Mehr Einwanderung gegen Bevölkerungsschwund

Demografie und Migration in Chile

Chile hat immer weniger Einwohner im erwerbstätigen Alter. Eine aktive Einwanderungspolitik könnte eine Lösung sein, lautete der Tenor auf einer Konferenz in Santiago de Chile über die demografische Entwicklung.
Chile hat immer weniger Einwohner im erwerbstätigen Alter. Eine aktive Einwanderungspolitik könnte eine Lösung sein, lautete der Tenor auf einer Konferenz in Santiago de Chile über die demografische Entwicklung.

 

Chile befindet sich auf dem Weg in die Überalterung. Die Konferenz «Herausforderungen des demografischen Wandels: Produktivität, Innovationskapazität und Wettbewerbsfähigkeit» an der Universidad Autónoma de Chile sah in der Migration einen möglichen Lösungsansatz.

 

Von Petra Wilken

Damit die Bevölkerungszahl stabil bleibt, benötigte Chile eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau. Sie liegt jedoch bei 1,9. Die Faktoren sinkende Geburtsziffern plus Anstieg der Lebenserwartung werden zu immer größeren Bevölkerungsanteilen über 64 Jahren führen: 2020 wird die produktive Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren bei 68 Prozent liegen. 2050 wird sie nur noch 60 Prozent betragen, wobei der Anteil der Chilenen über 64 Jahren auf 24 Prozent steigen wird.  

«Unsere Nachbarn Argentinien, Peru und Bolivien hingegen werden einen geringeren Anteil an alten Menschen haben. Ihre demografische Performance ist gesünder. Sie gehören zu der Gruppe von Ländern mit einer Geburtenrate von zwei bis drei Kindern pro Frau», erklärte Roberto Ruiz, Berater im chilenischen Außenministerium und Rechtsanwalt mit Magister der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Im Moment könne Chile noch von einer sogenannten demografischen Dividende zehren, da das Land noch auf einen Überschuss an jungen Menschen bauen kann. Doch bereits in 15 Jahren werde sich das Blatt wenden.

An der ersten Veranstaltung des Konferenzzyklus «Chile 2030 – Gesellschaft im Wandel» der Universidad Autónoma in Providencia am 31. August nahm neben zwei chilenischen Referenten auch ein deutscher Experte teil: Dr. Marc Bovenschulte, Leiter des Bereiches Demografischer Wandel und Zukunftsforschung am Institut für Innovation und Technik (iit) in Berlin, der von der Hanns-Seidel-Stiftung eingeladen worden war, zeigte, dass überall auf der Welt – außer in Afrika – die Bevölkerung immer älter wird.

 

Alte Menschen müssen länger arbeiten

«Auf die Wirtschaft wirkt sich das so aus, dass die Menschen mehr arbeiten müssen. 2035 wird die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland um 15 Prozent steigen müssen», erklärte Bovenschulte. Aufgrund von Mangel an Arbeitskräften müssten die älteren Menschen später in Rente gehen.

Doch nicht alles ist nur negativ mit zunehmendem Alter: Während die erfolgreichsten Technologiegründungen statistisch gesehen im Alter von 40 Jahren stattfänden, so seien die Ideen wie der Wein – je älter umso besser, so Bovenschulte. «Jedes Alter zählt», hat sich die deutsche Regierung auf die Fahne geschrieben und fördert Initiativen, in denen das frische akademische Wissen der Jungen mit dem Erfahrungsschatz der Alten kombiniert wird.

 

Globale Konkurrenz

Roberto Ruiz stellte dar, dass der demografische Wandel Chiles auch außen- und geopolitische Aspekte hat. Die althergebrachte Hegemonie der Achse USA-Europa verschiebe sich derzeit nach Asien mit China und Indien an der Spitze. Während heute 390 Millionen Chinesen eine Universitätsausbildung haben, so würden es 2030 rund 750 Millionen sein. «Wir müssen nicht nur mit einem großen Bevölkerungszuwachs rechnen, sondern auch mit einer gut ausgebildeten Masse im arbeitsfähigen Alter», erklärte Ruiz.

Für Chile, so Ruiz, sei es insbesondere wichtig, ein Auge auf die extremen Regionen im Süden und Norden zu werfen. Sowohl Arica als auch Magallanes hätten mit abnehmender Bevölkerung zu kämpfen, während es Argentinien und Peru geschafft hätten, mehr Menschen in ihren Grenzgebieten und in entlegenen Zonen anzusiedeln. So habe Argentinien mit gezielter Beschäftigungspolitik die Bevölkerung des Nachbarterritoriums auf Feuerland deutlich erhöht.

Was tun? Alle drei Redner der Konferenz sahen in einer gezielten Einwanderungspolitik ein hohes Potenzial, um die Situation Chiles zu verbessern. Ein vehementes Plädoyer pro Migration gab Álvaro Bellolio, Direktor der Stiftung «Nuevas Contingencias Sociales». Der Ingenieur mit Master in Politikwissenschaft der Universität Chicago erklärte: «Die Migranten kommen nach Chile, um ihre persönliche Einkommenssituation zu verbessern und als Konsequenz verbessern sie auch die Lebensqualität der Chilenen, indem sie zu deren sozialen Aufstieg beitragen».

Die Auswirkungen der Einwanderung in Chile seien geschichtlich ausgesprochen vorteilhaft gewesen. Als Beispiel nannte er die deutsche Einwanderung. Doch nicht nur in der Vergangenheit auch aktuell sei die Bilanz positiv für Chile.

Laut Bellolio passen sich die Migranten besser an die Bedarfe des Arbeitsmarktes an, haben im Schnitt eine höhere Bildung als die Chilenen und machen sich auch mehr selbstständig. Während die Einwanderung aus den direkten Nachbarstaaten Peru, Argentinien und Bolivien gesunken sei, so sei jetzt ein Phänomen des Brain Drain aus Venezuela und Haiti zu beobachten.

 

Wettbewerb um Migranten

«Die Einwanderung wird zunehmen. Chile wird sich mehr und mehr zu einem multikulturellen Land entwickeln.» Die Einwanderungsquote könnte 2030 auf zwischen 4 und 4,8 Prozent der Bevölkerung steigen, was in absoluten Zahlen bis zu 940.000 Migranten wären.

«Chile muss in diesem Zusammenhang auch daran arbeiten, die Produktionsmuster zu ändern und eine höhere Wertschöpfung erreichen. Die Digitalisierung der Produktion ist eine globale Herausforderung», mahnte Marc Bovenschulte.

«Könnten Migranten heute gar erneut entlegene Gebiete in Chile kolonisieren?», fragte Moderator Sebastián Aguirre vom Fernsehredner CNN die drei Redner. Von Kolonisierung zu sprechen fand Roberto Ruiz nicht mehr angemessen, doch es könne schon daran gedacht werden, Einwanderer auch gezielt in den Regionen anzusiedeln. «In Zukunft werden auch andere Länder in Lateinamerika eine derart stabile wirtschaftliche Entwicklung wie Chile erreichen. Dann wird Chile um Migranten konkurrieren», schloss Ruiz.

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