieder´. Doch meine Mutter fand, dass das kein Grund sei, das Handtuch zu werfen. ´Schieb nicht die Schuld auf das Land´, sagte sie». So habe sie ihre chilenischen Erfahrungen gemacht wie viele Ausländer – Einbrüche, Erdbeben. Wo sind hier die Fluchtwege, habe sie gefragt.

Und sie fand, dass eine Service-Firma fehlte, die bei all den Hürden am Anfang eines Chile-Aufenthaltes unterstützen könnte. Sie machte sie selbst auf. Mit zwei Partnern gründete sie 2003 Chile Inside als Dienstleister für Ausländer zur Vermittlung von Unterkünften, Praktika, Spanischkursen oder Einsatzplätzen für Freiwillige. Das war am Anfang eher so eine Art Hobby, das sie mit einer Hand voll Angestellten sieben Jahre lang nebenbei machte.

Ihre Hauptbeschäftigung war eine Anstellung beim US-amerikanischen Finanzdienstleister Dow Jones. Dazu kam sie, wie es nur in Lateinamerika gehen kann: Beim Tango-Kurs lernte sie einen Lateinamerika-Korrespondent von Dow Jones kennen, der ihr erzählte, dass gerade ein Mitarbeiter für Marketing und Verkauf in Lateinamerika gesucht wurde. Sie bekam die Anstellung, die ihr sehr gut gefiel und die Möglichkeit bot, mit dem Unternehmen zusammen in Lateinamerika zu wachsen. Das war derart erfolgreich, dass sie ein paar Jahre später von einem bekannten großen chilenischen Unternehmen im Finanzgeschäft abgeworben wurde.

«Dort hat es mir überhaupt nicht gefallen, und mein Mann meinte: ´Du bist so dumm. Warum steckst du nicht deine Energie in dein eigenes Geschäft?´» Sie gab ihm Recht, kündigte und begann, sich vollständig um Chile Inside zu kümmern, das von da an rasant zu wachsen begann. «Andere Länder sind auch schön und ebenfalls eine Reise wert», sagte sie sich und gründete South America Inside, das inzwischen Auslandsaufenthalte in fast allen lateinamerikanischen Ländern anbietet.

So wie in Chile werden lateinamerikaweit Projekte für «Work and Travel», Praktika oder Freiwilligenarbeit sowie Spanischkurse angeboten. Darunter sind zum Beispiel Schutzprojekte für exotische Tiere im Dschungel in Ecuador oder die Arbeit in einem Nationalpark in Costa Rica. Die Arbeit in Naturschutzprojekten gibt es verstärkt in anderen Ländern und weniger in Chile, da es sich häufig um private Initiativen handelt. In Chile hingegen gibt es eine Möglichkeit im Nationalpark Torres del Paine zu arbeiten, ein begehrtes Ziel für viele ausländische Besucher.

Neu in Chile ist die Vermittlung von Au-pair-Stellen. Das sei sehr gut angelaufen. «Auf die Idee bin ich gekommen, als meine Tochter geboren wurde». Sie ist inzwischen zwei Jahre alt, und die Prioritäten haben sich für Marion Ruhland verschoben, seitdem sie Mutter ist. Ihr Mann, der zwischen Brasilien, Portugal und London aufgewachsen ist und ebenfalls im Finanzgeschäft tätig ist, und sie wechseln sich bei der Betreuung ab. Das sei ein großer Vorteil, den ihr ihre Selbstständigkeit jetzt ermöglicht.

Ist es nicht sehr mutig gewesen, sich in Chile selbstständig zu machen? «Mutig weiß ich nicht», antwortet sie. «Es konnte ja nichts passieren. Wenn es schief geht, muss man es einfach so hinnehmen. Ich habe ja nicht viel investiert, außer Zeit ohne Ende. Aber ich habe es nie als Arbeit verstanden, weil es mir extrem Spaß macht, neue Sachen zu kreieren. Zudem muss ich sagen, dass ich sehr gute Mitarbeiter habe». Inzwischen sind es 15 an der Zahl.

Etwas Neues geschaffen hat sie auch jetzt wieder. «GET Inside – Global Educational Travel» ist der Name des Programms, mit dem nun auch junge Chileninnen und Chilenen die Welt kennenlernen können – über einen traditionellen Urlaub hinaus. «Wir schicken sie nach Deutschland und hauptsächlich in englischsprachige Länder wie die USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada», erklärt Marion Ruhland.

Die Kunden von Marion Ruhland sind hauptsächlich junge Leute, die oftmals vor oder während dem Studium einen längeren Auslandsaufenthalt einschieben. Seit sie Mutter ist, hat sie so etwas wie Beschützer-Instinkt für sie entwickelt. Als sie mit Chile Inside begann, war sie selbst noch in dem Alter, in dem man sich ohne Bedenken in Abenteuer und ins Nachtleben stürzt. «Unsere Kunden sind sehr unabhängig. Wir können uns natürlich nicht für sie verantwortlich machen, aber wir bieten jede Woche ein interkulturelles Training an, in dem wir sie darauf vorbereiten, was hier alles anders ist als in ihrem Heimatland».

Sie selbst hat wenig Geduld mit den Kunden, die sich ständig über die Chilenen beklagen. «Ich finde die Deutschen cool, aber die Einstellung, über alles zu klagen, was nicht so läuft wie in Deutschland, mag ich nicht. Ich sage ihnen ´Versuche nicht, die Leute hier zu ändern. Sonst ist es ja keine Auslandserfahrung´».

 

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