Chiles vergessene Kinder

Wie viele Kinder starben bisher in der Obhut des chilenischen Jugendamtes Sename? Ein Untersuchungsausschuss versucht derzeit die Anzahl und die Todesursachen zu ermitteln.

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Chiles Jusitzministerin Javiera Blanco und der unabhängige Parlamentarier René Saffirio

Von Arne Dettmann

Am Anfang stand die Zahl 185. So viele Kinder und Jugendliche sollen zwischen Januar 2005 bis Mai 2016 in der Obhut des chilenischen Jugendamtes Sename (Servicio Nacional de Menores) verstorben sein. Diese Angabe hatte das Justizministerium auf Anfrage des Abgeordneten René Saffirio (parteilos) Anfang Juli geliefert. Doch dann tauchte eine Erhebung des Kinderhilfswerks Unicef der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2012 auf, die besagt, dass alleine 2010 bereits 75 betreute Kinder verstarben. Diese Zahl lag weit über den 15 Todesfällen, die das Jugendamt für 2010 angegeben hatte.

Der misstrauisch gewordene Parlamentarier stellte nun kürzlich seine eigene Rechnung auf: Demnach starben 477 Kinder im besagten Zehn-Jahres-Zeitraum. Der eklatante Unterschied, so Saffirio, ergebe sich aus einer fehlerhaften Anwendung der Statistik seitens Sename. Justizministerin Javiera Blanco räumte unterdessen ein, dass verstorbene Jugendliche bisher verwaltungstechnisch nicht erfasst worden seien.

Die schwierige Suche nach verlässlichen Zahlen wirft ein Licht auf eine staatliche Institution, die 1979 ins Leben gerufen wurde, um Waisenkinder und andere Minderjährige unter staatlicher Aufsicht zu schützen. Es sind vielfach Opfer häuslicher Gewalt sowie sexuellen Missbrauchs oder Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, die Erziehung zu übernehmen. Das Jugendamt betreut landesweit 100.000 solcher Schutzbedürftigen – und scheint damit überfordert.

Im April starb die 11-jährige Lissette Villa Poblete an einem Herzstillstand in einem Sename-Wohnheim, wo sie seit Ende 2014 lebte. Die Eltern werfen der Heimleitung vor, dem Kind zu viele Beruhigungsmittel verabreicht zu haben, ihr Anwalt klagt wegen fahrlässiger Tötung. Die damalige Sename-Vorsitzende trat zurück, es war laut Presseberichten bis dato der dritte Todesfall innerhalb von 24 Monaten bei Einrichtungen des Jugendamts. Doch sollten die nun kursierenden neuen Zahlen stimmen, könnten es viel mehr sein.

Mangelnde Infrastruktur, ungenügendes Personal, Überfüllung – die Kritikliste ist lang. Im vergangenen Jahr streikten Angestellte des Jugendamtes dreimal, um auf die defizitäre Situation und die schlechten Arbeitsplatzbedingungen aufmerksam zu machen. Im April 2014 befasste sich das Parlament mit der Situation des Jugendamtes sowie Strafanzeigen wegen Körperverletzung und sexuellen Missbrauchs innerhalb der Einrichtungen.

Von den 258 Heimen stehen nur zehn direkt unter staatlicher Leitung, die anderen Einrichtungen werden von privaten Dienstleistern geführt, die im Auftrag von Sename die Minderjährigen betreuten. Entsprechend warf René Saffirio der Justizministerin Blanco am Dienstag während einer Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss vor, die Kontrolle dieser privaten Heime vernachlässigt zu haben und kündigt eine Verfassungsklage gegen die Ministerin an. «Die Ministerin hat unpräzise, vage, zusammenhangslose, nicht befriedigende Antworten gegeben. Wenn wirklich alles so gut läuft, wieso sterben dann weiterhin Kinder?»

Die Justizministerin wiederum verteidigte sich: In 37 Jahren hätte niemand nach den Verstorbenen bei Sename gefragt. Jetzt würden zum ersten Mal Daten gesammelt.

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