Postkarte aus Kuba

Che-Guevara-Postkarte
Postkarten mit Che-Guevara-Motiv zum Verkauf auf Kuba

 

Von Arne Dettmann

Als Schüler trug ich ein Hemd mit dem Bild von Che Guevara mit dem Spruch «Hasta la victoria siempre». Ich war jung, rebellisch und wollte gegen alle Ungerechtigkeiten auf dem Erdball angehen. Erst später erkannte ich, dass die meisten Revolutionäre und Weltverbesserer nicht zum Vorbild taugen. An ihren Westen klebt meistens Blut. Mein jugendliches Ungestümsein von damals habe ich mir allerdings großzügigerweise selbst verziehen.

Vor ein paar Jahren besuchte ich Kuba. Und wen erblickte ich dort an einem Postkartenständer im Urlaubsparadies Varadero? Genau, Che Guevara. Ich konnte es kaum fassen, was für eine Ironie: Das Symbol des lateinamerikanischen Guerilleros schlechthin, eine der schillerndsten Figuren des sogenannten anti-imperialistischen Kampfes – nun als Konterfei auf einer harmlosen Ansichtskarte, gekauft von einem Urlauber aus einem kapitalistischen Land, das zudem längst wiedervereint war dank des Zusammenbruchs des sozialistischen Ostteils.

Was hätte der Verfechter der Arbeiterklasse bloß gesagt, wenn er gewusst hätte, dass sein Foto einst als Postkartenmotiv für Reisende in Vier- und Fünf-Sterne-Hotels herhalten würde? Glücklicherweise blieb im diese Schmach erspart, er starb 1967.

 

Fidel Castro dagegen erlebte alles mit, den Fall der Berliner Mauer und den Untergang des Ostblocks. Doch von Umdenken, Zweifel und Selbstkritik keine Spur. Die Welt veränderte sich, aber unbeeindruckt hielt der Máximo Líder seine stundenlangen Marathon-Reden, während seiner Bevölkerung längst die Puste ausging und tausendfach nach Miami desertierte. Wie war das noch? «Die Geschichte wird mich freisprechen.» – Nein, eher ist es wohl so, dass das Rad der Geschichte ihn überrollte.

Denn ganz nüchtern betrachtet hat es das sozialistische Projekt der Kubanischen Revolution von 1959 nie geschafft – ähnlich wie die DDR – wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Zuerst half die Sowjetunion mit Milliardentransfer, dann später, nach dem Fall des Ostblocks, mussten Touristen samt ausländischer Investoren das unterentwickelte Kuba mit Geld versorgen. Die venezolanischen Petrodollars halten das marode System weiterhin aufrecht und verlängern doch nur die Agonie.

 

Unterdessen machte Fidel Castro weiter, so als ob nichts passiert sei. Bei meinem Besuch auf Kuba sah ich diese Propaganda-Plakate für den Politiker und dessen Regime. Sie wirkten genauso überholt und absurd wie Castro selbst, ein Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges. Die offizielle Zeitung des Zentralkomitees der kommunistischen Partei, die «Granma», bediente sich eines Kampf-Jargons, der aus den 30er und 40er Jahren zu entspringen schien. Purer Anachronismus.

Es geht voran, so lautete dort der Tenor – doch in Havanna bröckelten die Fassaden der einst architektonisch so schönen Gebäuden. Immerhin, für manchen Fotografen gaben sie ein reizvolles Motiv ab, sozusagen die morbide Ästhetik des Verfalls mit exotisch-karibischem Flair. Das deutsche Gegenstück dazu wäre wohl eine graue Plattenbausiedlung in Ost-Berlin oder die heruntergekommene Infrastruktur in der einstigen DDR. Die Bundesrepublik, immerhin die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt, hat es bis heute, 26 Jahre nach der Wiedervereinigung, immer noch nicht ganz geschafft, den einst kommunistischen Osten auf das Westniveau anzuheben. Wie lange wird wohl das arme Kuba brauchen, wo immer noch die alten Revolutionäre von einst herrschen?

 

Fidel Castro umwehte stets – natürlich vor allem von Seiten der Linken – eine Aura der Bewunderung, gespeist aus einer gewissen Art von Revolutionsromantik, verbunden mit der Sehnsucht auf eine bessere Welt. Doch die Geschichte lehrt, dass die meisten radikalen Umstürze, um dem Menschen eine solche bessere Welt zu schaffen, ins Gegenteil umschlugen. So auch in Kuba, wo Fidel Castro die Batista-Diktatur durch seine eigene ablöste und sich dann eisern jahrzehntelang an der Macht hielt.

Nun ist er tot. Und sollte ich noch einmal nach Kuba fahren, würde ich nach einer Postkarte mit einem Fidel-Castro-Foto suchen und sie dann mit Reisegrüßen verschicken. Auch zur Erinnerung daran, dass alles auf diesem Globus nur einen vorübergehenden Charakter aufweist und selbst so starrsinnige und gefährliche Männer wie Castro, die fast einmal einen Atomkrieg ausgelöst hätten, schließlich auf einer Urlaubsansichtskarte enden können.

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