Der große Bruder vom Festland

Der Jahrestag der chilenischen Inbesitznahme der Insel weckt Erinnerungen an die Geschichte und stellt wieder die Frage nach der Autonomie Rapa Nuis.

Als Sebastián Piñera 2012 zu seinem ersten offiziellen Besuch auf der Osterinsel eintraf, wurde er wie alle Besucher mit Blumenketten und traditionellem Tanz empfangen. Zwei Jahre zuvor hatte er sein Amt als Präsident angetreten und kurz darauf das 200-jährige Bestehen der Republik gefeiert. Auf Rapa Nui, wie die Osterinsel auch genannt wird, stand er nun im lockeren, weißen Hemd und lächelte in die Fernsehkameras. Hinter ihm die chilenische Flagge mit dem Regierungsemblem und daneben ein Moai. Es ist ein Bild, das von einer politischen und kulturellen Beziehung erzählt. Eine Beziehung, die jedoch noch keine 200 Jahre besteht und nun wieder für Diskussionen sorgt. Der 9. September 2013 ist der 125. Jahrestag der Zugehörigkeit der Osterinsel zu Chile.

Im 18. Jahrhundert galt das Eiland inmitten des Pazifiks als uninteressant. Es war weder groß noch reich an Rohstoffen, und es kursierten Gerüchte um dort herrschenden Kannibalismus. Darüber hinaus lag es so weit abgelegen von den Küsten Südamerikas, Tahitis und Neuseelands, dass niemand Anspruch auf das Land erhob.

Im 19. Jahrhundert häuften sich jedoch die Besuche fremder Seefahrer. Auf der Suche nach Zwangsarbeitern und Frauen verschleppten sie ein Drittel der Bewohner als Sklaven. Neben der physischen Gewalt kamen mit den Fremden jedoch auch Krankheiten, die die Bevölkerung der Insel weiter dezimierten. Im Jahr 1877 wurden noch genau 111 Einheimische gezählt.

Keine zehn Jahre später reiste der Chilene und ehemalige Marinesoldat Policarpo Toro Hurtado auf die Osterinsel. Beim Anblick der Insel und ihrer Bewohner kontaktierte er den chilenischen Präsidenten Balmaceda und drängte darauf, die Insel zu annektieren. Für Chile wäre die Insel ein strategisch günstiger Posten in Zeiten der militärischen Ausbreitung. Balmaceda ging auf den Vorschlag ein und so kam es am 9. September 1888 zum Vertragsschluss zwischen Toro und dem König Atamu Tekena. Für die Rapa Nui schien dieser Pakt eine Hoffnung auf Schutz vor weiteren Übergriffen.

Doch es kam anders. Die chilenische Regierung, die sich in den darauf folgenden Jahren wenig um die Insel kümmerte, verpachtete sie und begann damit eine erneute Zeit der Ausbeutung und Epidemien. Erst 1965, über 75 Jahre nach dem Freundschaftsvertrag, kam es nach Aufständen um den Rapa Nui Alfonso Rapu zu den ersten freien Bürgermeisterwahlen. Auf diese folgten der Bau des ersten Flughafens der Insel und das Recht auf chilenische Staatsbürgerschaft für die Rapa Nui. 1995 erklärte die UNESCO die Osterinsel zum Weltkulturerbe.

Es ist diese Geschichte, die die Beziehung zwischen der Osterinsel und Chile so kompliziert macht. Denn die ausgebliebene Hilfe ist noch lange nicht vergessen. «Es wurde ein Freundschaftsvertrag geschlossen – und was macht Chile? Es gibt die Insel an eine ausbeuterische Firma ab. Und damit ging die Sklaverei der Insulaner weiter», kritisiert der Anwalt Mata-Uiroa Atan. Er organisiert dieses Jahr nicht zum ersten Mal eine Demonstration für den 9. September. Es sei die letzte Chance, die man dem «Freund vom Festland» geben würde, um die begangenen Fehler zu berichtigen. Ansonsten, erklärt Atan, würde man eine Klage vor die Vereinten Nationen bringen.

Doch längst nicht alle Einwohner Rapa Nuis sehen die Zugehörigkeit so problematisch. Alberto Hotus ist Präsident des Consejo de Ancianos, einer Institution, die sich um den Schutz des Kulturerbes der Rapa Nui sorgt. Hotus war schon 1949 nach Chile gereist, um das missachtete Recht der Rapa Nui einzufordern. Heute aber sagt er, dass «es uns besser geht als jeder Kommune in Chile. Vorher gab es nichts. Und wenn Leute sagen, dass es uns vorher besser ging, dann ist das eine Lüge.»

Während die einen Autonomie fordern und auf Geschichte und Tradition verweisen, sehen sich viele Bewohner der Insel längst als Chilenen an. Dazu kommt der florierende Tourismus, von dem einerseits die meisten Rapa Nui leben, von dem jedoch auch der chilenischen Staat profitiert. Eine Einigung über die politische Zusammenarbeit zu finden ist schwierig. Das weiß auch Pedro Edmunds Paoa, Bürgermeister Rapa Nuis. Er schlägt ein autonome Verwaltung vor. «Die absolute und vorbehaltslose Staatshoheit Chiles ist kein Problem, aber eure Regeln funktionieren nicht bei uns. Wir sind 4.000 Kilometer von euch entfernt, wir wollen besondere Chilenen sein.»

Zum Feiern reicht es bei vielen also noch nicht. «Wir können nicht feiern, so lange nicht das eingehalten wird, was vor 125 Jahren beschlossen und seitdem nie eingehalten wurde», erklärt der Bürgermeister. Doch der Weg scheint für viele in die richtige Richtung zu gehen, wenn die Flagge der Regierung weiterhin neben dem Moai weht. So resümiert Hotus: «Als Chilenen geht es uns gut.»

 

Von Daniel Stoecker

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