Tiefe Gräben nach «Chávez-Sieg»

In Venezuela geht die Revolution weiter, aber der Unmut wächst. Der Chávez-Kandidat Maduro gewann die Wahl nur knapp. Die bürgerliche Opposition ist gestärkt, das Land gespaltener denn je.

Caracas (dpa) – «Meine Meinung ist absolut und unumkehrbar. Ihr solltet Nicolás Maduro wählen.» Diesen Wunsch haben die Venezolaner Hugo Chávez posthum erfüllt, allerdings äußerst knapp. Schon Ende vergangenen Jahres, Monate vor seinem Tod Anfang März 2013, hatte der an Krebs erkrankte «ewige Comandante» seinen Landsleuten Maduro als Nachfolger ans Herz gelegt. «Chávez wird am 14. April siegen», wiederholte Maduro im Wahlkampf immer wieder. Der Sieg kam, doch was überraschte, war, wie knapp er ausfiel. Nie war die Opposition in Venezuela dem Ziel eines Machtwechsels so nah. Sie will das Ergebnis nicht akzeptieren und pocht auf eine Neuauszählung der Stimmen.

Weniger als zwei Prozentpunkte oder rund 235.000 Stimmen blieb der 40 Jahre alte Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski vom Einzug in den Präsidentenpalast entfernt. Das sorgt für Unruhe. In nur sechs Monaten wurde der Opposition zum dritten Mal in Folge eine Niederlage beschieden. Erst verlor Capriles im Oktober 2012 die Präsidentenwahl gegen Chávez klar mit 44 zu 55 Prozent. Dann musste die Opposition im Dezember mehrere Gouverneursposten an die Chavistas abgeben. Und nun unterlag Capriles dem Chávez-Intimus Maduro hauchdünn. Dennoch geht das Oppositionslager gestärkt aus der Wahl, denn ihr Kandidat konnte deutlich zulegen.

Bei den Chavistas herrschte schon am späten Sonntagabend (Ortszeit) Jubelstimmung. «Viva Venezuela. Viva Chávez», rief der gewählte Staatschef Maduro vor dem Präsidentenpalast Miraflores tausenden Menschen zu. «Heute können wir sagen, dass wir einen legalen, verfassungsmäßigen Sieg errungen haben.» Seine Anhänger feierten den ersten Wahlsieg der Nach-Chávez-Ära frenetisch mit Feuerwerk und Auto-Korsos. Obwohl Maduro bei weitem nicht über das Charisma von Chávez, dem «Vater der Nation», verfügt, sehen viele in ihm den neuen «Comandante». Im Schatten von Chávez hat er gesiegt, nun muss er zeigen, ob er ohne ihn regieren kann.

Direkt nach der Wahl zeigte sich Maduro staatsmännisch. «Ich rufe das bolivarische Volk zum Frieden auf. Ich lade alle, die uns nicht gewählt haben, ein, mit uns zu arbeiten.» Das hätte vermutlich auch Capriles nach einem Wahlsieg so formuliert. Maduros Gegenkandidat Capriles wollte sich mit der Verlierer-Rolle nicht abfinden und wies wütend Behauptungen zurück, es gebe einen Pakt zwischen ihm und Maduro. «Ich bin ein Kämpfer. Ich paktiere weder mit der Lüge noch mit der Korruption», ließ er seinen Kontrahenten wissen und fügte hinzu: «Der Besiegte des heutigen Tages sind Sie.»

Nach dem Wahlsonntag ist Venezuela tief gespalten. Knapp die Hälfte der Wähler stimmte nicht für die Revolution und den von Chávez propagierten «Sozialismus des 21. Jahrhunderts», sondern eben für einen Kurswechsel. Der Chavismus stößt beim Wahlvolk offenbar an seine Grenzen. Die Opposition jedenfalls will das Wahlergebnis erst akzeptieren, wenn das Resultat umfassend überprüft wurde. Venezuela droht eine Hängepartie.

Der Chef der oppositionellen Zeitung «TalQual», der Ex-Guerillero Teodoro Petkoff (81), überschrieb seinen Leitartikel mit dem Titel: «Der gefälschte Sieg des Erben.» «Wie nie zuvor hat sich gezeigt, dass das Land in zwei gleiche Hälften geteilt ist.» Maduro habe nicht das geringste Geschick, den von Chávez hinterlassenen Problemen entgegenzutreten. Es gebe öffentliche Schulden in astronomischer Höhe, die Inflation liege weltweit auf Rekordhöhe, die öffentliche Leistungen hätten sich alarmierend verschlechtert, die Korruption sei legendär und die Straflosigkeit skandalös. All dies dürften Ursachen für den knappen Wahlsieg der Chavistas sein. «Armes Venezuela», folgerte Petkoff.

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