«Chile gilt als verlässlicher Partner»

Der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier wird ab nächster Woche Chile und Peru besuchen. Der Cóndor erhielt vorab ein schriftliches Interview. Die Fragen formulierte Redaktionsleiter Arne Dettmann.

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Volker Bouffier (CDU) ist seit 2010 Hessischer Ministerpräsident. Das Bundesland mit 6,2 Millionen Einwohnern erwirtschaftet ein Bruttoinlandsprodukt von 263 Milliarden Euro. Landeshauptstadt ist Wiesbaden, bevölkerungsreichste Stadt Frankfurt am Main. Foto: Hessische Staatskanzlei

Herr Ministerpräsident, wie schaut Ihr Programm in Chile aus? Wen werden Sie treffen und wer begleitet Sie?

Gemeinsam mit einer Delegation aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie Abgeordneten des Hessischen Landtags werde ich vom 31. August bis 3. September nach Chile reisen und im Anschluss Peru besuchen. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit hochrangigen Politikern in Santiago de Chile. Geplant ist beispielsweise ein Treffen mit Staatspräsidentin Michelle Bachelet. Zudem werde ich mit dem Energieminister Máximo Pacheco Matte zu einem Gespräch zusammenkommen. In Valparaíso steht der Austausch mit dem Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Osvaldo Andrade, auf der Tagesordnung.

Ein wichtiges Anliegen ist, neue Kontakte zu knüpfen und bereits bestehende Kooperationen auszubauen. Deshalb begleiten mich wichtige Funktionsträger der hessischen Wirtschaft und Wissenschaft. Sie werben als «Türöffner» für Investitionen in Hessen und aus Hessen heraus. Wichtig ist auch die Unterzeichnung eines Memorandum of Understandig zwischen der Hochschule Geisenheim und der Universidad de Chile sowie mit dem Weinbauverband Wines of Chile sowie verschiedene Firmenbesuche. Hier möchte ich unseren Besuch der Niederlassung des hessischen Unternehmens K+S hervorheben, dem größten deutschen Investor in Chile.

Wichtig ist mir auch das Gedenken an die Opfer der Diktatur General Pinochets. Ihnen möchte ich mit einer Kranzniederlegung im Museo de la Memoria y los Derechos Humanos in Santiago de Chile gedenken. In der Villa Grimaldi ist ein Gedankenaustausch mit der Vorsitzenden der Vereinigung für Erinnerung und Menschenrechte Colonia Dignidad geplant.

 

Wieso haben Sie sich gerade Chile und Peru als Reiseziel gewählt?

Beide Länder gehören zu den aufstrebenden Wirtschaftsregionen Südamerikas. Sie sind moderne und zukunftsorientierte Regionen mit vielversprechendem Markpotenzial für das 21. Jahrhundert, das bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Daher sehen wir in der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern enormes Entwicklungspotenzial.

Chile blickt heute auf eine lange Phase politischer Stabilität zurück und gilt sowohl mit seiner besonnenen und nachhaltigen Wirtschaftspolitik als auch im politischen Dialog weltweit als verlässlicher Partner. Das Land arbeitet beispielhaft seine Vergangenheit auf. Zudem hat es gerade mit seinem Sieg in einem hochdramatischen Finale seinen Titel gegen Argentinien bei der Copa América verteidigt. Peru gilt als «Hidden Champion» Lateinamerikas: Eine demokratisch stabile Nation, wirtschaftlich und strategisch bedeutsam. Als drittes Land Lateinamerikas strebt es in die OECD und wird damit definitiv zu einem Industrieland aufsteigen. Die stabilen makroökonomischen Zahlen und die soliden Staatsfinanzen der letzten zehn Jahre sprechen dafür.

Ich freue mich auf die Begegnung und den Austausch mit den Menschen und bin gespannt auf die vielschichtige Gesellschaft der beiden aneinander grenzender Nationen, deren Landesfläche sich zusammen betrachtet fast vom Südpol bis an den Äquator erstreckt und die eine ganz unterschiedliche Entwicklung hinter sich haben.

 

Erläutern Sie doch bitte unseren Lesern kurz einiges zu Hessen: Welche Bedeutung hat das Land und was zeichnet es aus?

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Das Bundesland Hessen liegt im Zentrum Deutschlands.

Hessen ist ein Land der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kultur und der Natur. Seine Leistungskraft als eine der wirtschaftsstärksten Regionen im Herzen der Europäischen Union gründet sich unter anderem auf den Finanzplatz und den internationalen Großflughafen Frankfurt, der auch mit wichtigen Straßen- und Schienenverbindungen die Verkehrsdrehscheibe Deutschlands ist. Weitere Faktoren sind die Dienstleistungsunternehmen, die Forschung und Lehre an den Hochschulen, die digitale Wirtschaft und Industriebetriebe im Rhein-Main-Gebiet sowie die Mobilitätswirtschaft in Nordhessen.

Gleichzeitig bietet Hessen, das Land Goethes und der Brüder Grimm, der documenta und des Rheingau Musik Festivals, der Kultur eine Heimat. Die Landschaft unseres Landes ist geprägt von den Mittelgebirgen, den Auenlandschaften und Seen sowie den Weinbergen des Rheingaus. Und nicht nur sie macht Hessen auch für Touristen sehr attraktiv. In unserem abwechslungsreichen Land leben Menschen mit vielen Ideen und Visionen, die anpacken und Zukunft gestalten.


Was verbinden Sie mit Lateinamerika und besonders mit Chile? Sind Sie das erste Mal in Südamerika?

Mit meinem zweiten Besuch in Südamerika als Hessischer Ministerpräsident komme ich nach 2013, als ich in Argentinien und Brasilien war, auf einen Kontinent zurück, der mit vielen positiven Attributen verbunden ist. Daher habe ich habe mir für meine Delegationsreise ganz gezielt diese beiden Länder ausgesucht, in denen wir großes Potenzial für eine erfolgreiche Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen sehen. Zudem haben viele in Chile – aber auch in Peru – lebende Menschen europäische Wurzeln. Umgekehrt fühlen sich chilenische Bürger heute auch in Hessen wohl. Wir freuen uns, dass Deutschland für sie attraktiv ist und wollen dafür werben, diesen interkulturellen Austausch weiter zu verstärken und zu verstetigen.

 

Hier in der chilenischen Presse wird viel über die Flüchtlingssituation in Europa und speziell Deutschland berichtet. Welche Politik vertreten Sie diesbezüglich?

Die Flüchtlingssituation in Europa stellt uns nach wie vor eine bis dato nicht gekannte Herausforderung. Im vergangenen Jahr sind allein 80.000 Menschen zu uns nach Hessen gekommen. Dabei ist es gelungen, allen Schutzsuchenden ein Obdach zu geben und sie anständig zu versorgen. Nun gilt es, die bei uns bleibenden Menschen gut in die Gesellschaft zu integrieren, aber auch diejenigen wieder nach Hause zu schicken, die kein Asyl bekommen.

Zur Bewältigung der Flüchtlingssituation haben wir in Hessen einen eigenen Aktionsplan aufgestellt, der die Flüchtlinge integriert und den gesellschaftlichen Zusammenhalt bewahrt. Damit das gelingt, haben wir hunderte von Sprachlehrern für Deutschkurse eingestellt, Integrationsprojekte auf den Weg gebracht, Finanzhilfen für die Städte und Kommunen gewährt, ehrenamtliche Strukturen gestärkt und Stellen bei Polizei und Justiz geschaffen. Wir kooperieren auch mit der Wirtschaft, damit diese Menschen Arbeitsstellen erhalten. Ein Fokus liegt zudem auf der Bekämpfung der Fluchtursachen in den Herkunftsländern wie Syrien oder Afghanistan selbst. Denn nur wenn die Kriege und Krisen verhindert beziehungsweise beendet werden, sind Flucht und Vertreibung zu lösen.

Herr Ministerpräsident, wir bedanken uns für das Interview.

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