Die Zeit ist knapp, der Vorsprung groß

Michelle Bachelet hat die Nase vorn. Das wusste man spätestens, nachdem das Ergebnis der Vorwahl bekannt wurde, bei der sie einen bequemen Vorsprung von 73 Prozent innerhalb ihrer «Nueva-Mayoría»-Koalition einheimste.

Niemand rechnete allerdings mit dem plötzlichen, gesundheitshalber begründeten Rücktritt von Pablo Longueira (UDI), der seinen Rivalen Andrés Allamand (RN) mit einer knappen Mehrheit von 51,35 Prozent geschlagen hatte. Allamand spendierte sich daraufhin Ferien und flog in die USA.

Kaum war Longueiras Ausscheiden bekannt geworden, brach Allamand vorzeitig seinen Urlaub ab und stieg in den Flieger, um in Santiago der Dinge zu harren, die da kommen sollten. Nicht zu Unrecht, denn trotz der Niederlage wurde sein Name sofort wieder als «die» Möglichkeit innerhalb von RN gehandelt. In den folgenden Tagen kamen beide konservativen Parteien ins Gespräch, um einen gemeinsamen Kandidaten zu finden. Das wollte nicht so recht klappen, weshalb die UDI am vergangenen Wochenende Evelyn Matthei aufstellte.

Die Medien räumten Frau Matthei sofort großzügig Platz ein. TVN eröffnete seine 21-Uhr-Nachrichtensendung am Sonntag mit einem 10minütigen Interview. Knapp anderthalb Stunden später stellte sich die Kandidatin den Fragen innerhalb der «Tolerancia-Cero»-Sendung in Chilevisión.

RN zeigte sich unangenehm überrascht, und nun entwickelte sich eine öffentliche Diskussion zwischen beiden Fraktionen, in der wiederholt Worte wie «Einheit» und «Zusammenhalt» fielen, die Praxis jedoch das Gegenteil zeigte. Manuel Ossandón, der für seine lockere Ausdrucksweise bekannte ehemalige Oberbürgermeister von Puente Alto, bezeichnete das Spektakel als «eine riesige Blamage» («un tremendo papelón»).

Am Dienstag gab Andrés Allamand bekannt, dass er als Präsidentschaftskandidat nunmehr nicht verfügbar sei. Er werde als Senator kandidieren, ließ er verlauten. Der begabte Politiker, der seit seiner Jugend aktiv an Wahlkämpfen teilgenommen hat, war offensichtlich enttäuscht. Er hatte damit gerechnet, dass seine Person nach dem Ausscheiden Pablo Longueiras, der ihn mit knapper Mehrheit geschlagen hatte, das Recht beanspruchen konnte, für beide Parteien zu kandidieren. Schließlich hatte es zwischen den beiden Herren einen Stimmenunterschied von kaum 2,75 Prozent gegeben.

Zudem peilte Allamand die Wähler der politischen Mitte an, «Velascos Witwer», wie jemand es treffend formulierte, die ihre Stimme bei dieser Gelegenheit nicht ohne weiteres Frau Bachelet geben werden, da ihnen der Links-Ruck der Kandidatin nicht entgangen ist, seitdem sie die Kommunisten in ihrer Koalition aufgenommen hat.

Das Gerangel zwischen UDI und RN vermittelt nicht gerade ein Image von Seriosität. Soll man einer Koalition Vertrauen schenken, die nicht imstande ist, innerhalb einer Woche einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen? Doch, man sollte: Wenn der Kandidat eine starke Persönlichkeit ist, der seine Leute auf Trab bringt, dann sind seine Möglichkeiten nicht mehr schlecht und das Gezerre schnell vergessen.

Der 19. August ist Stichtag zur Kandidateneinschreibung. Die Wahl steigt am 17. November. Kann der Mann oder die Frau der Konservativen noch hoffen, den Vorsprung Michelle Bachelets einzuholen? Einfach wird das nicht sein. Doch man denke indessen an den Wahlkampf im Jahr 1999, als Ricardo Lagos und Joaquín Lavín kandidierten. Der UDI-Mann schnitt in den ersten Monaten in den Umfragen miserabel ab. Mit der Zeit hob sich der Prozentsatz zu seinen Gunsten und im ersten Wahlgang erhielt er 47,3 Prozent der Stimmen und der Sozialist 47,9. Lagos erreichte erst im zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit. Und dieser Joaquín Lavín ist heute Evelyn Mattheis Generalissimus.

Eine Prognose aufzustellen, wer gegen Ende des Jahres Staatspräsident wird, ist riskant, obwohl gewisse Politik-Experten schon ihr Urteil gefällt haben. Sicher ist freilich, dass die chilenische Politik sich in den kommenden Wochen recht kurzweilig gestalten wird.

 

Von Walter Krumbach

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