Deutsch-deutscher Konkurrenzkampf um Chile

Buch über deutsche Diplomatie in Chile:
«Im Schatten des Ost-West-Konflikts»

Bundespräsident Joachim Gauck in Chile; links daneben Präsidentin Michelle Bachelet
Bundespräsident Joachim Gauck und Präsidentin Michelle Bachelet beim Chile-Besuch 2016: In der Zeit des Kalten Kriegs bemühte sich die BRD über Kulturarbeit Einfluss in Chile zu gewinnen. Aber auch die DDR gründete Anfang der 60er Jahre das Instituto Chileno-Alemán Democrático de Cultura. Dieses bot Deutschunterricht sowie Film- und Vortragsabende an und entsprach dem Tätigkeitsfeld des westdeutschen Goethe-Instituts, das allerdings personell und finanziell deutlich besser ausgestattet war.

Chile ist zwar aus deutscher Sicht sehr weit entfernt. Dennoch zeigt der Autor Tomas Villarroel Heinrich in seinem Buch auf, wie sehr die westdeutsche Diplomatie in den Jahren 1952 bis 1966 an dem südamerikanischen Staat interessiert war und im Zeichen des Ost-West-Konfliktes hier ganz handfeste Ziele verfolgte.

Von Arne Dettmann

Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte sich die Bundesrepublik, als eine moderne westliche Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Im Annäherungsprozess mit Chile ließ die BRD allerdings zunächst extreme Vorsicht im Umgang mit dem so genannten Auslandsdeutschtum walten. Villarroel: «Bedingt durch die geographische Entfernung, die Unterbrechung politisch-diplomatischer Beziehungen (1943-1952) und die Abwesenheit von Nationalsozialismus und Krieg, verfügte die deutsch-chilenische Minderheit im Chile der 50er Jahre über ein rückwärtsgewandtes Deutschlandbild.»

Das führte offenbar in den ersten Jahren zu unangenehmen Reibungen. Villarroel erwähnt ein Vereinsfest 1952, auf dem nationalsozialistische Töne erklangen, so dass sich die deutsche Botschaft gezwungen sah, eine scharfe Linie zu ziehen und unmissverständlich mitteilte, dass eine Zusammenarbeit mit solchen Vereinen ausgeschlossen sei, und zwar auch dann, wenn solche Äußerungen Entgleisungen einzelner Mitglieder zu später Nachtstunde waren.
«Bemerkenswert ist hier, dass ausgerechnet ehemalige NS-Diplomaten (Campe, Strack, von Nostitz) nun das Ringen um eine Abkehr von der wilhelminischen und nationalsozialistischen Vergangenheit vorantrieben», erläutert Tomas Villarroel.

Die Lage entspannte sich allerdings zunehmend, was nicht so sehr auf den tatsächlichen oder vermeintlichen Wandel deutschstämmiger Vereinigungen zurückzuführen sei, sondern vielmehr den globalen Rahmenbedingungen geschuldet war. Die Bundesrepublik erlangte 1995 ihre volle Souveränität, verfügte dank des wirtschaftlichen Aufschwungs über einen soliden Finanzetat und schätzte das Risiko geringer ein, die chilenische Regierung könnte eine Zusammenarbeit mit deutschstämmigen Kreisen irgendwie missdeuten. So sparte die BRD nicht an Anerkennung hinsichtlich der Leistung deutscher Einwanderer und deutschstämmiger Bevölkerung in Chile, besonders 1960 anlässlich des Erd- und Seebebens in Valdivia.
Ab 1961 unterstützte Bonn finanziell direkt deutsche Vereine, Hilfs- und Sportvereine, Feuerwehrkompanien, Chöre und nicht zuletzt Burschenschaften, die die Botschaft wegen des Sprachgebrauchs als Ausstrahlungszentren deutscher Kultur verstand.

Doch Westdeutschland befand sich mittlerweile auf dem politisch-diplomatischen Parkett nicht mehr allein. Auch die DDR versuchte auf dem Weg der Kulturpräsenz in Chile Fuß zu fassen. Bonn reagierte im deutsch-deutschen Konkurrenzkampf mit einer verstärkten Kulturdiplomatie. Gründungen deutsch-chilenischer Kulturinstitute in kleineren, unbedeutenden Städten hatten jetzt klar einen politischen Hintergrund. Auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit chilenischen Universitäten bekam eine politische Färbung. Das Buhlen um die chilenische Gunst artete in einen «regelrechten Kulturkrieg» aus, so Villarroel.

Der Kalte Krieg, die Kulturoffensive der DDR und die Furcht, links-revolutionäre Kräfte könnten in Chile die Oberhand gewinnen, machten den Andenstaat zum bevorzugten Handlungsfeld bundesdeutscher Lateinamerikapolitik Anfang und Mitte der 60er Jahre. Die deutsche Botschaft ging über zu einer proaktiven Tätigkeit, die sich nun auch stark an gesellschaftliche Akteure in einer Art «Begegnungspolitik» richtete. «Die Zusammenarbeit mit den Kirchen hin zum Sozialengagement diakonischer Werke, die Gewerkschaftsarbeit und die Umsetzung einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit zeigen, welch ein Gewicht Chile im bundesdeutschen-lateinamerikanischen Beziehungsgeflecht beigemessen wurde.»
Da Reformen als ein notwendiges Mittel erschienen, um eine Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern, öffnete sich die westdeutsche Diplomatie zunehmend sozialreformerischen Kräften in Chile. Diese Überzeugung führte zu einer Kooperation mit der Christdemokratischen Partei Chiles (Partido Demócrata Cristiano de Chile, PDC).

Diese Rechnung ging allerdings nicht auf, meint Tomas Villarroel. Im Jahr 1970 gewann nicht der christdemokratische Kandidat Tomic, sondern der marxistische Sozialist Allende die Wahl in Chile. Eine Koalition marxistischer Prägung regierte von nun an das Land. «Somit war eine weitere Zielsetzung westdeutscher Chilepolitik, nämlich die Stärkung demokratischer Kräfte des politischen Zentrums in diesem Zeitraum nicht gelungen.»
Die bilateralen Beziehungen wuchsen über die Jahrzehnte jedoch weiter – bis zum Chile-Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck im Juli 2016.

Info: Tomas Villarroel Heinrich, «Im Schatten des Ost-West-Konfliktes: Der Aufbau politisch-kultureller Beziehungen zwischen Westdeutschland und Chile 1952–1966», Nomos-Verlagsgesellschaft, 2017, Sprache: Deutsch, Umfang: 405 Seiten, ISBN/EAN: 9783848728381.

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